Brat Summer“ 2024: Das war jener seltene Augenblick, in dem Pop nicht nur Soundtrack, sondern Saison wurde – und Charli xcx zu seiner Hohepriesterin. Selbst Feuilletonisten, vor allem die älteren, waren einigermaßen ratlos, worum es sich genau handelte. Ja, eine junge Frau ebendieses Künstlernamens – bürgerlich Charlotte Aitchison, geboren in Cambridge und damals 32 Jahre alt – hatte gerade ein international enorm chartträchtiges Album namens „Brat“ (auf Deutsch etwa „Göre“) herausgebracht, auf dem sie zu harten Clubsounds die eigene emotionale Unordnung besang. Das verstand man ja noch. Dass aber plötzlich ein ganzer Sommer danach heißen sollte, dass es eine eigene Brat-Farbe gab – ein leicht unangenehmes Quietschgrün –, ja, dass sich sogar die amerikanische Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris zu „Brat“ erklärte, das gab dann doch einige Rätsel auf.
Aufklärung verspricht nun ein Film, der mit der Kurzlebigkeit hell auflodernder und sogleich wieder in der Versenkung verschwindender Pop-Phänomene kokettiert. Sein Humor und seine Ästhetik sind arg auf die Zwölf, will sagen: Sie nehmen keine Umwege und machen keine Gefangenen, und genauso ist auch sein Titel, eben „The Moment“. Nächste Woche läuft er auf der Berlinale, davor war er schon auf dem Sundance-Festival zu sehen, zu einem medialen Riesentrara. Parallel macht Charli xcx als Komponistin des Soundtracks des nächsten aktuellen Super-Hypes von sich reden, der Edeltrash-Schnulze „Wuthering Heights“ mit Margot Robbie und Jacob Elordi von der gleichfalls auffallend angesagten Regisseurin Emerald Fennell.
Wenn Sie jetzt denken: Also dafür interessiere ich mich wirklich nicht, für so ein Popsternchen und seine Luxusprobleme, dann liegen Sie zwar nicht ganz falsch, es lohnt sich aber vielleicht doch, kurz dranzubleiben. Denn „The Moment“ ist so ehrgeizig wie seine Protagonistin, Charli xcx, gespielt von Charli xcx. Er möchte um jeden Preis mehr sein als nur insiderische Nabelschau. In guter Tradition von Filmen wie „Triangle of Sadness“ und Serien wie „White Lotus“ oder „Entourage“ hat er sich die satirische Demaskierung der Schönen und Erfolgreichen auf die Fahne geschrieben. Jede Epoche bekommt die Stars, die sie verdient. Ihre Karrieren markieren kulturelle Koordinaten, sie sind fleischgewordener Zeitgeist. So ist es auch mit „The Moment“ – in der ganzen Hyperaktivität, Wirrnis und Kolportage der tendenziell minimalistischen Geschichte liegt jede Menge Gegenwartsdiagnostik verborgen, wie ein subliminaler Beat, der dem Song erst die unheimliche Kraft gibt.
So geht die Story: Auf der Tour nach Veröffentlichung von „Brat“ geht Charli xcx im Spätsommer 2024 die Puste aus. Reichlich verzweifelt und derangiert schickt sie ihrem langjährigen Partner in Crime Aidan Zamiri, der einige Musikvideos für sie inszeniert hat, eine offenherzige SMS, wie den Tagebucheintrag einer waidwunden Seele. Zugleich tritt ihr Label an sie heran mit dem Wunsch, einen Konzertfilm zu drehen. Clevere Marketingstrategen sehen darin eine Gelegenheit, den Hype bis in den Herbst zu tragen, womöglich gar bis in den Winter hinein. Charli und Zamiri haben darauf keine Lust – zu öde, zu traditionell.
Aber vielleicht geht das ja auch anders, lustiger, selbstironischer. Was, wenn Charli – immerhin berühmt geworden mit maximaler Ausstülpung ihres Unwohlseins mit sich selbst und der Welt – genau das auf die Spitze treibt und sich selbst spielt, als notdürftig zurecht geschminktes Nervenbündel, als ruhmsüchtiges Wrack, egoman und innen leer, dabei natürlich immer nahbar und sympathisch, als typische Gen-Z-lerin also, die nur zufällig berühmt geworden ist und umgeben von einer vampirischen Entourage aus geldgierigen Nichtsnutzen und eitlen Gecken?
„Wir wollen doch niemanden ausschließen, oder?“
Die Selbstdarstellung einer Selbstdarstellerin, das Ganze als Mockumentary, also Fake-Doku, wie weiland „Spinal Tap“ und noch früher „A Hard Day’s Night“ von den Beatles. In der Regie von Musikvideo-Regisseur Aidan Zamiri, mit perfekt ausgeleuchteten Kamerabildern im wackeligen Faux-Verité-Stil von Sean Price Williams und mit bekannten britischen Comedians und einer sensationell haifischartigen Rosanna Arquette als Labelchefin. Eine besondere Spitze liegt im weitgehenden Verzicht auf Charli-xcx-Songs.
Das ist natürlich alles ganz schön Meta – ironische Selbstreflexion einer ohnehin ironisch Selbstreflektierten. Eine Mise en abyme, wie dem Pop eher abholde Bildungsbürger sagen würden, aber auch die Postmodernisten der 1980er- und 1990er-Jahre, die dergleichen liebten: Strudel aus Anspielungen und Beziehungen, die sich in sich selbst verschlingen. Und ist Charli xcx eben nicht etwas sehr Heutigem auf der Spur: dem hochseilartistisch anmutenden Balanceakt zwischen größtmöglicher Authentizität und maximaler Ausgeklügeltheit von medialem Bild und ökonomischer Rendite? Verrückt, aber wahr: Die Mesalliance von Mensch und Meme, von Innerlichkeit und Instagram, ist kein Unfall, sondern das Geschäftsmodell trendiger Social-Media-Auftritte.
In einem eilig anberaumten Zoom-Call im Minivan schwatzt das Plattenlabel seiner aktuellen Cashcow-Künstlerin einen erfolgreichen Regisseur von Konzertfilmen auf. Sie wehrt sich nur halbherzig, mit der letzten Kraft einer eigentlich introvertierten Künstlerin, die jahrelang unter dem Radar der Weltöffentlichkeit in ihrem Wohnzimmer Songs zusammengebastelt hat und vom ungewohnten Rampenlicht ziemlich geblendet ist. Und da ist er auch schon, in Gestalt des schönen Alexander Skarsgård. Er spielt den „Hundert Prozent“-Südafrikaner Johannes Godwin als Mischung aus Motivationsguru und Blutegel.
Geschmeidig mischt er sich in die Gestaltung der Tour-Ästhetik ein, will das Stroboskoplicht dimmen und überhaupt alles familientauglicher gestalten: „Singt sie denn von echtem Kokain oder nur von metaphorischem?“ Mag ja sein, dass die Fans bislang auf Queerness und Clubsounds stehen, aber man möchte auch Dreizehnjährige und Normalos erreichen. Dazu bedient er sich raffiniert im Vokabular identitätspolitischer Wokeness: „Wir wollen doch niemanden ausschließen, oder?“ Lustigerweise ähnelt das Ergebnis mehr oder weniger exakt der „Eras“-Tour der Mainstream-Königin Taylor Swift, mit leuchtenden Freundschaftsbändchen und kitschigen Schwebeeinlagen. Bloß ein überdimensioniertes Showfeuerzeug soll einen Rest von Verruchtheit symbolisieren.
Charli weiß schon längst nicht mehr, was sie will, lässt sich auf behämmerte „Vogue“-Videoshoots („Was habe ich in meiner Handtasche?“) und Marken-Endorsements windiger Kreditkartenfirmen ein. Entnervt fliegt sie auf einen Wellness-Kurztrip nach Ibiza. Dort muss sie sich nicht nur von der „Heilerin“ und „elastischen Facialistin“ im Spa anhören, dass ihr energetisches Herz am falschen Fleck sei und überhaupt eine Behandlung unmöglich – was den umgehenden Verkauf sündhaft teurer Beautyprodukte nicht ausschließt.
Sie läuft auch Kylie Jenner in die Arme, gespielt von Kylie Jenner, der viele Hundert Millionen Dollar schweren Timothée-Chalamet-Freundin, Reality-TV-Berühmtheit und Kosmetikunternehmerin, die natürlich so sagenhaft gut und tiefenentspannt aussieht wie immer. Noch entnervter, mit noch dunkleren Augenringen, blasserer Haut und kettenrauchend, fliegt Charli zurück nach London. Selbst die Taxifahrer schauen sie mitleidig an und sagen, ihre iPhones checkend, sie sehe ja ganz anders aus als in ihren Videos.
Gedankenverloren postet sie, Neukunden der Brat-Kreditkarte seien auf ihr bevorstehendes Konzert eingeladen. Leider meldet die Bank Konkurs an, wobei nicht klar wird, ob das an den zu erwartenden Kosten liegt. Ein Shitstorm brandet auf, große Aufregung unter den über Charlis Kopf kreisenden Aasgeiern. Selbst Skarsgård will aussteigen: „Ich kann nicht mit einer Kommunistin assoziiert werden!“ Und erkundigt sich umgehend, ob nicht trotzdem die Rechte am gedrehten Material bei ihm liegen. Tun sie, behauptet sein Anwalt. Charlis einzig wahre Freundin Celeste, gespielt von der gleichfalls äußerst hippen Hailey Benton Gates, ist längst gefeuert. Melancholisch lächelnd, mit Blick aufs ländliche England, hört sie sich in ihrem schwarzen Jeep Charlis entschuldigende Sprachnachrichten an.
Diese komprimierte Erzählung von Aufstieg und Fall hat alle Zutaten einer griechischen Tragödie, bloß in harmlos, wie es zu unserer wohlstandsverwahrlosten Gegenwart passt, solange sie alle echten Probleme draußen hält – die Weltpolitik, das Klima, die Wirtschaft und so weiter. Das tut „The Moment“. Ihm geht es um eine Dekonstruktion des heutigen Social-Media-Ruhms. Das ist verdienstvoll. Und natürlich um eine Verlängerung des „Brat“-Hypes mit sehr coolen Mitteln. Das ist verständlich.
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