Das Liebesleben der Fruchtfliege lässt sich besonders gut im Labor beobachten. Auch deshalb sind es diese kleinen Plagegeister, die Sabine Nöbel für ihre Forschung beobachtet. Die Biologin von der Martin-Luther-Universität in Halle konnte belegen, dass die Weibchen die Partnerwahl eines anderen Weibchens beobachten und dann denselben Männchentyp auswählen wie das andere Weibchen.
Weibchen wählen tendenziell, was andere Weibchen wählen
"In den klassischen Experimenten nimmt man ein sogenanntes Demonstrationsweibchen und eine Beobachterin", erklärt Nöbel. "Wir haben vor ein paar Jahren ein Setup entwickelt, bei dem ein Weibchen sechs verschiedene Demonstratoren beobachten kann. Und wir färben die Männchen immer mit grünem und pinkem Puder ein, sodass wir zwei künstliche Männchentypen haben, die genetisch total identisch sind, sich aber in der Farbe unterscheiden." Ein Weibchen würden sehr genau erkennen, welche Männchenfarbe von der Allgemeinheit präferiert werde, sagt die Biologin. Und dann entscheide es sich im Schnitt zu 70 Prozent für genau diesen Typen. Das heißt aber auch, dass nicht alle Tiere die Entscheidung kopieren.
Fruchtfliegen sind für Experimente im Labor besonders gut geeignet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKIn ihren Experimenten hat Nöbel dieses soziale Lernen aber grundsätzlich nachgewiesen. In der Fruchtfliegen-Gesellschaft entsteht quasi ein Trend, erklärt sie: "Genauso ist es auch bei einem Restaurantbesuch. Man geht lieber dahin, wo die Mehrheit hingeht, weil man dann denkt, die haben gute Informationen, also muss das Essen da lecker sein." Erst einmal selbst alle Möglichkeiten austesten oder Reviews lesen zu müssen, um sich dann zu entscheiden, sei dagegen viel aufwändiger, so Nöbel. "Und dann schaut man halt einfach, was macht die Mehrheit und beschließt das, was die Mehrheit macht, muss gut sein – also mache ich das auch."
Vielfalt in der Population trotz Trend
Die Vorlieben bei der Partnerwahl liegen also nicht nur in den Genen, sondern werden auch von Erlerntem beeinflusst. Aber welche Folgen hat das für die Vielfalt in einer Population? Um das herauszufinden, hat die Hallenserin sich mit Forschenden der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) Heidelberg zusammengetan. Sie haben mathematische Modelle und eine Simulation entwickelt. So konnten sie auch evolutionäre Prozesse über längere Zeiträume simulieren.
"Wir wollten uns anschauen, was passiert, wenn man mehr als zwei Männchen zur Auswahl hat", erläutert Nöbel. Zwei Männchen sei in den Experimenten zwar sehr praktisch, aber "in den mathematischen Modellen konnten wir das jetzt auf drei bis unendlich verschiedene Männchentypen erweitern."
Es zeigte sich: Wenn sich die Weibchen konform verhalten, kann das auch dazu führen, dass sich Merkmale durchsetzen, die eine geringere biologische Qualität haben. Dann hat ein fitterer Typ, der aber seltener ist, kaum eine Chance sich gegen den Trend durchzusetzen. Das könne schon passieren, wenn sich rund 40 Prozent einer Population bei der Partnerwahl am Vorbild anderer Individuen orientieren, so die Forscher. Doch es gibt auch genau das Gegenteil: Manche Weibchen verhalten sich antikonform – und kopieren die Minderheit.
Nonkonformität kann sich lohnen
Dieses Verhalten hält nicht nur die Vielfalt in der Population stabil, sondern könne auch individuell sinnvoll sein, erklärt Biologin Nöbel: "Wenn jetzt alle wissen, da ist das Wasserloch und da hingehen, dann kann es sein, dass diese Quelle irgendwann versiegt. Dann habe ich also einen Nachteil, wenn ich ein Konformist bin und immer schön zu dieser Quelle gehe." Verhalte man sich aber in dieser Situation nonkonform und gehe zu einem anderen Wasserloch, so die Biologin, dann könne es sein, dass man dadurch einen Vorteil habe, weil man nicht macht, was alle machen. "Und da spielen dann halt wiederum die Umweltbedingungen eine Rolle, wann welche Strategie die beste ist", so Nöbel.
Denn die Forschenden belegen auch: Vielfalt bleibt besonders dann stabil, wenn sich die Kopierwahrscheinlichkeit an die Umwelt anpasst. Die Wahl des häufigen Männchen-Typs könne etwa mit hohen Kosten verbunden sein – also das Weibchen viel Energie und Ressourcen kosten. Dann entscheidet sie sich zum Beispiel eher für einen Partner, der schneller verfügbar oder besser angepasst ist.
Ist der Mensch bei der Partnerwahl wie die Fliege?
Das alles ist ein komplexer und dynamischer Prozess bilanziert Biologin Nöbel. Aber betrifft das Liebesleben der Fruchtfliege auch andere Arten? "Prinzipiell betrifft es jedes Tier, was zu sozialem Lernen fähig ist", lautet ihre Antwort. "Wenn man ganz wild ist, könnte man das auch auf den Menschen übertragen. Ich möchte natürlich nicht von der Partnerwahl-Präferenz der Fliegen auf unsere Partnerwahl schließen. Aber theoretisch ist das ja nichts, was nur für Fruchtfliegen speziell ist."
Fakt ist, dass das Kopieren bei der Partnerwahl in der Natur weit verbreitet ist. Es findet sich bei Wirbeltieren, Vögeln und Fischen – und nicht zuletzt auch bei uns Menschen. "Da braucht man sich nur Social Media und Zeitschriften und so weiter anschauen, um zu sehen, was wird gerade in der Mode präferiert wird. Welche Frisuren sind gerade in? Trägt man Bart? Ja oder nein? Das beeinflusst alles, was wir als attraktiv empfinden", erläutert die Forscherin aus Halle.
Wen wir uns als Partner auswählen, ist also nicht nur in die DNA-Sequenz geschrieben oder völlig freier Wille – es wird auch beeinflusst vom sozialen Lernen innerhalb der Gesellschaft, in der wir leben.
Link zur Studie
Patil, Srishti et. al.: Phenotypic polymorphism via mate copying. In: PNAS, Februar 2026. DOI: 10.1073/pnas.2510849123.
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