Der Mann trägt eine olivgrüne Hose, der Oberkörper nackt, auf dem Kopf thront ein breitkrempiger Hut mit zwei aufgestickten, gekreuzten Kavalleriesäbeln. „Riecht ihr das?“, richtet er das Wort an zwei junge Männer in Uniform und antwortet sich gleich selbst: „Napalm, Soldaten! Nichts auf der Welt riecht so!“
Er geht in die Hocke, hinter ihm schweben giftgelbe Schwaden, das Rauschen von Hubschraubern begleitet seine Worte. „Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen. Einmal haben wir zwölf Stunden lang einen Hügel bombardiert. Als alles vorbei war, bin ich ihn hochgegangen. Wir haben keinen einzigen stinkenden Schlitzaugenleichnam gefunden. Aber der ganze Hügel roch nach Benzin. Es roch nach …“ – er sucht nach dem richtigen Wort – … „Sieg!“
In der Liste der „100 berühmtesten Filmzitate“ aller Zeiten, die das American Film Institute vor ein paar Jahren veröffentlichte, steht der „Napalm am Morgen“ auf Rang zwölf, in unmittelbarer Nähe von „Möge die Macht mit dir sein“, dem Abschiedsgruß der Jedi-Ritter, und „Liebe bedeutet, sich niemals entschuldigen zu müssen“ aus der „Love Story“.
Der Mann mit dem Kavalleriehut in „Apocalypse Now“ ist Lt. Colonel Bill Kilgore, und er hat den Helikoptern gerade den Befehl gegeben, ein Vietkong-Dorf an der Küste zu vernichten, damit seine Männer dort ungestört surfen können. Und dieser prahlerische, halb verrückte Oberstleutnant, mit dem wird Robert Duvall auf ewig verbunden bleiben.
Duvall war nicht der Star des Films, das waren Marlon Brando und Martin Sheen. Selten prangte Duvalls Name über dem Titel einer der 145 Filme, die er über 60 Jahre gedreht hat. Im „Paten“ stand er auf Nummer vier der Besetzungsliste, hinter Brando, Al Pacino und James Caan, als eiskalt-strategischer Anwalt, seinen Mafiabossen treu ergeben und für jene, die sich ihnen in den Weg stellten, tödlich.
Duvall war der oft Erste in der zweiten Reihe, mit seinem verwitterten Gesicht und dem früh zurückweichenden Haaransatz, ein Experte für selbstbeherrschte Männer, die man nicht zu sehr unter Druck setzen sollte, und wehe, wenn doch. In gewisser Weise war er der Erbe jener ungeheuren Intensität, die Brando 20 Jahre vorher berühmt gemacht hatte.
In „Der große Santini“ war Duvall ein Kampfpilot der Marine, zu seiner Familie so herrisch und jähzornig wie zu den Männern unter seinem Kommando. In „Der Apostel“ gab er einen Prediger, der den Liebhaber seiner Frau mit einem Baseballschläger erschlug. In „Network“ spielte er den Chef der Nachrichtenredaktion, verbissen darauf aus, hohe Einschaltquoten zu erzielen.
Duvall war kein Star, aber mit seinem kugelförmigen Kopf, dem verschmitzten Grinsen und dem schelmischen Funkeln in seinen Augen auf den ersten Blick zu erkennen, eines der unverkennbaren Gesichter des New Hollywood der Siebziger. Er hätte mühelos jedem Star jede Szene stehlen können, doch das war nicht sein Stil, er drängte nicht auf die Großaufnahme, reklamierte am Ende die Frau nicht für sich.
Siebenmal wurde Duvall für einen Oscar nominiert, davon fünfmal als Nebendarsteller. Gewonnen hat er 1984 für eine seiner raren Hauptrollen, als abgestürzter Country-Sänger in „Comeback der Liebe“. Seine Nominierungen erstreckten sich über vier Jahrzehnte, von dem Consigliere im „Paten“ bis zu einem Mordverdächtigen in „Der Richter – Recht oder Ehre“; damals war er 84, der älteste jemals nominierte Schauspieler.
Sechs Jahrzehnte vorher hatte Duvall in New York tagsüber für Rollen vorgesprochen, nachts bei der Post gearbeitet und sich eine Wohnung an der Broadway und West 107th Street mit einem anderen angehenden Schauspieler namens Dustin Hoffman geteilt. Die beiden zogen häufig mit Gene Hackman und James Caan um die Häuser; die Wege der vier würden sich später immer wieder kreuzen, Hackman zum Beispiel sollte ursprünglich den Lt. Colonel Kilgore spielen.
Aller vier Filmkarrieren begannen in den frühen Sechzigerjahren. Als der mysteriöse Einsiedler in „Wer die Nachtigall stört“ war Duvall keine fünf Minuten auf der Leinwand und sprach keinen einzigen Satz. Aber schon in diesem Kinodebüt spielte er eine zentrale Rolle und das tat er unweigerlich in jedem Film, egal ob sein Name im Titel stand – Adolf Eichmann in „Der Mann, der Eichmann jagte“, der Sowjetdiktator in „Stalin“ oder General Eisenhower in „Ike: The War Years“ – oder ob er, wie so oft, die eigentlichen Stars durch seine selbstlose Präsenz zu noch besseren Leistungen antrieb.
„Die Engländer haben Shakespeare, die Franzosen Molière und die Russen Tschechow. Der Western gehört uns“, hat Duvall einmal gesagt, und der Western war sein Lieblingsgenre und der frühere Texas-Ranger in der Mini-Serie „Der Ruf des Adlers“ seine Lieblingsrolle. Duvall lebte auf einer 360-Hektar-Ranch in Virginia, hielt sichere Distanz zum liberalen Hollywood und unterstützte bei Wahlen unweigerlich den republikanischen Kandidaten; vor zehn Jahren allerdings kündigte er den Konservativen seine Unterstützung auf, denn „die Republikanische Partei ist ein Chaos“, sagte er in einem Interview.
Nun ist Robert Duvall gestorben, einen Monat nach seinem 95. Geburtstag und eine Woche nach Friedrich G. Beckhaus, seiner jahrzehntelangen deutschen Synchronstimme.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke