Tschechow-Überschreibungen liegen im Trend. Aus „Der Kirschgarten“ wird plötzlich „Der Apfelgarten“ oder aus „Onkel Wanja“ ein „Onkel Werner“, um wahlweise die Verwirrungen des heutigen Bürgertums oder den „Rechtsruck“ im Osten zu illustrieren. Der russische Dramatiker ist der Toni Kroos des deutschen Gegenwartstheaters: ein begnadeter Vorlagengeber. Am Schauspiel Leipzig netzt nun Lukas Rietzschel ein: Mit „Der Girschkarten“ gelingt dem als „Ostversteher“ gerühmten Schriftsteller aus Görlitz ein gesamtdeutsches Familienstück zwischen blindem Fortschritt und fataler Nostalgie.

Der 1994 geborene Rietzschel, dessen viel beachtetes Romandebüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ im Frühjahr in die Kinos kam, verlegt Tschechows berühmtes Stück von der Datsche auf dem Land in eine Neubauwohnsiedlung in der deutschen Provinz. Zwischen Carports und Schottergärten befindet sich noch ein altes, leerstehendes Haus – mit einem einzelnen Kirschbaum im ungepflegten und verwilderten Garten. Nur dieses Grundstück als Relikt der Vergangenheit steht der Vereinigung des Wohngebiets im Weg. Nun trifft sich die Familie: Verkaufen oder nicht verkaufen, das ist hier die Frage.

Uraufführungsregisseur Enrico Lübbe, Intendant des Leipziger Schauspiels, lässt die wegen der Eigentumsfrage rasch eskalierende Familienzusammenkunft in einem „White Cube“ spielen, der an die Bühnenkästen der Tschechow-Inszenierungen des späten Jürgen Gosch denken lässt. In einer Ecke liegt Kabelsalat, symbolisch für den maroden Zustand des Hauses, das sich zwar seit 100 Jahren in Besitz der Familie befindet, mit dem aber aktuell weder die ins Heim verfrachtete Großmutter noch deren Söhne oder die mit ihrem Hipster-Freund angereiste Enkeltochter etwas anfangen können. Was tun?

„Ihr braucht alle weder dieses Haus noch dieses Geld“, sagt die von Katja Gaudard großartig gespielte Großmutter, die im halbseidenen Nachthemd und Flauschpantoffeln einen etwas ramponierten und doch resoluten Eindruck macht (Kostüme von Teresa Vergho). Schnell zieht sie den naiv-besserwisserischen Freund (Niklas Wetzel) ihrer Enkelin (Vanessa Czapla) auf ihre Seite, deren Vater mit neuer Freundin (Dirk Lange und Lisa-Katrin Mayer) auf den Verkauf drängen. „Ein Leben verändert sich, ein Haus verändert sich, das ist der Lauf der Dinge“, sagt er. Und sie: „Man muss sich eben trennen vom Alten, sonst verstopft die Seele.“ Die Patriarchin zieht allerdings Verstopfungen vor.

Onkel Alexander (Thomas Braungardt) hat zwar einen hübschen Strickpulli vorzuzeigen, aber sonst auch nicht viel zu sagen. Er ist ein unglücklicher Neubaubewohner, aus seinem Fenster schaut er auf die Rückseite eines Supermarkts. Ekel vor dem Neuen trifft auf Nostalgie für das Alte. „Warum ist alles, was war, so viel schöner als jetzt“, heißt es an einer Stelle. Als auch noch die von der Discounter-Konkurrenz ruinierte Betreiberin des alten Tante-Emma-Ladens (Tilo Krügel) auftaucht, die Axt schon in der Hand, ist klar, dass die Ablösung des Alten durch das Neue nicht ohne heftige Verwerfungen abläuft.

Bei Tschechow war der Kirschgarten das Symbol einer nutzlos gewordenen adligen Klasse, die vor den Umwälzungen des Bürgertums so lange die Augen verschloss und sich in die Nostalgie flüchtete, bis sie vom Fortschritt überrollt wurde. Rietzschel gibt dem Geschehen eine andere Stoßrichtung: Hier ist es das Kleinbürgertum, das überrollt wird – und Haus und Garten zugrunde gehen lässt. Auf die alte Parole von Bertolt Brecht, „dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind“ (in „Der kaukasische Kreidekreis“), weiß die Familie keine Antwort mehr. Und sagt: Dann soll’s halt verrotten!

Der Garten steht – wenig überraschend – für die Gesellschaft, die sich als immer verwilderter erweist, je mehr das Bürgertum innerlich von dem zerfressen wird, was es einmal groß und mächtig machte (und wie bei Tschechow den Adel hinwegfegen half): das Eigentum. Eine kleine Demokratielehrstunde verbirgt sich bei Rietzschel auch zwischen den Zeilen: Ein Garten braucht auch Arbeit. Leute, die sich kümmern. Oder anders gesagt: Auch eine Gesellschaft will gepflegt werden. Und ein zukunftsfähiges Gemeinwesen sollte man bitte nicht mit der bloßen Interessensanarchie verwechseln.

„Indem die Dinge bleiben, wie sie sind, finden sie ein Ende“, heißt es bei Rietzschel zum Schluss. Er zeigt eine Mittelschichtsgesellschaft in der Sackgasse, die vom Neuen bedroht ist und mit dem Alten nichts mehr anfangen kann. Tschechow nahm in seinem „Kirschgarten“ die Revolution von 1905 vorweg. Und Rietzschel? Das im verwahrlosten Gesellschaftsgarten sprießende Unkraut – den im Titel anklingenden Giersch – der näheren Zukunft?

Wie bereits in seinem Vorgängerstück „Das beispielhafte Leben des Samuel W.“, in dem es um einen rechten Politiker in der ostdeutschen Provinz ging, gelingt dem jungen Schriftsteller wieder ein kluger Zugriff auf die deutsche Gegenwart. Für nächstes Jahr ist bereits ein neuer Roman von Rietzschel angekündigt: „Sanditz“ wird vom Verlag als großes Epos der Nachwendezeit beworben. Man darf gespannt sein.

„Der Girschkarten“ läuft am Schauspiel Leipzig.

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