Rund 127.000 Menschen gelten in Mexiko als vermisst, viele von ihnen werden von Kartellen rekrutiert, oft gewaltsam. Die Opfer der Kartellkriege werden verscharrt. Sie zu finden und zu identifizieren ist eine Mammutaufgabe.
Der 17-jährige Pablo kann nicht mehr zur Schule gehen, denn er hat Angst, dass er dann wieder von Kriminellen entführt wird. Zu seinem Schutz möchte er seinen wahren Namen nicht nennen. Seine Geschichte erzählt er mit zitternder Stimme in einem abgedunkelten Raum bei seinen Eltern: "Ich habe mich mit Freunden in einem Park getroffen, als ein Auto vorbeikam und uns einfach mitnahmen. Sie haben unsere Handys weggenommen, damit wir nicht mehr kommunizieren können."
Bis vor zwei Monaten hat er ein normales Leben geführt mit Schule und Freunden, wohnte mit seinen drei Geschwistern friedlich im mexikanischen Bundesstaat Jalisco. Hier dominiert das Kartell Jalisco Nueva Generación, das von den USA als Terrororganisation eingestuft wird. Nachdem sie ihn gekidnappt hatten, folgten für ihn acht Tage der Angst. Mit anderen elf Männern wurde er eingesperrt, musste sich einem strengen Tagesablauf mit militärischem Drill unterwerfen.
Kanonenfutter im Kampf rivalisierender Gruppen
Ihm wurde mitgeteilt, dass er nach einer Grundausbildung gegen ein anderes Kartell kämpfen müsse - als Kanonenfutter im Kampf der rivalisierenden Gruppen. Doch er hatte Glück, kann es bis heute kaum glauben: Nach über einer Woche ließen ihn seine Entführer ohne eine Begründung frei. Seitdem versteckt er sich ohnmächtig und in Todesangst bei seinen Eltern. Er würde gerne Friseur werden, seinen Freunden schneidet er im Elternhaus heimlich die Haare.
Seine Mutter María wünschte sich, mit der Familie fliehen zu können. Drei Söhne im Teenageralter hat sie, nun fürchtet sie, dass allen das gleiche Schicksal droht. Doch für die Flucht fehlt ihnen das Geld und für die USA die Sprachkenntnisse. Ihre Zukunft ist ungewiss. "Das ist ein Krebs, den sie dir hinterlassen. Jedes Mal, wenn ich zur Arbeit gehe, schaue ich alle nochmal genau an, weil ich nicht weiß, ob ich sie wiedersehe, wenn ich zurückkomme", sagt María.

Oft genug hilft nur Selbsthilfe: In Guadalajara verteilen Mitglieder einer Gruppe Flugblätter mit den Porträts von Vermissten.
Späher, Drogenköche, Auftragsmörder
Einer Studie aus der Zeitschrift Science aus dem Jahr 2023 zufolge sind die Kartelle mit 185.000 Mitgliedern Mexikos fünftgrößter Arbeitgeber. Jede Woche müssten sie rund 370 Mitglieder rekrutieren, um nicht wegen Festnahmen und Tod an Personalstärke zu verlieren. Zielgruppe der Kartelle sind vor allem junge Männer wie Pablo. Sie werden erst für Hilfsarbeiten, später als Späher, Drogenköche oder Auftragsmörder eingesetzt. Frauen werden zur Prostitution gezwungen.
Wer es schafft zu fliehen, wird von der Gesellschaft oft gemieden und gefürchtet, sagt Jose Pablo Balandra, Psychologe und Sozialarbeiter bei der Organisation Reinserta. Seit zwölf Jahren arbeiten er und sein Team daran, Jugendliche, die aus der Gewalt aussteigen wollen, wieder ins Leben zu begleiten, mit Therapiestunden, Sport, Ausbildungsangeboten. Nur 400 Jugendlichen im Jahr kann er mit Reinserta helfen, dafür aber effizient: Neun von zehn Ex-Rekrutierten kehren danach nicht ins organisierte Verbrechen zurück.
USAID streicht Präventionsmittel
Eigentlich müsste die Arbeit früher beginnen, sagt Balandra: Viele wachsen in Armut und Gewalt auf, rutschen über Freunde in Drogen und Kriminalität, ohne Halt und ohne Bewusstsein für die Gefahr. "Mexiko unterschätzt das Thema massiv. Auf staatlicher Ebene haben immer andere Probleme Vorrang, die politisch rentabler sind. Die Kinder bleiben immer auf der Strecke."
Gerade jetzt wäre mehr staatliche Unterstützung dringend notwendig: Zuletzt hat die US-Entwicklungsbehörde USAID ihre Mittel auch für dieses Projekt gestrichen. Die fehlende Präventionsarbeit hat ihre Folgen. Viele junge Menschen wissen nicht um die Gefahr, die droht, wenn sie sich den attraktiven Angeboten der Kartelle anschließen. Das organisierte Verbrechen ist zwar gefürchtet, aber auch populär. Auf Social Media präsentieren sich starke Männer mit Waffen und Macht, locken prekär lebende Jugendliche mit guten Gehältern und Aufstiegschancen.
Tier- von Menschenknochen unterscheiden lernen
Aber bei Zehntausenden müssen die Angehörigen das Schlimmste befürchten. Denn eine Rückkehr aus dem organisierten Verbrechen, wie bei Pablo, ist selten möglich. Viele Rekrutierte riskieren ihr Leben in Konflikten mit anderen Gruppen oder gegen den Staat. Und auch, wenn sie aussteigen wollen, droht ihnen, wegen ihres Insider-Wissen getötet und einfach verscharrt zu werden.
Rund 95 Prozent der Fälle der Verschwundenen werden nicht aufgeklärt. Aus Verzweiflung suchen viele Angehörige selbst, oft sind es Frauen; Mütter, Schwestern, Freundinnen. Im ganzen Land suchen die sogenannten "Buscadoras", die Suchtruppen, die jedes Wochenende losziehen, um sprichwörtlich jeden Stein umzudrehen. Sie gehen mit Spitzhacke und Schaufel bewaffnet anonymen Hinweisen nach.
Inzwischen sind sie bestens vernetzt, tauschen ihr Wissen untereinander aus, nehmen regelmäßig an Workshops teil. Zum Beispiel, um Tier- von Menschenknochen unterscheiden zu lernen oder auch, wie sie Drohnen fliegen, um große Flächen auf Bodenverwerfungen zu scannen, Temperaturunterschiede festzustellen und Unterschiede bei der Bodenbeschaffenheit zu messen, die möglicherweise auf geheime Gräber hinweisen können.

Der Fund von Überresten von 200 Leichen auf dieser Ranch in Teuchitlan führte im Frühjahr zu einem neuen Gesetz. Die Suche nach Vermissten soll nun besser organisiert werden.
50.000 Verstorbene liegen in überfüllten Leichenhallen
Die Überreste, die diese Suchtruppen finden, landen in einem der rechtsmedizinischen Institute der 32 mexikanischen Bundesstaaten. Und bleiben meist dort, ohne identifiziert zu werden. Laut zivilgesellschaftlichen Organisationen befinden sich mehr als 50.000 unbekannt Verstorbene in den Forensiken des Landes. Die Leichenhallen sind überfüllt.
Würden die Körper identifiziert, würde die Zahl der Vermissten auf etwa 77.000 sinken. Doch das ist eine Mammutaufgabe. Die Institutionen stoßen an ihre Grenzen: Personal fehlt, eine landesweite Datenbank existiert nicht.
Bei all der Aussichtslosigkeit, es gibt Bewegung. Viele mexikanische Behörden vernetzen sich inzwischen zumindest mit den Nachbarbundesstaaten. Und: Mexiko hat eine Gesetzesreform auf den Weg gebracht. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum kündigte an, Ordnung in das Chaos rund um die Suche nach den Vermissten zu bringen. Unter anderem sollen die biometrischen Daten der Bürger in einer einheitlichen Identitätsplattform gesammelt werden, die den Staatsanwaltschaften und dem Sicherheitskabinett zugänglich sein sollen. Kritiker befürchten dadurch allerdings eine Massenüberwachung durch Justiz und Politik.
Bis die Opfer, die Verschwundenen und die Hinterbliebenen allerdings wirklich Gerechtigkeit erfahren, ist es noch ein weiter Weg. Denn das eine ist die verbesserte Suche und Identifizierung der Vermissten. Das andere ist die juristische Aufarbeitung der Fälle, die Suche nach den Schuldigen und ihre Bestrafung. Und die Prävention. Vor allem daran hapert es weiterhin massiv.
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