Serialität ist ein Phänomen der Moderne. Aufmerksamkeit zu erregen, ein Ziel der Kunst. Kaum ein Künstler treibt es damit so auf die Spitze wie der 1973 in Stuttgart geborene Maler André Butzer. Blättert man durch seinen neuen Bildband „Farben, Früchte, Bilder“ (jrp editions, 248 Seiten, 45 Euro) wie durch ein Daumenkino, dann läuft eine Art animierter Film vor unseren Augen ab.

Wir sehen bunte, wohl weibliche Comic-Figuren mit Pagenkopf in wechselnden Haarfarben und abgerundet weißem Kragen. Wir blicken in aufgerissene Augen in der charakteristischen Form zweier aufrechter Ovale mit lang gezogenen Pupillen, einen freundlich geöffneten Mund. Sie erinnern mitunter noch an die sogenannten „Friedens-Siemense“ aus früheren Butzer-Bildern.

Mal schauen die flächigen Figuren von rechts, dann von links, nie tun sie etwas, außer zu lächeln – oder sprechen sie miteinander über die Buchseiten hinweg? Auf den Bildern sind sie jedenfalls meist allein. Manchmal sieht man sie in voller Statur, meist aber nur ihren Oberkörper oder auch lediglich den Kopf, hin und wieder wie eingerahmt vom Bildformat, als lehnten sie in einem Fenster. Die Bilder ähneln einander und sind doch alle einmalig, weil sie die sich wiederholenden Elemente unaufhörlich variieren.

Im Hintergrund tanzen bunte Streifen, Farbflecken, die manchmal aussehen wie Zitronen oder Fallobst. Nur einige Bilder haben Titel, heißen dann auch „Äpfel und Orangen“ oder „Frau im Garten“ oder „Frau am Tisch mit Früchten“, wenngleich ausgerechnet in diesem Gemälde alle drei Motive nur angedeutet werden. Dann wieder wird der Tisch plötzlich etwas plastisch, steht ungelenk vierbeinig da, als wollten die Früchte gleich hinunterkullern. Bloß wohin, ein dreidimensionaler Raum, in den sie kullern könnten, ist nirgends zu sehen.

Einen Raum gebe es auch nicht, orakelt der Künstler im Interview mit dem Kunsthistoriker Christian Malycha, das die mehr als hundert Reproduktionen im Bildband flankiert. Ebenso wenig gebe es isolierte Figuren, Farben, Pinselstriche: „Es gibt nur den gemeinsamen Schwellenraum. Ein falscher Begriff, denn die Schwelle ist kein Raum. Sie ist die bildliche Frequenz, die das Bild aussendet, verschickt“, sagt Butzer. „Eine Art Botschaft an die menschlichen Betrachter, die sie über den Bildort informiert – einen göttlich erfüllten, unzugänglichen, unermesslichen Nicht-Ort, der mit dem Bild zusammenfällt und nichts als Frequenz ist.“

André Butzers Bilder muss man wohl als hochfrequente Summe ihrer Teile sehen und – mehr noch – als die visuellen Botschaften, die sie zusammenhalten. „Die Relation ist alles.“ Sagt der Maler. Oder auch: „Sein-als-Bild.“ Der Kunsthistoriker fühlt sich an Paul Cézanne und Henri Matisse erinnert, begibt sich in die Versenkung und sieht am Ende „reine Malerei“. Selbst wahrnehmen und überprüfen lässt sich das nun in der Galerie Max Hetzler in Berlin, die Butzers neue – häufig überlebensgroße – Gemälde bis zum 18. April 2026 ausstellt und zu Preisen von 40.000 bis 220.000 Euro verkauft.

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