George Packer, 1960 in Kalifornien geboren, gehört zu den angesehensten Journalisten Amerikas. In seiner Reportagensammlung „Die Abwicklung“ schildert er, wie in den Jahren von 1978 bis 2012 zentrale Institutionen der amerikanischen Gesellschaft zusammenbrachen und wie das zur Verelendung Amerikas beigetragen hat. Seine Biografie des amerikanischen Diplomaten Richard Holbrooke stand auf der Shortlist für den Pulitzer-Preis.
Jetzt hat George Packer mit „The Emergency“ einen Roman veröffentlicht (Farrar, Straus and Giroux, 401 S., ca. 22 Euro). Er spielt in einem namenlosen Imperium nach dessen Zusammenbruch. Die Stadtbürger und die Freibauern auf dem Land leben in zwei völlig verschiedenen Welten. Die Jungen und die Alten sind zerstritten. Im Zentrum des Romans steht ein angesehener Arzt, ein Stadtbürger und altmodischer Liberaler, der zwischen alle Fronten eines beginnenden Bürgerkrieges gerät.
WELT: Warum haben Sie, der Sie doch ein Mann der Reportage sind, jetzt einen Roman geschrieben?
George Packer: Ich hatte ein bisschen den Glauben an den Journalismus – an die Macht der Tatsachen – verloren. Sie wissen, dass es in Amerika keinen Sinn mehr dafür gibt, dass wir alle in derselben Realität leben. Jeder hat seine eigenen Nachrichten, seine eigenen Verschwörungsmythen. Ich war müde geworden, dauernd zu sagen: Das ist es, was gerade passiert. Gleichzeitig wollte ich weiterschreiben und tiefere Schichten der Erfahrung freilegen, die der Journalismus nicht erreichen kann: die Gefühle, die Empfindungen, sogar die Ideen.
WELT: In Ihrem Roman gibt es drei Gruppen: die Stadtbürger, die Freibauern und die Fremden. In diesen drei Gruppen kann man unschwer die urbanen Amerikaner, die ländlichen Amerikaner und die Einwanderer aus Lateinamerika erkennen. Wieso die mittelalterliche Drapierung?
Packer: Ich wollte den Zauber einer anderen Welt erzeugen und die Dinge vereinfachen. Darum hat meine Stadt eine Stadtmauer mit Stadttoren. In den Städten leben Bürger, die in Zünften organisiert sind und spezielle Prüfungen bestehen müssen, um in ihre jeweiligen Zünfte aufgenommen zu werden. All dies fühlt sich alt an, vielleicht ein bisschen wie das Habsburgerreich um 1900. Ich hatte beim Schreiben Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ im Sinn.
WELT: In Ihrem Roman werden zwei dieser Gesellschaften verrückt: die Stadtbürger und die Freibauern. Warum?
Packer: Nachdem das Imperium an Langeweile gestorben ist – einer Krankheit, die heute die westlichen Demokratien befallen hat – haben die jungen Leute in den Städten das Gefühl: Jetzt gehört die Stadt uns. Die alten Hierarchien, die Zünfte, die Prüfungen, die Alten mit ihren traditionellen Ideen, all dies wird beiseite gefegt. Die Jungen entwickeln eine utopische Philosophie, die „Zusammen“ heißt. Sie ist ziemlich vage. Es ist kein klares Programm, mehr so ein Gefühl: Wir werden die Welt perfekt machen. Ein utopischer Egalitarismus, der natürlich schiefgeht, weil Utopien nicht funktionieren und junge Leute die Vergangenheit nie loswerden.
WELT: Eine Satire auf das, was manche Leute „woke“ nennen.
Packer: Ja, aber bedenken Sie, was in meinem Roman alles fehlt. Es gibt keine Diskussion des Rassismus, keine Diskussion von Gender. Das Vokabular der Wokeness ist nicht vorhanden. Ich wollte die positive Leidenschaft der Wokeness und die moralische Nötigung beschreiben, die sie mit sich bringt, aber es hätte mir den Effekt verdorben, wenn ich zu spezifisch geworden wäre.
WELT: Das ist der Wahnsinn der Stadtbewohner. Wie verhält es sich mit dem Wahnsinn der Freibauern? Ganz offenkundig haben Sie Ihren Roman nach dem 6. Januar 2021 geschrieben, der uns unter anderem die Gestalt des „Q-Anon-Schamanen“ bescherte: eines Mannes, der in einer grotesken Tiermaske ins Kapitol einbrach …
Packer: Ich habe ihn mal interviewt. Er ist der Typ, bei dem jeder in der Schule die Augen rollt und sagt: Der nun wieder! Der glaubt irre Sachen. In meinem Roman haben die Väter ihr Land früher an ihre Söhne weitervererbt. Und auch dort haben die Jungen die Alten beiseitegeschoben, auf ziemlich brutale Weise übrigens. Jetzt trainieren die Söhne in paramilitärischen Camps den Krieg gegen die Städte. Dabei tragen sie Tiermasken und sind untenrum nackt. Sie glorifizieren männliche Stärke, männliche Gewalt. Heute findet man das in dunklen Ecken des Internets auf der extremen Rechten, eine Vision, die ich faschistisch nennen würde. Die jungen Männer auf dem Land weisen in meinem Roman die Sprache an sich zurück. Sie halten das Schreiben und die Bücher für eine Verschwörung der Stadtbürger gegen die Freibauern.
WELT: Die Fremden, also die Immigranten, werden bei Ihnen am wenigsten deutlich beschrieben. Und doch verstehen wir, dass auch die Fremden ein Problem mit den Jungen haben. Alle drei Gruppen, die Sie behandeln – Stadtbürger, Freibauern, Fremde – haben ein Problem mit der jungen Generation.
Packer: Ja, und eine Wendung, die im Roman immer wieder auftaucht, lautet: Verliere mich nicht. Ich habe meinen Sohn verloren. Ich habe meine Tochter verloren. Und Mr. Monge, der Fremde, der in der Stadt auftaucht, hat seinen Sohn auf dem Land zurückgelassen!
WELT: Kurz vor dem Ende des Buches erlebt Ihr Protagonist einen Augenblick der tiefen Verzweiflung, als er darüber nachdenkt, dass Stadtbürger und Freibauern sich nicht mehr darauf verständigen können, was real ist. Höre ich hier Ihre Stimme? Wie verzweifelt sind Sie eigentlich?
Packer: Verzweifelt genug, um diesen Roman zu schreiben. Das Verschwinden der Wahrheit als Instanz, die uns verbindet, ist für mich verstörender als Gewalt, Korruption, den kriechenden Autoritarismus, den wir derzeit in Amerika erleben. Es fühlt sich so an, als habe sich der Boden unter unseren Füßen aufgetan.
WELT: Wir wollen an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber Ihr Roman endet buchstäblich in einem Shitstorm. Was ist das: die Apokalypse als Sturm aus Scheiße? Soll das etwa ein Witz sein?
Parker: Nein, auch wenn die Bauernfrau, die als erste das Wort „Shitapult“ (statt Katapult) verwendet, lachen muss. Ich musste mich beim Schreiben auf meine Intuitionen verlassen. Als Journalist arbeite ich sehr kontrolliert, als Romancier muss ich dem Traumleben die Kontrolle überlassen. Nachdem Trump im letzten Jahr die Wahl gewonnen hatte und einige der widerlichsten Gestalten des Landes auf wichtige Kabinettsposten berief, hatte ich das Gefühl: Der zieht uns so weit hinunter, wie er nur kann. Er bewirft uns mit Scheiße. Ein früher Leser des Manuskripts dachte, meine Fantasie sei mir mit dem Shitstorm vielleicht ein bisschen durchgegangen. Aber dann veröffentlichte Trump ein KI-generiertes Video, auf dem er ein Kampfflugzeug steuerte und Riesenmengen von Fäkalien auf Demonstranten ablud. Da verstand ich: Meine Intuition hatte mich nicht getrogen.
WELT: Allerdings endet Ihr Roman nicht dort.
Packer: Er endet nicht wie „1984“ mit: „Er liebte den Großen Bruder.“ Schon deshalb, weil es keinen großen Bruder gibt. Wir alle sind der große Bruder. Es ist kein totalitäres Regime, das uns das alles antut. Wir tun es uns selber an.
WELT: Ich hoffe, die Feststellung ist nicht zu persönlich, aber dieses Buch wurde offenkundig von einem Vater geschrieben.
Packer: Ja. Ohne meine Kinder hätte ich es nicht schreiben können. Die Kinder des Romans sind nicht meine Kinder, aber meine Kinder haben mich gelehrt, was es heißt, heute jung zu sein. Dass es sich oft anfühlt, als sei man verloren auf hoher See. Dass es vielleicht keine Hoffnung gibt. Dass man Hoffnung nur dann findet, wenn man alles Alte wegwirft.
WELT: Mir scheint, wenn man Sie zwingen würde, zwischen dem Wahnsinn der jungen Stadtbürger und dem Wahnsinn der jungen Freibauern zu wählen, würden sie sich am Ende für den Wahn der Stadt entscheiden. Stimmt dieser Eindruck?
Packer: Ich bin ein Stadtbürger. Deswegen geht mir der Wahnsinn der Stadt mehr auf die Nerven, weil ich von ihm umgeben bin. Ich treffe ihn auf Partys. Ich höre ihn in den sozialen Medien. Vor ein paar Jahren fühlte er sich sehr bedrückend an. Im Roman werden die jungen Stadtbürger sehr militant, weil sie sich auf einen Krieg gegen die Freibauern vorbereiten. Mein Protagonist glaubt nicht an diesen Krieg, aber er kommt trotzdem. In gewissem Sinn wissen die jungen Leute also mehr als er. Aber was für eine Welt schaffen sie da? Eine Welt des Vorurteils gegen die Freibauern, der sich in Hass verwandelt. Die Wahrheit ist doch, dass beide Gruppen einander brauchen, die fanatischen Freibauern und die fanatischen Stadtbürger, denn was wären sie ohne ihren Hass?
WELT: Sie sind mit George Orwell verglichen worden. Was bedeutet er Ihnen?
Packer: Als ich an der Schule „1984“ las, hat es mich nicht beeindruckt. Aber sein Buch „Mein Katalonien“ hat mein Leben verändert. Es hat mich zum Schriftsteller gemacht. Ich hatte in einem Dorf in Westafrika als Lehrer gearbeitet, und es hatte mich schrecklich deprimiert. Also kehrte ich via Barcelona zurück nach Hause. In einem englischen Buchladen dort fiel mir „Mein Katalonien“ in die Hände. Ich hatte das Gefühl, dass aus diesen Seiten ein Schriftsteller sehr klar zu mir sprach, ohne Gerümpel und Ablenkungen, aus seiner eigenen Erfahrung heraus. Etwas an dieser Stimme machte mich sofort weniger deprimiert, ich dachte: Wenn ich so schreiben könnte – über das, was ich in Afrika erlebt hatte –, mit dieser ehrlichen, furchtlosen Klarheit, dann würde ich aus meiner Dunkelheit herausfinden. In einem seiner Essays schreibt Orwell: „Ich hatte die Kraft, unangenehmen Tatsachen ins Auge zu schauen.“ Er gab mir die Kraft, ein paar meiner eigenen unangenehmen Wahrheiten ins Gesicht zu schauen.
WELT: Eine letzte Frage, die nichts mit Ihrem Buch zu tun hat: Was halten Sie von Trumps Friedensplan für die Ukraine?
Packer: Ich glaube, dass Trump die Ukraine und Selenskyj wirklich verachtet. Warum? Weil sie angegriffen wurden. Er verachtete John McCain, weil er von den Nordvietnamesen gefangengenommen wurde. Und so findet er eben auch die Ukraine verachtenswert. Er bewundert Putin, weil Putin der Angreifer war. Hin und wieder stört es ihn, wenn ukrainische Familien und kleine Kinder mit Raketen angegriffen werden. Dann redet er wieder davon, dass dieser Krieg beendet werden muss. Aber seine Sympathien liegen eindeutig bei Russland. Wenn ihm ein 28-Punkte-Friedensplan präsentiert wird, der von den Russen diktiert wurde, stört das Trump überhaupt nicht.
Andererseits möchte auch ich, dass der Krieg endet. Ich glaube nicht, dass die Ukrainer Donezk und Luhansk zurückbekommen werden, jedenfalls nicht bald. Aber ich möchte, dass der Krieg so endet, dass die Ukraine souverän bleibt. Das Schlimmste an dem 28-Punkte-Plan ist nicht, dass die Ukrainer sich mit der russischen Eroberung eines Teils ihres Landes abfinden sollen. Das Schlimme ist, dass es keine Mitgliedschaft in der Nato, keine Nato-Soldaten in der Ukraine, eine Schwächung der ukrainischen Armee, keine Langstreckenraketen geben soll. Wenn die Russen wollen, können sie dann den Krieg jederzeit wieder anfangen. Ich finde keine Worte dafür, wie falsch das ist. Ich weiß nur: Angesichts dessen schäme ich mich, Amerikaner zu sein.
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