Parentifizierung ist ein kompliziertes Wort, aber es beschreibt, was in viel zu vielen Familien alltäglich passiert: Kinder werden in eine unfreiwillige Elternrolle gedrängt, übernehmen durch Umstände wie Krankheit, Pflege oder emotionale Vernachlässigung schon in jungen Jahren Fürsorge-Positionen innerhalb der Familie. Die Psychologin Jana Hauschild hat ein Buch über das Phänomen geschrieben: „Das ewig hilfreiche Kind. Wenn Kinder die Elternrolle übernehmen und wie sie sich als Erwachsene von der Last befreien“. Viele, die als Kinder schon früh Erwachsene spielen mussten, berichten von einem Verlustgefühl. So auch Mariana, von deren Fall der nachstehende Buchauszug erzählt.

Im Januar überrollt Mariana die Trauer. Schon vor zwei Jahren ist ihre Mutter gestorben. Lange hat sie die Gefühle aufgeschoben, weggedrückt. Doch sie bahnen sich nun ihren Weg. Mariana trauert. Doch weniger um die Mutter. „Es ist vor allem die Trauer um all das, was ich nicht hatte“, sagt die heute 34-Jährige. (…) Mariana ist zierlich, blonde Haare fallen auf ihre Schultern, kluge Augen schauen mich durch eine Brille an. Sie ist eine ruhige Person, schaut oft nach unten, wenn sie spricht. Beim Erzählen holt sie nicht weit aus, schweift nicht ab. Und doch sitzen wir lange an dem Tisch in ihrem Wohnzimmer zu Hause und reden. Manchmal ist es ganz still im Raum.

Mariana nimmt sich Zeit, ihre Gedanken zu sortieren. Sich zu erinnern und die Worte zu finden. Ich bin ihr dankbar, dass sie bereit ist, mit mir über ihre Kindheit und Jugend zu sprechen, denn ich weiß schon aus unserem Vorgespräch am Telefon, dass ihre Geschichte aufwühlend sein würde.

„Ich hatte entweder eine schizophrene Mama oder eine betrunkene Mama“, schildert sie mir. „Das hat sich eigentlich immer abgewechselt, hatte ich das Gefühl.“ Die Mutter ist alkoholabhängig. Immer wieder sind aber auch Wahngedanken und Stimmenhören die Realität der Mutter. Leute auf der Straße würden über sie reden. Steckdosen klebt sie ab, bei einer Nachbarin schneidet sie alle Kabel durch. Sie macht phasenweise Dinge, bei denen selbst ihre kleinen Kinder erkennen, dass die Mutter nicht normal zu denken scheint.

Als Mariana im Kindergarten- und Grundschulter ist, muss die Mutter mehrmals in die Psychiatrie. Die junge Frau kann sich an Szenen erinnern, als Rettungssanitäter und die Polizei kamen und ihre Mutter abholten. Sie hat Bilder von Besuchen in der Psychiatrie in ihrem Kopf: Die Mutter von Medikamenten ganz apathisch und niemand, der es ihr und ihrer jüngeren Schwester erklärt.

„Die Mama hat ganz schlimme Kopfschmerzen“

Der Vater von Mariana war Zahnarzt und kam in der Woche meist nicht vor 19 Uhr nach Hause. Aus Marianas Sicht war er mit der Situation völlig überfordert. „Die Mama hat ganz schlimme Kopfschmerzen und kommt jetzt ins Krankenhaus“, habe er einmal zur Erklärung gesagt, als die Mutter zwangseingewiesen wurde. Mariana habe damals schon gewusst, dass das eine Notlüge war und der Vater nicht darüber reden wollte. „Man versteht als Kind ja doch irgendwie alles, auch wenn man nicht die Wörter dafür hat.“

Waren Wahn und Stimmen fort, griff die Mutter zur Flasche. Trank ständig und meist zu viel. Über die Jahre wurde es immer schlimmer. Wie in höchster Alarmbereitschaft habe sich Mariana stets gefühlt.

Für unser Treffen hat sie ein paar alte Fotos herausgesucht. Sie und ihre Eltern im Urlaub am Meer, sie und ihre Mutter auf der heimischen Couch. Die Kleidung, die Frisuren, die leichte Unschärfe der Fotos: Es scheinen ganz normale Familienbilder aus den 1990er-Jahren zu sein. Mariana bemerkt ganz andere Details: „Ich habe mich von Anfang an um meine Schwester gekümmert und das sieht man auch in diesen Fotos. Ich stehe meistens neben oder hinter ihr, umarme sie voll oft“, sagt sie, während wir beide die Bilder durchsehen. Gleichzeitig guckt sie auf den meisten Fotos ernst. „Es ist schon oft so, dass ich nicht lächle.“

Einkaufen, putzen, waschen

Wenn man ihren Alltag als Kind in diesem Haushalt kennt, versteht man es nur zu gut. Wie ihr Alltag damals aussah, hatte ich zu Beginn des Gesprächs gefragt. Mariana lacht kurz auf, und schüttelt den Kopf. „Ich habe keine Ahnung.“ Viele Erinnerungen seien verschüttet, vor allem die schlimmen. Dennoch wirft Mariana in unserem Gespräch Schlaglichter auf ihr Leben in dieser Zeit, die Abgründe offenbaren. Sie und ihre Schwester werden schon als kleine Kinder von der Mutter losgeschickt, um Bier vom Kiosk für sie zu kaufen. Der Mann dort kennt die beiden und ihre Mutter und hat keine Skrupel, den Kindern die Flaschen in die Hand zu drücken.

Einkaufen, putzen, waschen. Darum kümmert sich Mariana. Irgendwann kocht sie auch. „Wenn deine Mutter betrunken in ihrem Zimmer ist, dann kann die dir nichts zum Essen machen“, sagt Mariana. Mitten in einer Psychose verließ die Mutter ab und an das Haus und keiner wusste, wohin sie ging und wann sie wiederkommt. „Es gab in meiner Kindheit keine erwachsene Person, die zuverlässig und regelmäßig da war“, sagt Mariana rückblickend.

Der Vater war zwölf Stunden am Tag weg, arbeiten. Die beiden Mädchen waren sich größtenteils selbst überlassen. Als ihre Schwester in der Kita zum Mittagsschlaf immer wieder nach „Mausi“ fragt, bittet die Erzieherin die Mutter, am nächsten Tag das Kuscheltier mitzubringen. Tatsächlich ist Mausi aber der Kosename von Mariana. Wenn sie auf Klassenfahrt ging, fuhr sie allein zum Bus. Hingebracht oder abgeholt hat sie niemand. Selbst zu ihrem Abiball ging sie ohne Eltern.

An ihrem zwölften Geburtstag ist die Mutter in der Klinik. Also organisiert sich Mariana selbst eine Party. Sie lädt ihre Freundinnen ein, kauft Essen, bereitet Spiele vor und feiert so gut es eben geht. Allen erzählt sie, dass die Mama im Urlaub ist. Ob ihr Vater da war? Mariana lacht. „Nee.“ Es ist der Versuch einer Zwölfjährigen, ein normales Kinderleben zu führen, das sie am Ende doch nie hatte.

Die Trauer hat sie aufgeschoben

Mariana ist mitten im Medizin-Studium, als ihr Vater an Krebs erkrankt und daran auch stirbt. Als sie wenige Jahre später mit ihrem ersten Job als Ärztin beginnt, verstirbt plötzlich die Mutter. Damals hat Mariana kaum mehr Kontakt zu ihr. Sie fragt nicht nach der genauen Todesursache. Stattdessen stürzt sie sich in die neue Arbeit. „Der Einstieg als Ärztin ist echt hart, darauf wird man nicht wirklich vorbereitet“, erklärt sie mir. Die Trauer hat sie deshalb aufgeschoben.

Doch nach zwei Jahren holt die Vergangenheit sie ein. „Das kam auf einmal einfach zurück. Und nicht nur die Trauer, dass meine Mutter tot ist. Es ist auch nicht so, dass ich mir unbedingt wünsche, dass sie wieder da ist.“ Es sind harte Worte. Doch sie sagt sie ohne Groll in der Stimme, fast weich. „Ich glaube, man hat bis zum Ende die Hoffnung, dass Mama sich noch entschuldigt, dass sie doch noch ihre Rolle einnimmt, die sie eigentlich einnehmen sollte. Doch dann habe ich realisiert, dass es nicht so ist.“

Die verlorene Kindheit: In einer kleinen Interviewstudie eines US-amerikanischen Forschungsteams war dies das vorherrschende Thema. Großangelegte Erhebungen arbeiten oft mit vorgefertigten Fragebögen, die Frage nach Verlustgefühlen ist darin selten enthalten. Die acht persönlichen Interviews in dieser Untersuchung beeindrucken daher zwar nicht mit Zahlen, die Befunde sind dennoch sehr erhellend. Die Forschenden befragten Frauen und Männer zwischen 24 und 29 Jahren zu ihren Erfahrungen mit Parentifizierung. Fast alle berichteten von den erwachsenen Verantwortlichkeiten, die sie als Kinder zu schultern hatten und bei denen kaum Raum dafür blieb, beispielsweise mit Gleichaltrigen nach der Schule Zeit zu verbringen. Viele äußerten das Gefühl, zu schnell erwachsen geworden zu sein.

„Die Möglichkeiten der Kindheit, herauszufinden, wer sie waren und was sie mögen, seien verloren gegangen und gegen schwerwiegende Aufgaben außerhalb ihres Altersbereiches getauscht worden“, fassen die Studienautorinnen und -autoren zusammen. Die Verluste der parentifizierten Kinder reichen noch viel tiefer, als dass sie nur weniger Spielzeit hatten.

Jana Hauschild ist Diplom-Psychologin und Autorin. Der voranstehende Text ist ein Auszug aus ihrem Buch „Das ewig hilfreiche Kind. Wenn Kinder die Elternrolle übernehmen und wie sie sich als Erwachsene von der Last befreien“. Es erscheint am 26.2. bei Beltz (224 Seiten, 22 Euro).

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