Wer große Charaktere schaffen will, muss die Frage klären, woher die Figuren kommen. Als Carl Barks 1942 anfing, für Disney auch Enten für Comichefte zu zeichnen – statt für Zeichentrickfilme –, war das Comic-Business in sensationeller Entwicklung. Comics für junge Leser boomten; immer neue Serien und Hefte erschienen. Und alle neuen Figuren bekamen ihre Geschichte, Superman stammt vom Planeten Krypton und wuchs in Kansas auf, die Eltern von Bruce Wayne werden vor dem Kino erschossen, weshalb der Junge später als Fledermaus verkleidet Räuber jagt.
Michael Chabon hat in seinem grandiosen Roman „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay“ die Suche nach einer origin story als Grundsäule des seriellen Erzählens thematisiert. Die Figuren erhalten dadurch Tiefe und Plausibilität; ihr geheimer Antrieb ist stets präsent.
Deshalb ist es interessant, wie Dagobert Duck in die Welt kommt. Die reichste Ente der Welt erschien zuerst Weihnachten 1947 in Walt Disney’s Four Color Comics. „Die Mutprobe“ war angelehnt an Charles Dickens Weihnachtsgeschichte, aus Ebenezer Scrooge wurde Scrooge McDuck. Dagobert ist dort eine griesgrämige, deutlich alte und vom Geiz zerfressene Nebenfigur. Für April 1948 zeichnete Barks dann die Geschichte „The Old Castle’s Secret“, auf Deutsch „Das Gespenst von Duckenburgh“. Dagobert braucht Geld, weshalb er in Schottland auf den Familiensitz Schloss Duckenburgh den Schatz finden will, den der Ahnherr Sir Donnerbold im Jahr 1314 versteckt hat.
Die fünf Enten treffen dort auf den Verwalter Scotty McTerrier, der aussieht, als hätten sich die Macher des Bond-Films „Skyfall“ ihn zum Vorbild für Kincade, den alten Hüter von 007s Heim genommen. Ein wildes Abenteuer, voller Schloss-Geheimnissen, Geheimgängen, Verfolgungsjagden und einem Unsichtbaren. Dagobert hat einen Revolver dabei, und er benutzt ihn. Klar, dass die kecken Neffen die wahren Retter sind.
Es ist, als hätte sich Onkel Dagobert durch die Suche nach den Vorfahren verjüngt. Er wirkt weit agiler, ideensprühend, tatenreich. Der Dagobert’sche Geiz bekommt im schottischen Hochland seine Wurzeln. Man spürt beim Lesen, wie der Autor praktisch selbst entdeckt, was aus der Figur noch werden könnte. Die origin story wirkt. Bald wird Onkel Dagobert der komische, spleenige, liebenswerte atemberaubend reichhaltige Fantastilliardär sein, den es unaufhörlich in die entfernten Ecken des Planeten treibt und auch zu fernen Planeten, wenn da bloß Gold zu finden ist.
Das alles lässt sich aufs Feinste nachblättern im voluminösen Band „Carl Barks’s Donald Duck Vl. 1“, der vor allem die langen Abenteuer von 1942 bis 1950 enthält. Der Weg Donalds vom schnatternden, ewig aufgeregten Wüterich des Trickfilms zum liebevoll scheiternden Helden des Alltags ist zu bestaunen, der sich dem Dasein stellt, egal was kommt. In „Die Sumpfgnome“ von 1944 sitzt Donald am Hafen und schaut einem Dreimaster mit vollen Segeln nach, er möchte gerne „wie Kolumbus und Drake und die alten Entdecker“ sein, aber es gäbe ja nichts mehr zu entdecken. Woraufhin ein Angler vorschlägt, es doch mal in den Sümpfen hinter der Stadt zu versuchen. Was natürlich für Aufregung sorgt.
Die Seiten in diesem voluminösen Buch entsprechen nicht der Originalgröße der Comichefte, wirken aber dennoch nicht aufgeblasen. Die Anmutung ist aufwendig rekonstruiert, aus dem Disney-Archiv wurden die Seiten von Originalheften hochaufgelöst fotografiert und gescannt. Das billige Papier scheint durch, die Körnung des Farbdrucks ist zu sehen. Die Zeichnungen wirken flächiger, unfertiger, aber eben auch authentischer. Das Billige des Comics ist Teil seiner Identität. Hier erscheint Donald Duck als Held wider Willen auf weichem Papier, das bald zerfleddert und immer wieder von Kindern in die Hände genommen leiden wird. Gut so. Man bekommt trotz edlem Folio-Format und erlesener Qualität eine Ahnung, wie es einmal war, in den jungen Tagen des Erzählens mit Bildern.
Besonders ist die Kolorierung zu bestaunen. Dabei zeigt sich, dass die Farben im Original ganz anders waren als in den verschiedenen Ausgaben, zumal der als kanonisch geltenden Carl Barks Library, die auch in Deutschland mehrfach aufgelegt wurde, zuerst von Ehapa ab 1992. So ist das Kinn von Kater Karlo im allerersten großen Abenteuer „Donald Duck finds Pirate Gold“ von Oktober 1942 Gelb, sein Pullover ist rosafarben, der Schurke trägt später eine gelbe Perücke. 1992 ist der Pullover braun, das Kinn grau, die Perücke ebenso.
Wenn Dagobert die Neffen empfängt, um sie nach Duckenburgh in Schottland zu bringen, trägt er einen einfarbig grünen Rock mit Schottenmuster, der seinem Alter entspricht. In der Barks Library ist der Rock rot mit grau. Nur das durchdringende Schwarz ist bei Alt und Neu gleich. Barks hatte bekanntlich ein Faible für Schattenbilder, gerne ließ er die Enten in einzelnen Panels ganz schwarz, so dass nur die Silouetten zu erkennen sind. Auch um den Blick auf anderes zu lenken.
Einer der absoluten Höhepunkte des an Höhepunkten nicht armen Werks ist im Buch enthalten, „Im Land der viereckigen Eier“ von April 1949. Barks selbst empfand es als eine seiner besten Geschichten. Die Enten reisen nach Peru und stolpern durch die Berge, um ein Volk zu finden, das nur Geraden und Kanten kennt. Folglich haben Eier die Form von Würfeln. Als Tick, Trick und Track mit Kaugummi Blasen formen, kommen sie in große Schwierigkeiten. Denn Kugeln sind verpönt, alles Runde ist böse. Form ignores function.
In der Abfolge der Comichefte hätte eigentlich nach „Lost in the Andes“ die Geschichte „Voodoo Hoodoo“ von August 1949 kommen müssen. Aber sie fehlt. Erzählt wird recht düster von einem großen, stummen, alten Schwarzen, der scheinbar ziellos durch Entenhausen läuft und eine Voodoopuppe mit sich trägt. Die drei Neffen nennen ihn Bombie den Zombie und bringen ihn schließlich nach Afrika, wo ein böser Voodoo-Priester es auf Onkel Dagobert abgesehen hat. Vor ein paar Jahren recherchierte der Journalist Stefan Pannor, wie stark Disney seine Comics durchforstet hat nach rassistischen Klischees. Alle Geschichten mit Bombie werden seitdem nicht mehr nachgedruckt, was nicht nur Barks betrifft, sondern auch den wichtigen Autor und Zeichner Don Rosa.
Einer so voluminösen Barks-Ausgabe, die vom in Gold und Silber gegossenen Klassikerstatus lebt, sich an kundige Verehrer richtet und auf jedem Zentimeter Papier die Kunst des Comics feiert, bekommt das nicht so richtig gut.
Disney. Comics Library. Carl Barks’s Donald Duck Vol. 1. 1942-1950 (Englisch). Taschen, 636 S., 175 Euro.
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