Als echte Digital Native nimmt die 1999 geborene Jette Nietzard, Ex-Sprecherin der Grünen Jugend, nie ein Blatt vor den Mund, sondern immer nur ein iPhone. So landeten allerlei interessante, aber noch ausbaufähige Ideen nicht zerknüllt im Papierkorb, sondern in der Öffentlichkeit – was schließlich zu Nietzards Rückzug aus der Politik führte. An einem lauen Frühlingstag dieses Jahres filmte sie sich etwa, wie sie mit einem Shirt, auf dem „ACAB“ zu lesen stand, in den Bundestag spazierte.

Das hyperventilierende Reiz-Reaktions-Schema unserer sogenannten sozialen Medien buchstabierte das automatisch zu „All Cops Are Bastards“ aus, sinngemäß: alle Polizisten sind eher nicht so toll. Aber wer weiß, vielleicht sollte es auch nur heißen „Aale Choreografieren Aufblasbare Bungalows“ oder, gemünzt auf die grüne Zielgruppe, „Allmählich Croissantartig Auffällige Birkenstockträger“ oder aber, als feministischer Tipp Richtung Weltraumbehörde ESA, die gerade angekündigt hat, ein Deutscher werde zum Mond fliegen: „Astronauten Können Auch Bügeln“.

Berühmt wurde Nietzard vergangenes Silvester, als sie in todesmutiger Verachtung der deutschen Interpunktion befand: „Männer die ihre Hand beim Böllern verlieren können zumindest keine Frauen mehr schlagen“. Das fanden einige infam, wir finden es eher ganz lustig. Obwohl es natürlich nicht stimmt – dafür müssten die Männer schon beide Hände verlieren. Im September verabschiedete sich Nietzard stilecht von ihrem Amt, indem sie dem bayerischen Ministerpräsidenten den Gruß bestellte, er sei ein „Hundesohn“.

Jetzt gab sie aus dem Vorruhestand der „Zeit“ ein ausführliches Interview. Für viele in ihrer Partei sei sie verbrannt, bekannte sie da. Die ungerührte Tatsachenfeststellung darf man nicht mit Selbstkritik verwechseln. Nur weil sie Mobbing für gute Führung halte, „manchmal nicht die richtigen Worte finde“ und Leute verletze, sollten sich die Alpakapullunder strickenden Sensibelchen bei der Grünen Jugend mal nicht so haben, weil: „Ich bin ehrlich, manche würden sagen: zu direkt. Ich habe meine Aufgabe darin gesehen, zu führen, dem stimmten nicht alle zu.“

Vielleicht war Nietzard einfach bei der falschen Partei? Ihr Demokratieverständnis dürfte bei der dieses Wochenende zu gründenden AfD-Jugendorganisation besser ankommen. Dem Vernehmen nach soll sie „Generation Deutschland“ heißen. Es ist schon der zweite Versuch der zwar beim wählenden Souverän recht erfolgreichen, aber bei den Medien eher umstrittenen Partei, sich einen offiziellen Nachwuchs zuzulegen. Der letzte wurde vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft, weshalb die bloß ungesichert rechtsextreme Elternpartei den Stecker zog.

Ort der Neugründung ist Gießen, was in mehrfacher Hinsicht interessant ist. Erstens liegt es ziemlich genau mitten in Deutschland, was womöglich symbolisch gemeint ist. Eine AfD-Gründung im Erzgebirge hätte ein anderes Zeichen gesetzt. Zweitens ist es eine symbolisch ansonsten eher unbesetzte Stadt. Eigentlich erinnert man sich an Gießen nur wegen Georg Büchner, auch so ein politisch unbequemer Jungspund, der mit der Revolution liebäugelte. 1833 schrieb der 20-Jährige aus Gießen an seine französische Verlobte: „Hier ist kein Berg, wo die Aussicht frei sei. Hügel hinter Hügel und breite Täler, eine hohle Mittelmäßigkeit in Allem; ich kann mich nicht an diese Natur gewöhnen, und die Stadt ist abscheulich.“

Büchner hatte einfach ein Händchen für griffige Formulierungen. Hätte er 1833 Insta gehabt, wäre der Vormärz nicht so kläglich im Sande verlaufen. „Hohle Mittelmäßigkeit“ könnte auch heute das Banner sein, unter dem die AfD-Jugend und Nietzard gemeinsam in eine entsprechende deutsche Zukunft marschieren.

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