Von 1970 bis 2004 war Heidrun von Goessel Fernsehansagerin in der ARD und beim NDR. Was die 81-jährige beim Schreiben ihrer Autobiografie über sich gelernt hat.

Frau von Goessel, wenn ich Ihre Stimme höre, bin ich wieder ein kleiner Junge und schaue fern.
Wie alt sind Sie?

Jahrgang 1971.
Oh, sechs Jahre jünger als mein Sohn.

Ich verbinde mit Ihnen nostalgische Erinnerungen an das Zeitalter, in dem es noch Programm-Ansagerinnen gab.
Ja, heute streamt man Netflix. Ich nicht. Ich schaue nur noch Fernsehen, wenn schöne alte Filme kommen. Neulich habe ich mal wieder "Unternehmen Petticoat" mit Cary Grant gesehen – und sehr gelacht.

© T&T

Von Goessel, Jahrgang 1944, wuchs in Hamburg auf. Nach einer kaufmännischen Ausbildung arbeitete sie als Model und gewann 1970 den Titel der "Lady Universum". Anschließend wurde sie Fernsehansagerin beim NDR und in der ARD (o. Anfang der 1980er-Jahre). Außerdem arbeitete sie als Sprecherin, Moderatorin und Schauspielerin. 2014 war sie Kreuzfahrtdirektorin auf der "MS Deutschland". Von Goessel hat einen Sohn und ist in vierter Ehe verheiratet. Zuletzt erschien ihre Autobiografie "Ungeschminkte Einsichten"

Mit dem aktuellen linearen Fernsehen können Sie nicht so viel anfangen?
Ich bin noch einigermaßen klar im Kopf, aber allein diese kurzen Werbetrailer für Filme finde ich richtig doof: Ein Auto explodiert, dann schlagen sich zwei, am Ende eine Leiche. Schrecklich!

Sie haben im vergangenen Jahr Ihre Autobiografie veröffentlicht. Was haben Sie beim Schreiben über sich gelernt?
Was ich alles überstanden habe. Ich hatte eine harte Kindheit. Wir hatten kein Geld. Ich musste beim Kaufmann immer anschreiben lassen. Mein Vater hat mich und meine Mutter geschlagen. Mir wurde buchstäblich nichts geschenkt. Wenn ich bei meinen Eltern mal telefoniert habe, musste ich für die Einheit 23 Pfennig bezahlen.

Wie haben Sie gelernt, sich zu mögen?
Ich arbeitete in einer Familie als Babysitter. Der Vater sagte eines Tages: Mensch, du bist doch schön, groß und schlank. Du könntest als Mannequin arbeiten. Daran hatte ich nie gedacht. Ich arbeitete damals auf dem Landratsamt in Ludwigsburg und stempelte Pässe. Das wollte mein Vater so.

Was war das Gute an dieser schweren Zeit?
Dass ich mich durch harte Arbeit selbst emanzipieren konnte. Ich arbeitete jahrzehntelang bis zu 16 Stunden am Tag. Ich habe viel Geld verdient und ein Luxusleben geführt. Bis plötzlich alles weg war.

Wie das?
Die Firma meines Mannes ging insolvent. Ich verlor ein Haus in Florida und mehrere Eigentumswohnungen. Heute lebe ich zur Miete. Zwei Zimmer. Geht auch.

Fühlten Sie sich einsam?
Anfangs war die Umstellung schwer. Aber ich habe gute Freundinnen und Freunde. Ich gehe noch regelmäßig auf Kreuzfahrten und mache dort Lesungen. Ich bin mit dem Kreuzfahrt-Virus infiziert.

Und wenn Sie mal nicht unterwegs sind?
Dann gehe ich ins Theater oder in die Elbphilharmonie. Außerdem habe ich ein neues Projekt: eine Udo-Jürgens-Show mit einem tollen Musiker, der wie Udo klingt. Er singt und spielt Klavier, ich lese aus Jürgens' Autobiografie. Gerade war Premiere.

Sie wirken deutlich jünger. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?
Danke für das Kompliment, aber ich bin ja nicht mehr aus dem Frühbeet und habe noch Nachwirkungen meiner Wirbelsäulen-OP. Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden.

Frei nach dem alten Schlager: Mit 81 hat man noch Träume. Wovon träumen Sie?
Von einer Kreuzfahrt mit einem Schiff der "Explorer"-Klasse von MSC. Da gibt es keine Kabinen an Bord, sondern nur Suiten. Da wird man irrsinnig verwöhnt.

Kein schlechtes Gewissen wegen Umwelt und so?
Sie haben mich nach meinen Träumen gefragt. Und nein, kein schlechtes Gewissen.

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