Daran, dass sich der besorgte Bürger in seinen vier Wänden nicht mehr sicher fühlt, trägt – neben der alljährlich angeblich besorgniserregender werdenden Kriminalstatistik – der Sonntagabendkrimi eine gewisse Mitschuld. Da gab es diesen Kieler Fall, inzwischen längst Legende.

Da schlich ein Mann, dessen Unheimlichkeit zu nicht geringen Teilen daran lag, dass Lars Eidinger ihn spielte, durch Häuser und Wohnungen. Versteckte sich. Hauste ein bisschen darin. Beobachtete, wer in ihnen lebte, im Schlaf. Und brachte sie dann um. Es soll Menschen gegeben haben, die anschließend ihre Schlösser auswechselten und sehr schlecht schliefen.

Das Unheimliche am stillen Gast von damals war – abgesehen von Lars Eidinger – seine Voraussetzungslosigkeit. Der Drehbuchautor Sascha Arango hatte Kai Korthals, diesem mörderischen Schatten, zwar einen ziemlich sprechenden Namen gegeben, aber jedwede psychologische Innenausstattung verweigert.

Kai Korthals ging als eine der finstersten existenziellen Bedrohungen, als Verkörperung des ansatzlos zuschlagenden Bösen in die Geschichte des Sonntagabendkrimis ein. Dass Arango ihn am Ende auch noch davonkommen ließ, machte für viele besorgte Bürger das Maß dann voll.

Einsame, Abgehängte im Osten

Jetzt ist wieder ein stiller Gast unterwegs. In Halle diesmal. „Der Wanderer zieht von dannen“ heißt der „Polizeiruf“, in dem er herumgeistert. Alte Menschen beschattet er, Einsame, Abgehängte, beobachtet sie, bringt sie um. Es gibt zu viele von ihnen. Gerade im Osten Deutschlands.

Und das Unheimliche an dem Mann, dessen Name hier nicht genannt werden darf, rührt nun genau daher, dass der Kerl mit dem Parka und der Kapuze, nicht für irgendetwas numinos Böses steht. Sondern, weil er eine Metapher ist für den versehrten Osten. Für all die Traumata, mit denen die Menschen geschlagen wurden. Und Wunden, die sich nicht überschminken lassen.

Der Fall ist folgender: Mit Frau Krüger geht es los. Die hat irgendwie alle überlebt. Eine Wanne lässt sie volllaufen in ihrem Teil vom Plattenbau. Hat sich Kaffee und Kuchen bereitgestellt und das Radio in Reichweite. Dann ist sie tot.

Was nicht am Radio lag. Sondern am Schatten. Und die beiden Kommissare stehen in der Tür zum Bad. So beredt schweigend stehen sie da, wie es nur Henry Koitzsch und Michi Lehmann können. Die sind die vielleicht größten Seelen, die es gibt im Sonntagabendkrimi. Peter Kurth ist Henry Koitzsch, Peter Schneider ist Michi Lehmann. Sie brauchen nicht viel an Text, ihre Gesichter reden Romane, sie sind Menschenspieler, wie es sie selten gibt.

Eine getrocknete Blume liegt auf der Fensterbank. Symbol für verschmähte Liebe. Eine Jungfer im Grünen. Ein Stuhl steht am Bett der Frau Krüger. Und irgendwie scheint er zu Henry Koitzsch zu sprechen. Er setzt sich und schaut. Es wird übrigens auch mit der Kamera (Nikolai von Graevenitz) wahnsinnig viel erzählt in „Der Wanderer zieht von dannen“, ohne dass ein einziges Wort fällt.

Und dann weht Frau Sommer (Cordelia Wege) ins Polizeirevier und will Henry sprechen. Sie ist wie eine Fee und sagt, dass sie gestalkt wird. Dass da wer in ihrer Wohnung war. Ein Schatten. Wer und wie er ist (eine ständige erotische Herausforderung vor allem), könnte man wissen von „An der Saale hellem Strande“. Da lag ein Mann in seinem Blut, und sein Mörder – eigentlich ein Skandal – lief am Ende frei herum.

Damit ging, als „Polizeiruf“-Jubiläums-Ausgabe angelegt, 2021 die Geschichte von Henry und Michi los. Clemens Meyer, der literarische Chefausleuchter des Ostens, und sein kongenialer Regiekumpel Thomas Stuber haben sie sich ausgedacht. Und der von dannen ziehende Wanderer ist – 2024 gab’s noch die traurige Pädagogen-Legende „Der Dicke liebt“ – ihr dritter Teil.

Eine Geschichte, die Meyer und Stuber sich allerdings weniger ausgedacht als aufgesaugt haben aus der ostdeutschen Gegenwart. Aus den Verlorenheiten und Verborgenheiten und Verdrängtheiten. Allein schon deswegen müsste der MDR um das Hallenser „Polizeiruf“-Revier ein Reservat bauen. In der ganzen Sonntagabendkrimilandschaft gibt es ohnehin zu wenige originär dem Osten abgelauschte Erzählungen, die es vermögen, als genau jener gesellschaftliche Spiegel unterschiedlicher Regionen zu fungieren, als der diese Landschaft zumindest im Westen mal geplant war.

Eine entsetzliche Lücke

Trotzdem verweigert der MDR seinem kreativen Dreamteam die Fortsetzung der melancholischen Moritaten aus einer heillosen Welt. Die seien sowieso nur als Trilogie gedacht gewesen, hieß es. Was Stuber, Meyer, Kurth und Schneider bis zur Pressemeldung zumindest in dieser Ausschließlichkeit nicht gewusst haben wollen.

So muss man sich mit diesen drei wundersamen Heimatfilmen bescheiden. Kann man auch. Die Geschichte von Michi und Henry, die ein ums andere Mal aus unruhigen Tagträumen erwachen, rundet sich im „Wanderer“ und wird ein Meilenstein bleiben, etwas, an dem man in Filmhochschulen zeigen kann, wie Erzählen geht. Und mörderisch menschliches Fernsehen. Aber es wird eine entsetzliche Lücke bleiben. Man sollte Geld sammeln. Viel Geld. Oder einen Streamer überzeugen. Soll der MDR doch weiter „Elefant, Tiger & Co.“ produzieren.

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