Vielleicht war es eine Weihnachtsfeier, vielleicht ein Geburtstag oder sogar eine Neujahrseinladung. Der Anlass ist schließlich egal, denn es gab Essen und reichlich zu trinken, und alle waren sich einig: Zeit, das Glas zu erheben, das Büfett zu plündern und sich bei einer oder zehn Zigaretten auf dem Balkon gegenseitig die Welt zu erklären. Da tat mein Freund Daniel etwas Skandalöses: Er sagte, dass er nicht rauche und – oh Gott – auch nicht mehr trinke. Zudem übe er morgens auch noch den Sonnengruß.

Sofort entspann sich eine Grundsatzdiskussion. Ein Bekannter, ziemlich beleibt und nach einigen Gläsern Rotwein stirnschweißig und rot im Gesicht, ergriff das Wort. Nachdem er herzhaft in ein großes Stück Gruyère gebissen hatte, begann er: „Du, Daniel, als Asket …“ Wie es genau weiterging, weiß ich nicht mehr. Aber was ich nicht mehr vergessen kann, ist dieses Schimpfwort, dieses Totschlagwort, das alles vernichtende A-Wort: Asket.

Asket ist also neuerdings einer, der keinen Alkohol trinkt, kein Nikotin inhaliert und Yoga macht. Das Wort Askese markiert den Unterschied zwischen normal und unnormal. Aber warum gilt ein gesunder Lebensstil eigentlich als asketisch? Warum wirkt ein Verzicht mit dem Ziel, sich besser zu fühlen, als Selbstgeißelung? Wie ist die Schlemmerei vom Luxus zur Bürgerpflicht geworden?

Tatsächlich trägt der Genuss längst Züge industrieller Schwerarbeit. Der Hobbykoch ist verpflichtet, jeden zweiten Abend ein Drei-Gänge-Menü zu zaubern, dessen Rezept er nach Anweisung eines Genuss-Influencers von Instagram penibel folgt –und wehe, jemand verschmäht dann die wissenschaftlich ausgeklügelte Weinbegleitung. Selbst die veganen Rezepte, die mir die sozialen Medien auf den Bildschirm spülen, sind derart aufwendig und leistungsintensiv, dass aus einem überbackenen Blumenkohl mal ganz schnell ein Mandelmusexzess wird, getoppt von einem mit Kürbiskernen frittierten Tofu-Steak.

Selbst das gute alte Fastfood hat sich flächendeckend zur Distinktionswaffe für Snobs aufgerüstet – erkennbar an der unübersehbaren Schwemme der Burger-Restaurants, die seit einigen Jahren die Zentren der mittelgroßen und großen Städte Deutschlands beherrschen: Die Wände sind grün gestrichen, Birkenstämme stehen stylisch im Raum, statt schnödem Industriekäse gibt es Ziegenkäse auf den Burgern und statt Kartoffeln Süßkartoffeln als Pommes.

Als ich in einer dieser Burger-Weihestätten einmal einen Salat mit Hühnchen bestelle, schaut mich meine Tischgenossin fast beleidigt an: „Machst du etwa eine Diät?“

„Nein, ich mache keine Diät“, sage ich.

„Und du bist auch nicht krank?“, hakt sie nach.

Eine lustige Schlussfolgerung, denke ich: Wer sich gesund ernährt, mit dessen Gesundheit kann etwas nicht stimmen.

In Bayern, wo ich gerade lebe, ist es seit jeher gesellschaftlicher Selbstmord, kein Bier zu trinken oder den Schweinsbraten inklusive einer Portion Apfelstrudel mit Vanilleeis nicht zu mögen. Meist folgt nach der vergeblichen Bitte, doch immerhin ein Bier mitzutrinken, die Frage nach dem Warum, und die klingt so dringlich und existenziell, als könnte ich mit einer falschen Antwort eine ganze Kultur zum Einsturz bringen.

In den 50er- und 60er-Jahren nannte man die manische Nahrungsaufnahme und Selbstmästung, die auf das Wirtschaftswunder folgte, die „Fresswelle“. Nach all den Entbehrungen der Nachkriegszeit war es, als müsste man aufholen und überkompensieren, was einem einst versagt blieb. Heute, in gesellschaftlichen Krisenzeiten, in denen viele Menschen Verlust- und Zukunftsängste haben, geht es möglicherweise um den gleichen Effekt: Überkompensation eines drohenden Verlusts. Und so ist jeder, der nicht jeden Tag ein Festmahl bei Lieferando und zehn Pullover bei Zara bestellt, sondern dafür joggen geht, ein Loser. Ein Opfer des Verzichts. Ein Asket.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte der US-Soziologe Thorstein Veblen bei den amerikanischen Reichen das Phänomen der „conspicuous consumption“, des „Geltungskonsums“. Luxus, so Veblen, werde dort nicht erstrebt, um sich etwas Gutes zu tun, sondern um anderen zu imponieren. Heute scheint auch Gesundheit keine funktionale Kategorie mehr zu sein, sondern eine ästhetische: Es kommt nicht darauf an, was einem guttut, sondern darauf, was auf Instagram flashy aussieht.

Gleichzeitig erscheint die blinde Schlemmerei vielen als letzte Möglichkeit zur Rebellion – die Gänsestopfleber als kulturkritisches Manifest. Nach Jahrzehnten toxischer Diätkultur steht eine Gegenbewegung auf, die jede Form von Ernährungsregulation als internalisierte Unterdrückung liest. Ein trainierter Körper signalisiert nicht mehr einfach Gesundheit, sondern Disziplin, Kontrolle, Optimierung – Werte, die im Spätkapitalismus gleichzeitig hochgehalten und als unmenschlich empfunden werden.

Eine moralische Überlegenheitsgeste?

Gesundheit wird als moralische Überlegenheitsgeste verstanden, nicht als persönliche Präferenz. Und je schonungsloser Politiker ankündigen, die Krankenversorgung einzuschränken und die Individuen durch Eigenverantwortung kompensieren zu lassen, was strukturell fehlt (bezahlbare Healthcare, Arbeitszeitregulierung, Umweltschutz) – desto vorwurfsvoller wird jeder Salat als implizite Billigung systemischer Ungerechtigkeiten gelesen.

Tatsächlich ist die Skepsis, die die Kommerzialisierung des gesunden Lebens erzeugt (Detox-Tees, 10.000-Euro-Retreats, Superfood-Hype), durchaus legitim. Wer heute „gesund leben“ sagt, steht schnell im Verdacht, Goop-Esoterik (Gwyneth Paltrow, die mit ihrem erfolgreichen Unternehmen über die Website Goop alles zu Beauty, gesunden Rezepten und Wellness verkauft) oder Influencer-Hustle zu betreiben. Und so ist es nicht ganz unbegreiflich, dass die berechtigte Kritik am Wellness-Komplex auch einfachste Gesundheitspraktiken in Mitleidenschaft zieht.

Denn auch die Gesundheit ist zum Schlachtfeld jener Polarisierung geworden, die, wie viele beklagen, unsere Gesellschaft im Griff hat. Auch Essgewohnheiten sind zu Stammes-Markern geworden. Social Media zeigt die Extreme: entweder Hedonismus oder Biohacking, entweder Fast Food oder Grünkohl-Smoothies. Der unspektakuläre Mittelweg – regelmäßig Gemüse essen, manchmal laufen gehen – generiert keine Klicks. Und so wird gerade die „normale“ Ernährung zu etwas Extremem, zum Ausstieg aus einer Gemeinschaft, die ihre Zugehörigkeit über Pizza-Memes und Kater-Brunch definiert – oder über Quinoa und Ayurveda-Retreat.

So gilt das demonstrative Verschlingen als Lebensqualität – und Askese als Unterwerfung unter die Normen der Gesellschaft. Dabei zeigt ein kleiner Ausflug in die Philosophiegeschichte, dass lange Zeit das Gegenteil galt. Für Diogenes, den Meister der „kynischen“ Denkschule, war der Verzicht vor allem Freiheitspraxis: Wer wenig braucht, ist unabhängig von Macht, Markt und Meinung. Und so lebte der Philosoph glücklich in seiner Tonne, lachte über alle Konventionen und forderte Alexander den Großen seelenruhig auf, ihm doch bitte mal aus der Sonne zu gehen.

Heute ist Diogenes’ autarkeia, seine Selbstgenügsamkeit, komplett unverständlich geworden. Diente die antike Askese dazu, den Menschen vom Sozialen zu befreien, wird die moderne als dessen Internalisierung gelesen.

Unsere Identität konstituiert sich durch Konsum, soziale Validierung, permanente Konnektivität. Wer versucht, mit weniger auszukommen – sei es Zucker, Alkohol, digitale Stimulation –, wird nicht als souverän wahrgenommen, sondern als defizitär. Die Frage ist nicht mehr „Was brauchst du wirklich?“, sondern „Was verweigerst du dir?“ Das philosophische Training zur Bedürfnisreduktion erscheint als pathologische Mangelwirtschaft.

Wenn Diogenes bewusst die Unbequemlichkeit suchte, barfuß im Schnee ging oder mit wenig Nahrung auskam, wollte er damit seinen Charakter formen und seine Ängste überwinden. Heute wird körperliche Disziplin nur verstanden, wenn sie die sichtbare Performance verbessert: als Marker für Gesundheit, Attraktivität und Leistungsfähigkeit. Sobald jemand „ohne Grund“ auf Komfort verzichtet, gilt es als Störung.

Selbst Epikur, der klassische Inbegriff des Genusspredigers, hätte in diesem Setting keine Anhänger mehr. Er plädierte ja für nachhaltigen Hedonismus, für einfache Freuden, für das Vermeiden von Schmerzen – nicht für demonstrativen Konsum ohne Nachdenken über die Folgen. Diogenes und Epikur waren sich einig, dass Luxus versklavt – heute gelten solche Ideen als lustfeindlich. Die technische Möglichkeit, unser Genießen sofort allen zu zeigen, hat die Tyrannei der Begierden, vor der Platon warnte, in ein Lifestyle-Ideal verwandelt.

So gerät das gesunde Leben von zwei Seiten unter Druck: Der Markt macht es zur Ware, zur Konsumidentität und zum Optimierungsprodukt („Kauf dich gesund“). Die Anti-Asketen verdammen es als Komplizenschaft mit Unterdrückungsstrukturen („Gesundheit ist faschistoid“). Und auf beiden Lagern stehen und profitieren gigantische Industrien.

Aber beide Seiten drücken sich um die eigentliche Frage. Sie lautet nicht: „Ist gesund leben asketisch?“, sondern: „Was ist ein gutes Leben?“ Solange wir diese Frage outsourcen – an Märkte, Algorithmen, medizinische Normen, soziale Medien – bleiben wir in der Falle. Die kynische Provokation heute wäre nicht mehr die Tonne, sondern die schlichte Behauptung: Ich entscheide selbst, was ich brauche. Dass diese Aussage bereits radikal klingt, ist das eigentliche Symptom.

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