Einiges an dieser Preisverleihung am Samstagabend im Berlinale-Palast war außergewöhnlich: etwa, dass der Goldene Bär zum ersten Mal seit 2004, als Fatih Akins „Gegen die Wand“ gewann, an einen deutschen Film ging. Das Familiendrama „Gelbe Briefe“ des Oscar-nominierten „Lehrerzimmer“-Regisseurs İlker Çatak erzählt von einem Künstlerpaar in der Türkei, das zunehmend ins Visier des Staates gerät, und einen Weg finden muss, den eigenen Überzeugungen und gleichzeitig der Kunst treu zu bleiben.
Obwohl „Gelbe Briefe“ in Ankara spielt, wurde er größtenteils in Hamburg und Berlin gedreht. Der 128-Minüter, der ästhetisch eher ans Fernsehen als ans große Kino erinnert, stieß zwar nicht bei allen Zuschauern auf Begeisterung, erscheint aber angesichts der derzeitigen Vorzeigerolle Çataks auf dem internationalen Bankett sowie des hochaktuellen Themas als schlüssige Wahl.
Auch der Silberne Bär wird vermutlich in einem deutschen Wohnzimmer stehen, vorausgesetzt Sandra Hüller wandert nicht nach Hollywood aus, wo sie schon bald an der Seite von Stars wie Ryan Gosling zu sehen sein wird. Im Berlinale-Wettbewerb brillierte sie als Frau in Soldatenverkleidung in Markus Schleinzers Historiendrama „Rose“ mit Mut zur Hässlichkeit und einer bedingungslosen Hingabe an den Drag. Damit stach sie andere Anwärterinnen wie Amy Adams als Alkoholkranke und Juliette Binoche als Tochter einer Demenzkranken aus. Überhaupt gehört der Schwarz-Weiß-Film zum Interessantesten und Wendepunktreichsten, was man in den vergangenen Tagen zu sehen bekam.
Eine weitere Besonderheit des Abends stellte die Tatsache dar, dass der Preis für die beste Nebendarstellung an gleich zwei Schauspieler ging, deren Leistung man nicht voneinander habe trennen können: Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay mimen in dem berührenden und wahnsinnig klugen Demenzdrama „Queen at Sea“ ein altes Ehepaar, das trotz allmählichem Nachlassen der geistigen und körperlichen Kräfte verzweifelt aneinander festhält. „Queen at Sea“ ist der einzige Film, der an diesem Abend zwei Bären erhält – und wenn man beide Schauspieler getrennt voneinander zählt, ja eigentlich sogar drei.
Der amerikanische Regisseur Lance Hammer nimmt den Preis der Jury entgegen, und ebenso gut hätte man ihn auch mit dem Goldenen Löwen ausstatten können. Denn die Frage, ob es sich beim Sex, den der Mann mit seiner demenzkranken Frau hat, aufgrund ihrer Unfähigkeit zur Einwilligung um eine Vergewaltigung oder aber um einen einvernehmlichen Liebesbeweis handelt, wurde über die vergangenen Festivaltage so viel und leidenschaftlich diskutiert wie kaum eine andere. „Queen at Sea“ ist eine so philosophische wie zeitgemäße Erörterung der Frage nach Grenzen: die des Konsenses, die der Institutionen und Bürokratie und, ja, auch die der Liebe.
Überraschender als die Preise an „Queen at Sea“ und „Rose“, auf die sich alle geeinigt haben dürften, waren die folgenden: Den großen Preis der Jury heimste das türkische Drama „Kurtuluş“ („Salvation“) von Emin Alper ein. „Unser Film ist ein Film über Täter, die grausame Taten vollbracht haben, und ich möchte einfach nur verstehen, was ihre Einstellung, was ihre Gedanken sind, und das den ganzen Film lang“, sagt Alper in seiner Rede.
Den Silbernen Bären für die beste Regie verleiht Wim Wenders an Grant Gee für sein elegantes, schwarz-weißes Jazz-Musiker-Porträt „Everybody Digs Bill Evans“. Wenders lobt „einige der schönsten Bildkompositionen, die wir seit Langem zu sehen bekommen haben“. Und in der Tat gehört „Everybody Digs Bill Evans“ zu den gelungeneren Musiker-Biopics. Nur der österreichische Beitrag „The Loneliest Man in Town“ über die Wiener Blues-Legende Al Cook stiehlt ihm zumindest humortechnisch die Show, ging bei der Preisverleihung aber leider leer aus. So wie übrigens alle der insgesamt ohnehin eher spärlich vertretenen Komödien.
Als bestes Drehbuch wurde Geneviève Dulude-de Celles’ Heimkehr-Vergangenheitsbewältigungssuche „Nina Roza“ für seine „unglaubliche Verwendung der Stille“ ausgezeichnet. Ein breites Publikum wird er aber wahrscheinlich genauso wenig anziehen wie die mit dem Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung ausgezeichnete Doku „Yo (Love Is a Rebellious Bird)“ des Paares Anna Fitch und Banker White, die aus einer relativ unspektakulären Frauenbiografie ein Kunstwerk macht. Es geht um Yo, die nach einem LSD-Trip ihren Mann und ihre vier Kinder verlässt. Der Mann stürzt sich daraufhin aus dem Fenster, aber überlebt. Yo kommt später mit einem 18 Jahre jüngeren Mann zusammen, in dem sie eine Art Kindersatz sieht und mit dem sie erneut eine Tochter bekommt.
Trotz einer überwiegend nachvollziehbaren Auswahl hat die Jury einerseits die starbesetzte Inzest-Provokation „Rosebush Pruning“ des Brasilianers Karim Aïnouz übersehen, die ihr wahrscheinlich zu exzentrisch anmutete, und andererseits die Vergewaltigungs-Trauma-Verarbeitung „Josephine“ der Amerikanerin Beth de Araújo, die sich ihr wahrscheinlich im Gegenteil dann doch wieder zu konventionell gab.
Familie als Zumutung und Heilung
Zwei Leitthemen zogen sich durch die vergangenen zehn Festivaltage. Da war einerseits das Motiv, das die 22 Wettbewerbsfilme fast ausnahmslos beschäftigte: Familie, in allen erdenklichen Konstellationen. Als biologische, selbst gewählte und aufgezwungene. Als Zumutung, Notwendigkeit und Heilung. Mal war der Vater ein Monster („Rosebush Pruning“), mal das Baby ein Teufel („Nightborn“) und dann wiederum die Schwester ein Gespenst („Nina Roza“). Mal starben die Eltern („Moscas“, „We Are All Strangers“), mal die Kinder („Vier minus drei“ in der Panorama-Sektion) und manchmal auch alle gleichzeitig („Rosebush Pruning“). Was aber immer überlebte, war der unabdingbare Glaube ans Kino.
Das zweite Thema, dem in den vergangenen Tagen nicht zu entkommen war, beherrschte die Momente zwischen den Filmen: Gaza und die politische Positionierung der Berlinale. Da war der offene Brief, den viele Schauspieler und Filmemacher unterschrieben, und der der Berlinale vorwarf, sich nicht genug zur Situation in Gaza zu positionieren. Da war der Journalist Tilo Jung, der die Pressekonferenzen nutzte, um Schauspieler mit der Haltungsfrage zu konfrontieren.
Und da war schließlich die Abschluss-Gala, die abermals einigen Preisträgern ermöglichte, mit Pali-Tuch, -Brosche und -Flagge von „Genozid“ und „Völkermord“ zu sprechen. Das Publikum quittierte jene Auftritte, die schon im vergangenen Jahr langwierige Aufarbeitungen nach sich zogen, mit Applaus, Jubel und unverständlichen Zwischenrufen. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ den Saal. Festival-Direktorin Tricia Tuttle warnte, dass es komplexe Dinge gebe, die nicht auf Slogans reduziert werden dürften. Gleichzeitig verteidigte sie „das Recht eines jeden Menschen, die Stimme zu erheben“. Moderatorin Désirée Nosbusch wies darauf hin, dass das jetzt vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt für einen Dialog sei, aber: „Wir hören Sie“.
Jury-Präsident Wim Wenders betonte, dass die Sprache der Berlinale nicht die Sprache der sozialen Medien oder des Aktivismus sei, sondern die des Kinos. Den Aktivismus wolle er jedoch als Verbündeten begreifen. Auf Vereinigung statt Zersplitterung setzte auch „Gelbe Briefe“-Produzent Ingo Fliess, der dazu aufforderte, sich nicht untereinander zu bekämpfen, sondern gemeinsam gegen die Autokraten und Nihilisten da draußen zu kämpfen. Hüller und Çatak beschränkten sich darauf, unspezifisch die ihnen vorangegangen Reden zu loben, was Spielraum für allerlei Interpretationen ließ.
Neben der Sprache des Aktivismus, der der Politik und der des Kinos, existiere, darauf wies Wenders hin, auch die Sprache der Kritik. Wie beurteilt man als Kritiker einen Film? So wie die Caster in der Gesangs-Talent-Show in „Etwas ganz Besonderes“ von Eva Trobisch, die auf einen Buzzer drücken und dann ihrer Begeisterung in platten Floskeln Ausdruck verleihen?
Oder so wie die Familienmitglieder in „Rosebush Pruning“, die die Körbchengröße der neuen Freundin (Elle Fanning) des Bruders in deren Anwesenheit beim Mittagessen diskutieren, damit der blinde Vater ein Bild davon bekommt, und deren Urteile von „durchschnittlich mit einem Hang zu groß“ bis hin zu „durchschnittlich mit einem Hang zu klein“ variieren? Im besten Fall womöglich so wie Tochter und Stiefvater in „Queen at Sea“, die nüchtern ihre jeweiligen Argumente vortragen, und doch am Ende zu keiner Einigung kommen, die es, so ist es in der Kunst und im Leben, vielleicht gar nicht geben kann.
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