Einst prägten sie die Anfänge des deutschen Hip-Hops mit Sido und Kool Savas, nun veröffentlichen die Berliner Rapper Dr. Fumanschu und Justus Jonas (mit bürgerlichen Namen Johannes Schroth und Eric Keil), beide Ende 40, nach mehr als 20-jähriger Abstinenz das Album "DadFlex". Im Interview berichten sie vom Beginn der Subkultur, wie das Vater-Dasein den Rap verändert - und warum Hip-Hop heilsam ist.
ntv.de: Seit Hip-Hop vor mehr als 50 Jahren als kulturelle Kraft aufkam, ist diese Subkultur zur vielleicht größten jemals mutiert. Wie haben Sie die deutsche Szene geprägt?
Justus Jonas: Man kann schon sagen: Wir sind Deutschrap-Pioniere gewesen. Wir waren Teil der Generation, mit der Deutschrap richtig groß geworden ist. Und ein paar von denen, mit denen wir damals angefangen haben, Musik zu machen, gehören heute immer noch zu den größten Deutschrap-Stars.
Dr. Fumanschu: Wie zum Beispiel Kool Savas und Sido. Auf jeden Fall waren wir damals die Pioniere des Berliner Battle-Raps.
Justus: Die Hamburger Jungs um Samy Deluxe waren zwar kommerziell erfolgreicher, weil sie bei Majorlabels unter Vertrag standen und nicht Tapes im Keller aufgenommen haben, aber die kamen nicht vor uns.
Ende der 1990er und Anfang der 2000er haben Sie die deutsche Rapszene unter anderem mit der Berliner Crew MOR um Kool Savas aufgewirbelt.
Justus: Während sie in Hamburg in schon bestehende Strukturen reingewachsen sind, war das in Berlin so richtig Grassroots. Wir haben einfach selbst zu Hause Tapes aufgenommen, diese vervielfältigt und irgendwo verkauft. Sogar noch vor den Internet-Zeiten. Es hat gedauert, aber irgendwann wurde diese Subkultur dann vom Mainstream aufgenommen.
Fumanschu: Wir haben damals im heute legendären Royal Bunker angefangen zu rappen, aber für uns war das einfach Freizeitgestaltung. Wir haben nicht gedacht: "Oh wow, wir legen hier den Grundstein für irgendwas in der Zukunft." Wir haben uns einfach gegenseitig unsere Texte präsentiert oder gefreestylt, aber die kulturelle Relevanz der Momente war uns nicht bewusst.
Jetzt bringen Sie mehr als 20 Jahre später ein neues Album raus mit dem Titel "DadFlex".
Justus: Flexen heißt angeben. Also geht es um alles, womit man als Vater prahlen kann.
Fumanschu: Mehrdeutigkeit in Bezug auf der Vater-Begriff ist hier natürlich das Stichwort. Es geht aber insgesamt um eine coole Art, man selbst zu bleiben, während man älter wird. "DadFlex" ist bei allem Augenzwinkern keine kalkulierte Aussage, sondern es ist eine authentische Aussage unseres Humors und dem, wie wir uns fühlen.
Justus: Im Video zum Song "Bill Clinton" grillen wir etwa im Garten zu zweit an drei Weber Grills und hauen da riesige Tomahawks-Steaks drauf. Das ist ein Dad-Flex. Wenn man als Vater grillt, braucht man den teuersten und geilsten Grill und das teuerste und geilste Fleisch, womit man sich dann abheben kann von den anderen. Unser persönlicher Dad-Flex ist aber eigentlich, dass wir in unserem Alter und als Väter noch immer coole Musik mit den Kumpels machen können.
Hip-Hop war immer auch eine Jugendkultur: Wie passen Rap und das Vaterdasein und Älterwerden überhaupt zusammen?
Fumanschu: Hip-Hop ist eine Kultur, die inzwischen so selbstreferenziell geworden ist, dass sie für immer weiterexistieren wird und wir damit alt werden. Das ist so tief drin bei uns, die wir damit aufgewachsen sind, dass es nie weggeht.
Justus: Hip-Hop hat sich heute wie die Popkultur insgesamt einfach in etliche Blasen, die oft gar nicht mehr viel miteinander zu tun haben, aufgespaltet. Streit unter den Generationen gibt es kaum noch. Und es gibt sowohl in Deutschland als auch in den USA mittlerweile eine große Hip-Hop-Bubble von Rappern mittleren Alters, die teilweise noch vor uns Musik gemacht haben und das weiterhin tun.
Wie altert ein Rapper würdevoll?
Justus: Das ist leichter geworden. Über längere Zeit gab es überhaupt kein Modell dafür, aber mittlerweile gibt es da eine große Akzeptanz und auch Interesse. LL Cool J etwa hat im vergangenen Jahr ein Album herausgebracht. Das ist gute, hörbare Musik, die auch ein Publikum hat. Deshalb ist das gar nicht mehr solch eine besondere oder dramatische Sache, dass man mit Ende 40 Hip-Hop macht. Die Alben der alternden Rapper sind zwar in irgendeiner Form nostalgisch, aber eben auch eine Neuerung, weil sie gut gemacht sind und gehört und akzeptiert werden.
Fumanschu: Wir können in Würde altern, weil wir entspannt rappen und nichts beweisen müssen. In dem Moment, wo dein Lebensunterhalt von der Musik und von Erfolgen abhängt, bist du künstlerisch enorm unfrei. Und dann versuchst du, nicht authentische Sachen zu machen, in der Hoffnung, damit Geld zu verdienen. In der Situation sind wir glücklicherweise nicht, sondern wir sind quasi zurück zu diesem Jugendzimmer, wo wir Kassetten aufnehmen. Die Passion hat sich nicht grundlegend verändert, Hip-Hop ist für uns ein heilsamer Referenzpunkt, zu dem es Spaß macht zurückzukehren.
Ein neues Album als Mittel zum Glücklichsein im fortschreitenden Alter?
Fumanschu: Auf jeden Fall. Irgendwann kommt bei jedem das Thema Tod ins Leben, ob du willst oder nicht. Das hat mir gezeigt, dass diese Sachen, die Spaß machen und der Kreativität Raum geben, die Bausteine des Glücks sind. Unser neues Album ist also auch Ausdruck von Lebensfreude.
Warum aber gibt es auf dem Album dann keine Songs über die Angst vor dem Altern oder Sterben, die Schwierigkeiten des Kindererziehens oder andere Themen, die Menschen in Ihrem Alter begleiten?
Justus: Das ist noch nie unser Ding gewesen. Wir machen Feel-Good-Musik und keinen persönlichen Rap. Das Album ist nicht superflach, sondern hat durch die Vielfalt von Referenzen eine gewisse Tiefe und es reflektiert schon auch unsere Lebensrealität. Aber ich hätte es ganz seltsam gefunden, wenn wir neben den Chill- und Partysongs auch ehrlich über die Elternteile gerappt hätten, die wir verloren haben.
Fumanschu: Das Album hat mir aber trotzdem gezeigt, wie kurz das Leben sein kann, wie endlich alles ist und welchen Wert es dann gerade hat, mit einem guten Freund so etwas Großartiges zu machen. Erfolge im Job sind auch wichtig, aber so eine Platte zu machen ist noch mal schöner.
Sie stammen aus dem gutbürgerlichen Berlin-Zehlendorf und haben früher davon gerappt, dass Sie auf den harten Straßen Berlins mit Crack dealen und sich nur von Bananenschalen ernähren - und im Rest von Deutschland haben die Jugendlichen das geglaubt.
Justus: Straßenrap macht heute keiner mit so einem Background, wie wir ihn haben. Wenn jetzt ein Björn vom Steglitzer oder Zehlendorfer Gymnasium den harten Straßen-Shit kicken will, aber damit gar nichts zu tun hat, dann wird er direkt gedisst und damit nicht weit kommen. (lacht) Das war damals noch anders, denn die Leute kannten nur unsere Stimmen auf den Tapes. Teilweise haben ja die sich dann sehr gewundert, als sie uns dann mal gesehen haben, weil sie dachten, wir sind ganz andere und viel härtere Typen.
Fumanschu: Wir hatten aber bei MOR eine Ambivalenz unter den Mitgliedern, die sehr interessant war. Wir waren soziokulturell komplett divers und haben irgendwie trotzdem zusammengefunden, um Songs aufzunehmen. So eine gemischte Gruppe würde es heute nicht nochmal geben.
Mittlerweile wird in Ihren Texten aber auch mal Effi Briest gelesen, ein Smoothie getrunken, ein Elternabend besucht und mit Bargeld bezahlt, weil Papa das so macht.
Fumanschu: Wir sind beide irgendwann bürgerlich abgebogen und Väter geworden. 2018 sind wir dann wieder zum Musikmachen zusammengekommen, nachdem ich erneut angefangen hatte mit dem Samplen und Beats produzieren. Texte zu schreiben, ist mir viel schwerer gefallen.
Justus: Die Referenzen sind dem Alter angepasst. Alles ist sehr viel milder geworden als früher. Es gibt gerade einmal zwei Songs, die von Spotify das Label als explizite Inhalte verpasst bekommen haben. Normal bekommt das bei Hip-Hop-Album ja fast jeder Song. Und bei uns sind sogar diese beiden Songs wirklich sehr harmlos. (lacht) Wir beide haben Töchter und meine hört meine Musik sehr gerne und da passe ich als Vater schon auf. Es gibt natürlich auch genug Dads, die superharte Rapmusik machen, aber das passt nicht mehr zu uns. Bei uns geht es chilliger zu und es gibt viele Referenzen, die nur Leute etwa in unserem Alter verstehen. Auch das Thema Kiffen, das viel auf dem Album behandelt wird, ist überhaupt nichts Subversives mehr, sondern gehört zum Dad-Lifestyle dazu.
Fumanschu: Und ich musste erstmal meine Stimme wiederfinden und habe auch mal tiefgründige Sachen geschrieben, aber das war total peinlich und hat gar nicht zu mir gepasst. Über Umwege habe ich dann wieder zu meiner Persona gefunden, mit der ich mich wohlfühle.
Rapper von heute aus gut betuchten Berliner Gegenden machen Songs über Keta, Raven und Sex. Ihre Alter Egos haben sich aber gar nicht verändert?
Fumanschu: Nur ein wenig, denn diese Personas sind ja der Punkt, an dem wir wieder mit den Fans zusammenfinden können. Und die Leute hatten die Straßenrap-Erzählung, die immer die gleiche ist, irgendwann satt und machen jetzt halt sowas.
Justus. Mit diesen neuen Arten von Hip-Hop haben wir vom Sound, Lifestyle und von der Demografie her einfach so gar nichts zu tun. Nichts könnte ferner von dem sein, was wir machen. Es gab auch schon Rapper um die 40, die dann plötzlich auf jung gemacht und ein Trap-Album veröffentlicht haben, aber sowas will doch niemand hören.
Auf "DadFlex" gibt es dafür jetzt Metakommentare und Nostalgie.
Fumanschu: Wir haben anfangs viele Songs weggeworfen, weil sie einfach nicht das von uns gewollte Level erreicht hatten, und uns durch einen Quark von mediokren Ideen gearbeitet, um zur finalen Qualität zu gelangen. Der Sound schließt tatsächlich an unsere Tape-Ära an. Aber durch eine moderne Brille und nicht zu formelhaft.
Justus: Wir haben damals im Royal Bunker eine neue Szene geprägt. Aber die heutigen Straßenrapper und die Leute zwischen 20 und 25 haben definitiv keine Ahnung mehr von uns. Ob wir das mit dem Album ändern können? Zumindest wollten wir unsere Texte so schreiben, wie es heute Standard ist, auch wenn wir nicht den modernsten Rap machen. Wenn früher viele Füllwörter und -Zeilen in Ordnung waren, solange zumindest der Flow gestimmt hat, muss heute jede Line sitzen. Mehr Meta, mehr Ironie, mehr Referenzen: Wir haben mehr Arbeit als früher reingesteckt, um dichter und mit noch mehr komischen Vergleichen zu schreiben. Wie Dads das so machen.
Mit Dr. Fumanschu und Justus Jonas sprach David Bedürftig
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