Jubiläen zu feiern, sei es die Geburtsstunde einer Kunst-Bewegung oder der Todestag eines Maler-Genies, ist seit jeher eine der naheliegenden Aufgaben des Ausstellungsbetriebs. Wir freuen uns über 100 Jahre Surrealismus genauso wie über 100 Jahre Bauhaus – und an Lovis Corinths 100. Todestag wären wir kürzlich fast in die Alte Nationalgalerie in Berlin gegangen.
Zur wahrhaft glücklichen Fügung wird es, wenn eine Jubiläumsausstellung für sich proklamieren kann, „heute aktueller denn je“ zu sein – was beim Surrealismus mit Blick auf die jüngsten Rekordpreise der Werke weiblicher Protagonistinnen noch halbwegs selbstbewusst proklamiert werden kann, bei Lovis Corinth und dem Bauhaus dagegen schon weniger.
Was aber, wenn das „aktueller denn je“ einer Jubiläumsausstellung nicht glückliche Fügung, sondern böses Omen ist? Diese Frage konnte man sich im vergangenen Jahr in der Mannheimer Kunsthalle stellen, die 100 Jahre nach ihrer genredefinierenden Ausstellung die postexpressionistische Malerei der Weimarer Republik wieder aufleben ließ. Gegenwartsüberforderung, Utopieverlust, Emotionskontrolle, Kriegsangst, Spiel mit Identitäten: Es war Florian Illies, der in einer fulminanten Geburtstagsrede darauf hinwies, dass die großen Themen der Neuen Sachlichkeit genau die Themen unserer jetzigen 20er-Jahre seien.
Zwei Dinge, so Illies, habe uns die Mannheimer Deutschstunde gelehrt: „Die Porträts, Selbstporträts und Stillleben jener Zeit gehören zum qualitativ Besten und Nachdrücklichsten, was an deutscher Kunst im 20. Jahrhundert entstanden ist – aber zugleich können wir nicht anders, als in der Entmenschlichung des Antlitzes, in den müden, fast toten Augen der Kinder und Frauen und Versehrten, den Fratzen der Inhumanität, schon die Urkatastrophe des Krieges und des Holocausts erstmals visuell greifbar zu finden.“
Dass die oft mit altmeisterlicher Präzision gemalten Menetekel des Untergangs nun ausgerechnet in einem Museum zu sehen sind, dessen Entstehungsgeschichte engstens mit besagten Urkatastrophen verknüpft ist, scheint zumindest der deutschen Öffentlichkeit bislang entgangen zu sein. „The Day Is Gone. 100 Years of the New Objectivity“ heißt eine Ausstellung im Tel Aviv Museum, und sie ist – als doppelte Premiere – nicht nur die erste Präsentation Neuer Sachlichkeit in Israel, sondern zugleich das Outing des deutschen Unternehmers Jan E. Fischer, aus dessen Sammlung, die bislang nur wenige Eingeweihte kannten, fast alle Exponate stammen.
Seinem Auge und enzyklopädischem Anspruch ist es zu verdanken, dass der Kurator Noam Gal mit „The Day Is Gone“ die Geschichte der Neuen Sachlichkeit tatsächlich in ihrer gesamten Bandbreite und in ihren zum Teil tragischen Verästelungen auffächern kann: von den großen Namen wie Otto Dix, Christian Schad, Rudolf Schlichter und George Grosz, über damals in Deutschland lebende Expats wie Aurèle René Barraud oder Imre Göth bis zu wiederentdeckten Malerinnen wie Lotte Laserstein und Anita Rée.
Noam Gal erzählt „The Day Is Gone“ als einen Tag im Leben eines jungen Malers in Berlin, der vor genau hundert Jahren aus seinem Studio in Straßen-, Theater- und Nachtleben-Szenerien eintaucht. Gals hauptsächlich aus Tagebuch-Aufzeichnungen beteiligter Künstler gesampelter Text begleitet die Besucher über Kopfhörer durch die Ausstellung und lässt die mal goldenen, mal pechschwarzen Zwanziger lebendig werden, zwischen einem in Deutschland nie wieder erreichten, international strahlenden Glamour, rasantem technischem Fortschritt, schreiender Armut und extremer politischer Polarisierung.
Georg Schrimpfs „Stillleben mit Kaktus“, welches schon 1925 in der Mannheimer Sachlichkeit-Schau ausgestellt war, gibt stilistisch den Ton vor, ein mit kühlem Blick seziertes, hyperrealistisches Interieur, das nicht weiter von den expressiven Visionen der im Ersten Weltkrieg entweder gefallenen oder gebrochenen Brücke-Malern entfernt sein könnte. Auf den Straßen sehen wir Prostituierte, Kriegsversehrte, Schläger-Mobs (in Rudolf Schlichters meisterhafter Gouache „Passanten und Reichswehr“ von 1925–26), und immer wieder den neuen Typus der modernen, emanzipierten Frau (hinreißend die italienische Pianistin Anna Gabbioneta, 1927 porträtiert von Christian Schad). Die Abende und Nächte gehören den Trinkern (Ernst Thoms „Betrunkener in einer Bar“, 1922) sowie den Schauspielern und Regisseuren (Kurt Gerron, der Zauberer aus dem „Blauen Engel“ wird 1928 von Siegfried Shalom Sebba porträtiert, Carola Neher 1929 von Rudolf Schlichter).
Es ist zutiefst berührend, ausgerechnet hier in Tel Aviv der deutschen Kunst vom Vorabend des Faschismus nachzuspüren, sich in die Lebensgeschichten der Künstler und Porträtierten zu versenken, die ein paar Jahre später zu Mitläufern, Widerständlern, inneren Emigranten und immer wieder zu Opfern werden. Um nur zwei zu nennen: Carola Neher, für Brecht die beste Seeräuber-Jenny aller Zeiten und zudem „schönste Frau Deutschlands“, flieht als Kommunistin 1933 nach Moskau, wo ihr Mann 1937 als Trotzkist hingerichtet wird und sie selbst nach fünf Jahren Lagerhaft an Typhus stirbt.
Kurt Gerron, zeitgleich mit Neher einer der größten Bühnenstars Berlins, flieht mit seiner Frau nach Amsterdam, wo die Gestapo sie verhaftet und nach Theresienstadt schickt. Hier organisiert er ein Kabarett für die Ghettobewohner, bevor er gezwungen wird, als Regisseur den berüchtigten Propagandafilm „Der Führer baut den Juden eine Stadt“ zu drehen. Noch bevor die Dreharbeiten beendet sind, werden Gerron und seine Frau 1944 – im letzten Zug – von Theresienstadt nach Auschwitz geschickt.
Kritik an den herrschenden Verhältnissen
Es sind Geschichten wie diese, die dem Tel Aviver Publikum wahrscheinlich noch näher rücken als dem Mannheimer. Doch ist der große Publikumserfolg der Ausstellung nicht allein durch das israelische Interesse an deutscher Geschichte oder der des Holocausts zu erklären. „The Day Is Gone“ ist, folgt man den begleitenden Texten des Kurators, explizit als Kritik an den herrschenden israelischen Verhältnissen gemeint.
Was, fragt Noam Gal im Einleitungs-Wandtext der Ausstellung, verbindet die Besucher mit diesen Kunstwerken? „Sie wurden im Schatten eines Krieges geboren, der den Wert des einzelnen menschlichen Lebens für nichtig erklärt, in einem wirtschaftlich und gesellschaftlich zerrissenen Land“. Natürlich gebe es zahlreiche Unterschiede zwischen Deutschland 1925 und Israel 2025, aber das Bedürfnis der Künstler der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, schreibt Gal, sei heute so groß wie damals und ein essenzieller Teil ihrer Existenz.
Und so steht das Museum – welches im vergangenen Jahr drei Einzelausstellungen von palästinensischen Künstlern gezeigt hat – im Zentrum eines Diskurses, der außerhalb Israels kaum wahrgenommen wird. In der kosmopolitischen Metropole Tel Aviv, deren Herz auf dem Vorplatz des Museums schlägt, auf dem bis vor wenigen Wochen noch den Entführungsopfern der Hamas gedacht wurde, wird Netanjahu ähnlich inbrünstig abgelehnt, wie Trump in Manhattan – während im ländlichen Raum die religiöse Rechte immer stärker wird, und so den Machterhalt des Premierministers sichern kann.
In einem doppelseitigen Artikel zu „The Day Is Gone“ empfiehlt die „Haaretz“-Kritikerin Naama Riba nicht nur, die Ausstellung unbedingt zweimal zu besuchen. Sie geht auch der Frage nach, wie zulässig es ist, unterschiedliche Zeitepochen zu vergleichen. „Heute wie damals“ so zitiert sie den Kurator Noam Gal, „herrscht eine unglaubliche Furcht. Einige der gezeigten Werke sind schon im Schatten von Terror und staatlicher Verfolgung entstanden. Kann uns so etwas auch passieren? Es scheint mir, als gebe es zunehmend reale Gründe für diese Befürchtung.“
So irritierend diese Vergleiche für einen großen Teil der deutschen Öffentlichkeit wirken mögen, in Israel selbst hört man sie immer öfter. Dass es eine deutsche Sammlung ist, die diese Debatten noch verstärkt, ist nur eine Pointe dieser im wahrsten Sinne des Wortes geschichtsschreibenden Ausstellung.
Wenn man heute auf Israel schaue und dabei an das Deutschland von damals denke, so wünscht es sich Gal, solle man den Mythos des absoluten Bösen aufgeben und stattdessen Raum für die Erkenntnis schaffen, dass sich jeder auf der falschen Seite der Geschichte wiederfinden könne. „Sogar wir.“
„The Day Is Gone: 100 Years of the New Objectivity“, bis 23. Mai, Tel Aviv Museum, Israel
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