Es war die Sensation des Jahres 1942. Im dritten Sommer der deutschen Besatzung erschien in Paris bei Gallimard ein Roman, der eine neue literarische und philosophische Epoche einleiten sollte. Den Autor kannten damals nur Eingeweihte. Die wussten auch, dass er mit den Kommunisten und der Résistance sympathisierte. Dennoch winkte der schillernde Gerhard Heller, bei der „Propaganda-Staffel“ der deutschen Botschaft für die literarische Zensur in Frankreich zuständig, das Buch durch.
Heller, einer jener frankophilen Nazis, die bevorzugt ins besetzte Frankreich entsandt wurden, hatte sich von seinen Informanten sagen lassen, dass hier ein neues Talent zu entdecken sei. Er las das Buch eigenen Angaben zufolge in einer Nacht durch, erkannte den unerhörten neuen Ton des Textes und sah sich in seiner Entscheidung bestätigt, als das Buch von der Kritik einhellig als Großtat gefeiert wurde. Marcel Arland schrieb damals in einem Aufmacher für die Zeitschrift „Comoedia“: „Wir haben einen neuen Schriftsteller … Albert Camus.“
„Der Fremde“ machte den Algerienfranzosen Camus, der 1957 den Literaturnobelpreis erhielt, nicht nur mit einem Schlag berühmt. Das schmale Buch bildete auch den Auftakt zu seiner Trilogie des Absurden, zu der noch der Großessay „Der Mythos von Sisyphos“ sowie das Theaterstück „Caligula“ zählten. Alle drei Texte waren 1941 entstanden. Sie formulierten ein Daseinsgefühl, das unter den Intellektuellen der westlichen Welt bis in die Sechzigerjahre hinein maßgeblich, ja geradezu Mode werden sollte.
Man muss das so ausführlich darstellen, wenn man verstehen will, warum François Ozon, zweifellos der brillanteste, aber auch exzentrischste unter den wenigen noch verbliebenen französischen Autorenfilmern, bei dieser außerordentlich textnahen Camus-Adaption gewissermaßen Kreide gefressen hat. Der Nimbus des „Fremden“ ist in Frankreich eben noch immer immens. Die Geschichte um den jungen Meursault, der am Strand von Algier einen Araber tötet, kann ja auch heute noch verstören.
Da beginnt ein scheinbar so gefühlloser wie durchschnittlicher kleiner Angestellter seine Lebensbeichte mit der lakonischen Bemerkung: „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht.“ Meursault weiß so manches nicht, bekommt vieles nicht mit. Teilnahmslos geht er durchs Leben, hat ein bisschen Sex mit einer Maria, schwimmt gern im Meer. Als sein Kumpel Raymond, ein Zuhälter, seine arabische Freundin brutal misshandelt, findet Meursault das nicht weiter schlimm. Er stellt sich auch auf die Seite von Raymond, als der vom Bruder der Misshandelten und dessen Freunden angegangen wird. Als Meursault in der Mittagshitze unter sengender Sonne das Messer, das einer von ihnen bei sich trägt, auch auf sich gerichtet fühlt, erschießt er ihn. Genauer gesagt: Er feuert fünf Schüsse ab. Das macht aus dem Totschlag einen veritablen Mord. Und für diesen Mord wird Meursault nach einem umständlich geschilderten Gerichtsverfahren selbst zum Tod verurteilt.
Soweit die übersichtliche Handlung des Romans. Aber nicht nur um ihretwillen ist der Roman geschrieben. Am Ende hat der Held nämlich eine Wandlung vollzogen, vom Saulus zum Paulus, wenn man so will. Nur dass Meursault nicht zu Gott findet (er bleibt bis zuletzt Atheist), sondern zur Einsicht ins Absurde, poetisch ausgedrückt: in „die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“, wie es am Schluss des Buches heißt. Meursault akzeptiert seinen Tod. Ihm wird bewusst, dass sein Leben glücklich war. Und er ist bereit, auch seinen Tod als glücklich zu betrachten. Das vielzitierte Fazit des „Mythos von Sisyphos“ gilt also auch hier: „Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
Die „zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“ war offenbar das Stichwort für Ozon. Die erste Hälfte seines Films ist eine einzige Huldigung an den Charme von Algier und Umgebung in den späten Dreißigerjahren. Liebevoll und bis ins kleinste Detail rekonstruiert Ozon eine Lebenswirklichkeit, wie wir sie auch aus den Filmen von Marcel Carné oder Jean Grémillon kennen: unbeschwerte Lebensfreude der sogenannten kleinen Leute auf den Boulevards, in Cafés und Bistros.
Gern wird durch Fenster und in Treppenhäuser geblickt. Fensterläden, durch deren Lamellen malerisch schraffiert das Licht dringt, verzaubern die Innenräume. Heile Welt pur! Nur dass sie eben vorzugsweise für Franzosen gemacht ist. Im Kinofoyer hängt diskret ein Schild, auf dem steht: „Interdit aux Indigènes“. Für Einheimische verboten …
Noch liebevoller widmet sich Ozon seinem Hauptdarsteller Benjamin Voisin. Der Mann ist gut gewachsen. Er darf sich mit allen seinen körperlichen Reizen präsentieren, von vorne, von hinten, im Profil. Er räkelt sich nackt im Bett und entsteigt halbnackt dem Meer. Die Teilnahmslosigkeit, die er konstant ausstrahlt, entspricht allerdings vielleicht ein bisschen zu sehr dem, was er eigenem Bekunden nach so oft empfindet: Langeweile. Hinzu kommt das typische Gesicht eines jungen Mannes der Generation Z, der nichts erlebt und nichts erlitten hat und darum gänzlich uncharismatisch rüberkommt.
Umso mehr wundert man sich als Zuschauer, wenn man den jungen Herrn nun in der Haft und beim Prozess all die philosophischen Maximen von sich geben hört, die Camus im „Fremden“, aber auch in seinen anderen Texten des Absurden formuliert. Ozon hat sie offenbar fleißig studiert. „Mein Gott, ich muss ja den großen Camus verfilmen“, scheint er sich zuzurufen und badet nun in der zweiten Hälfte in Bedeutsamkeit. Es gibt auch wieder den Einbruch des Übersinnlichen, den Ozon in seinem großartigen Vorgängerfilm „Wenn der Herbst naht“ noch zu eindrucksvollen Schauereffekten nutzen konnte. Hier grenzt eine Versöhnung mit der wieder auferstandenen Mutter eher an religiösen Kitsch. So erstickt das cineastische Ingenium dieses sonst so anregenden Regisseurs im Weihrauch der Huldigung an einen Klassiker.
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