Nur wenige haben es bemerkt, denn vordergründig dominierte der monströse, hyperintelligente Hannibal Lecter den Film, aber „Das Schweigen der Lämmer“ war 1991 ein Fortschritt für den Feminismus im Kino. Nicht nur, weil die zweite Hauptfigur eine junge Frau war, die ihre eigenen Dämonen ebenso überwindet wie die vielen Hindernisse, die ihr im männerdominierten FBI den Weg zur Wahrheit erschwerten. Sie steht ganz für sich. Es gibt auch keine romantischen Verstrickungen mit irgendwelchen anderen Filmcharakteren.
„The Silence of the Lambs“ bestand den von der amerikanischen Comiczeichnerin Alison Bechdel erdachten Bechdel-Test schon, mit dem das Gewicht von Frauen in einem Film gemessen wird, schon bevor es den Test überhaupt gab. Und gerade deshalb empfindet auch jeder Zuschauer wie Dr. Lecter, der ihr irgendwann sagt, die Welt sei einfach interessanter, wenn sie am Leben bleibe. Die Darstellerin der Clarice Starling, Jodie Foster, sagte später, als sie ihren Oscar bekam: „Ich danke der Academy dafür, dass sie eine so unglaublich starke und wunderschöne feministische Heldin gewürdigt hat, auf die ich so stolz bin.“
Der Film des Regisseurs Jonathan Demme vermeidet auch alles, wofür der Feminismus aus amerikanischen Theorieschmieden den Terminus „male gaze“ importiert hat. Starling trägt neutrale, sachliche Klamotten, sie darf auch mal schwitzen, nie sieht man sie durch die Augen männlichen Begehrens. Dasselbe gilt für die Opfer des Serienmörders. Ihre Körper und ihre Angst werden niemals voyeuristisch zur Schau gestellt.
Es entbehrt also nicht einer gewissen Tragik, dass sich Mitwirkende an so einem Film mittlerweile im Namen des Feminismus dafür entschuldigen. Ted Levine, der den Serienkiller Jame Gumb spielte, übte jetzt im „Hollywood Reporter“ Selbstkritik: „Es gibt bestimmte Aspekte des Films, die nicht besonders gut gealtert sind. Wir wissen heute alle mehr, und ich bin in Bezug auf Transgender-Themen deutlich informierter. Es gibt einige Zeilen in diesem Drehbuch und Film, die unglücklich sind.“ Es sei unglücklich und „fucking“ falsch, dass „Das Schweigen der Lämmer“ die Kultur, Erfahrung und Realität von Transpersonen verunglimpfe.
Der Feminismus, auf den sich Levine und andere Kritiker der Serienkillerfigur berufen, ist ein anderer als der, den Foster 1992 in ihrer Oscar-Dankesrede ansprach. Er ist durch Hinzufügung des Adjektivs „intersektional“ zu einem Konstrukt geworden, das so viele Erfahrungen anderer „marginalisierter“ Gruppen einbezieht, dass darüber die ursprüngliche Erfahrung der in der Menschheitsgeschichte am längsten und hartnäckigsten unterdrückten Gruppe mehr und mehr verwässert wurde – nämlich die der biologischen Frauen.
Zur Erinnerung: Der von Levine gespielte Killer wird von den Ermittlern „Buffalo Bill“ genannt, weil er seine Opfer häutet, so wie es der legendäre Büffeljäger mit den Bovinae des Wilden Westens tat. Er näht sich aus jenen Häuten ein makabres Frauenkostüm, um damit seine Transformation zur Frau abzuschließen. Als Hinweis auf diese Idee versteckt er Schmetterlingspuppen im Rachen der Ermordeten.
Als der Film herauskam, stand „Geschlechtsdysphorie“ noch als „mentale Störung“ im ICD, dem Handbuch, in dem die WHO Krankheiten auflistet. Es war noch nicht tabu, anzudeuten, dass zwischen fragiler oder gar beschädigter seelischer Gesundheit und dem Wunsch, das Geschlecht zu wechseln, ein Zusammenhang bestehen könnte. Das erste Mal war dieser mögliche Zusammenhang in Hitchcocks „Psycho“ künstlerisch verarbeitet worden. Der Film war inspiriert vom realen Fall des Killers Ed Gein. Gut, dass heute niemand mehr lebt, der sich dafür entschuldigen könnte.
Man war sich aber auch durchaus darüber im Klaren, dass nicht jeder Mann, der Frauenkleider trägt, ein potenzieller Massenmörder ist. Man hatte auch „Ein Käfig voller Narren“ gesehen. Man ging zu den Gastspielen des Berliner Kabaretts „Chez Nous“, wenn „Die Herren Damen“ auf Tournee nach Pirmasens oder Braunschweig in die Stadthallen kamen. Und man hatte gelacht über die liebenswürdige Macke eines Mitglieds der „Volksfront von Judäa“, das seinen Mitrevolutionären verkündet: „Ich will eine Frau sein. Es ist mein Recht als Mann. Ich will Kinder bekommen. Es ist das Recht eines jeden Mannes, Kinder zu bekommen, wenn er das möchte.“
Für diese Szene aus „Das Leben des Brian“ verweigert John Cleese allerdings bisher jede Entschuldigung. Ganz anders Ted Levine, bei dem die Umerziehungsmaßnahmen der intersektional-feministischen Lobbyarbeit vollständig erfolgreich waren. Diese hat mittlerweile erreicht, dass nicht mehr der Mann, der sich einbildet, eine Frau zu sein, als verrückt gilt, sondern derjenige, der darauf beharrt, dass kein Passeintrag, keine Perücke und keine Operation das Geschlecht einer Person ändern kann.
Damit ist ein alter römischer Traum wahr geworden. Denn nicht nur in dem Monty-Python-Film will ein fiktiver antiker Mann eine Frau werden. Es gab einen realen Kaiser, Elagabal, der um 200 ebenfalls als Frau angesehen werden wollte. Er kam damit nicht durch und ging als Paradebeispiel spätrömischer Dekadenz und des Caesarenwahns in die Geschichtsbücher ein. Erst unsere Gegenwart kam auf die Idee, für ihn auf Erläuterungsschildchen im Museum weibliche Pronomen zu verwenden.
Viele Tausende Jahre konnten Männer im Patriarchat fast alles werden – nur Frauen sein und Kinder kriegen konnten sie nicht. Ausgerechnet in einem Zeitalter, in dem die maskuline Weltherrschaft angeblich zusammengebrochen ist, ist den Männern das endlich auch noch gelungen. Man wird zur Anerkennung nicht nur durch sozialen Druck dazu gezwungen, sondern sogar per Gesetz. Elagabals Traum wurde wahr. Im allerspätesten Moment gelang dem Patriarchat sein letzter und größter Trick. Der intersektionale Feminismus ist sein misstönender Schwanengesang.
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