Was Tomer Gardi beim Schreiben wohl am meisten interessiert, ist die Frage danach, warum die Dinge so funktionieren, wie sie funktionieren. Die verwandte Frage, was passiert, wenn die Dinge nicht mehr so funktionieren, wie sie im Normalfall funktionieren, treibt den 1974 im Kibbuz Dan im Norden Israels geborenen Autor aber genauso um. Was, wenn etwas dazwischenkommt?

In „Broken German“ von 2016 kam Gardis Deutsch dazwischen. Ein Deutsch, das „kaputt“ war. Kostprobe gefällig? „Hei Amadou. Weisst du, was deine Call Shop ist? … Dein Shop ist das Gebrochenesdeutschsprachigesraum.“ Auf der Website des Bachmannpreises kann man nachlesen, wie man nach Gardis „Broken German“-Lesung um Worte rang. Der österreichische Kritiker Klaus Kastberger fand, „dass die Jury sich offensichtlich nicht direkt mit dem Text auseinandersetzen will und stattdessen allgemeine Fragen diskutiert.“ Kein Wunder: Was auf dem Spiel steht, wenn etwas zerbricht, was normalerweise funktioniert, ist die Normalität selbst. Das ist die keineswegs triviale Lektion, die Gardi seinen Lesern immer wieder erteilt.

Gardis neuer Roman „Liefern“ wirft einen Blick auf die immer stärker wachsende Zahl jener Menschen, die heute dafür sorgen, dass alles reibungslos vonstattengeht, egal ob in Tel Aviv oder Berlin, Buenos Aires, Istanbul oder Delhi: Jene Klasse, die in der sogenannten Plattform- oder Gig-Ökonomie ihr Geld verdient. Lieferanten also, die jenen die Dinge des täglichen Lebens bringen, für die ihnen Zeit und Muße fehlt, das Haus zu verlassen. Das Geld aber nicht. Gardi erzählt in „Liefern“ von denen, die als Kleinunternehmer in farbigen Trikots mit klobigen Behältnissen auf allerlei Gefährten die Straßen unserer Städte bevölkern, aber ein so vertrauter Anblick geworden sind, dass sie nur dann auffallen, wenn das Bestellte zu spät oder gar nicht kommt. Wenn etwas dazwischenkommt.

Die Welt ist ein Dorf

Die Literatur zum Beispiel. Gardis Literatur. Eine Literatur, die auch davon erzählt, was die vielen Lieferanten zu dem gemacht hat, was sie sind. Was ihnen dazwischenkam. Filmon zum Beispiel in Tel Aviv die Covid-Pandemie. Er hat seine Arbeit in einem Café verloren, das wegen der „Plage“ schließen musste und sieht sich gezwungen, als Lieferant anzuheuern. Das geht nur über einen Mittelsmann, Shai, der Lizenzen vergibt für den Lieferservice, auch solche auf fremden Namen. Dora Goldberg zum Beispiel. Was für Filmon riskant ist. Denn Filmon ist mehr als die Pandemie dazwischengekommen. Der Wehrdienst in Eritrea nämlich, Desertation und Flucht nach Israel. Filmon ist schwarz, männlich, ein Flüchtling. Aber weil er nach Deutschland will, wo seine Daniat ist und die gemeinsame Tochter, die auf den Namen des Landes hört, in das Filmon geflohen ist, hat er keine Wahl. Etwas Ähnliches ist auch Ciervo dazwischengekommen. Der Venezolaner will in Argentinien sein Glück machen, hat seine Mutter nachgeholt und liefert nun ebenfalls Essen aus.

Ciervos Problem ist nicht nur die Inflation, sondern sein Handy, jenes Gerät, ohne das die Gig-Ökonomie nie so groß geworden wäre, dass ihr Ausfall deutlich machen würde, wie sehr wir von ihr abhängen in jenem „globalen Dorf“, in dem wir heute alle leben. Ciervos Telefon stürzt andauernd ab. Doch glücklicherweise findet er ein neues. Nur, dass dieses Handy Marta gehört, eigentlich aber Rámon, ihrem Sohn, der bei einem Unfall in Indiens Hauptstadt, man ahnt es schon, unter Beteiligung einer Lieferantin zu Tode gekommen ist. Nun ortet Marta das Handy ihres Sohnes, das sie verloren hat und das für sie die einzige Möglichkeit darstellt, mit Nina Kontakt aufzunehmen. Nina war Rámons letzte Freundin während des Austauschsemesters in Delhi – und in Berlin die Deutschlehrerin von Daniat. Die Welt ist wirklich ein Dorf.

Eine wilde Verfolgungsjagd nach einem blauen Punkt auf dem Handydisplay beginnt, der, Gardi ist ein Meister der parallelen Leben, an jenen erinnert, auf den in einer früheren Passage von „Liefern“ eine Mutter und ihre zwei Kinder starrten, die auf ihre Lieferung warteten. Die Burger kamen nie an. Wo? In einer Straße in Delhi.

„Liefern“ schafft, woran sich Wenige versucht haben. Gardis Buch macht die oft brutalen Bedingungen, unter denen überall ein neues Subproletariat arbeitet, anschaulich. Es bricht damit eine Normalität auf, die nur so reibungslos funktioniert, weil wir uns an die Massen der neuen Diener in unseren Städten gewöhnt haben. In „Sorry We Missed You“ von 2019 hat der britische Regisseur Ken Loach Ähnliches am Beispiel eines Paketzustellers erzählt. Wie Loach bringt Gardi in „Liefern“ viel Sympathie für seine Figuren mit, aber auch einen geradezu herzerwärmenden Humor, der auch da nicht versagt, wo sein Text ins Melodramatische zu kippen droht. Die Geschichten, die er aus Metropolen weltweit erzählt, erinnern dabei an die Herkunft des Wortes „Beispiel“: das nebenbei und dazu Erzählte, das veranschaulicht, was sonst unbemerkt bliebe. Und Tomer Gardi erweist sich in „Liefern“ als Meister des beispielhaften Erzählens.

Tomer Gardi: Liefern. Tropen, 320 Seiten, 25 Euro. Ab 14.2.

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