Hamburg, muss man ja sagen, ist schon eine ziemlich tolle Stadt. Wenn man sie so sieht im Kino. Kommt ja relativ selten vor inzwischen. Sehr ordentlich. Irgendwie idyllisch. Zu jeder Jahreszeit. Nichts Hässliches fängt die Drohne ein, wenn sie so drüberfliegt.

Und die Menschen erst. Sehr ordentlich, irgendwie idyllisch. Also die, die man in Sönke Wortmanns neuem Film, der „Die Ältern“ heißt (kein Druckfehler, erklären wir vielleicht später) und in Hamburg spielt, sieht. Man soll sich ja, wenn wir das richtig verstanden haben, ein bisschen Sorgen um sie machen. Sie, vor allem der Hannes, der uns da seine Geschichte erzählt, durchleben schließlich die existentiellste Krise, die eine Familie durchleben kann.

Gewissermaßen das Ende der Geschichte, die im Kreißsaal begann: Die Kinder verlassen das Haus. Und die Eltern, das sagt der Hannes, haben keine Schwimmflügelchen gegen das Ertrinken in den neuen Gewässern des Lebens, in denen man wieder Hannes und Sara und nicht mehr Papa und Mama ist.

Hannes und Sara und Clara und Nick hat Jan Weiler für seinen Roman und das Drehbuch aus dem Erfahrungsschatz seines Lebens zusammenfantasiert. Weil wir in Hamburg sind – ordentlich, idyllisch, Sie verstehen, wir sind natürlich eher in Eppendorf als in Mümmelmannsberg – und sie nie wirklich Gefahr laufen, in irgendeinem Elend zu landen, kann man dem sehr entspannt beiwohnen.

Oder gelangweilt. Was ja der Tod jeder Komödie ist. Und „Die Ältern“ will ja eine sein. Eine Komödie. Wenn es einen Preis für die langsamste und berechenbarste Screwball-Komödie der Filmgeschichte gibt, wäre Wortmanns Werk ein heißer Kandidat.

Fotoalbum eines Boomer-Lebens

Zurück zu Hannes. Dass es in „Die Ältern“ um seine Läuterung geht, hat man eigentlich schon begriffen, als Sara und er grob geschätzt um 1984 im R4 auf der Schäl Sick gegenüber dem Dom zu Köln hocken und jeder – außer den beiden selbst – merkt, dass die niemals zusammenkommen sollten. Jedenfalls nicht längerfristig. Man küsst sich. Man zieht zu viert nach Hamburg. Wortmann pflügt im Schnelldurchlauf durch das Fotoalbum eines idealtypischen Boomer-Lebens.

Sara wird Richterin. Hannes bleibt am Schreibtisch kleben. Und mit einer am Ende achtteiligen Roman-Serie, die mit der anscheinend wahnsinnig erfolgreichen Schmonzette „Im Dunstkreis des Krebses“ beginnt, so reich, dass sie sich ein sehr ordentliches, sehr idyllisches Backsteinhaus (vermutlich am Alsterufer) leisten können.

Damit wir am Ende an der Außenalster stehen können und Hannes zuhören, wie er sagt, dass er zu einem Denkmal geworden sei in einer Welt, die es gar nicht mehr gibt und dass er vergessen hatte, worum es in den paar Jahren, die wir haben, eigentlich geht, damit wir diesen Gipfelpunkt der Selbsterkenntnis erreichen, müssen wir nun allerdings auf einem ziemlich wohlgepolsterten Pfad durch ein filmisch ziemlich ausgeforschtes Geschichtsfeld. Erzählungen, lustige zumeist, von alten weißen Männern, die in ihren Fünfzigern aus dem goldenen Käfig ihrer Selbstgewissheit vertrieben werden und sich und ihre Welt im Diskurssperrfeuer der nachfolgenden Generationen neu erfinden müssen, sind in den vergangenen Jahren zu einem eigenen Genre geworden.

Die Lustigkeit, die sie haben können, entsprang dabei – wie Kunst nur aus Schmerz entspringt – aus einer möglichst großen Konsequenz, Gnadenlosigkeit, ja, Bösartigkeit ihrem Protagonisten gegenüber. Simon Verhoeven hat vor zwei Jahren Jan Josef Liefers in „Alter weißer Mann“ das Äußerste an Selbstzerstörung abverlangt. Das war ziemlich grandios und aufschlussreich.

Sönke Wortmann, der es in „Der Vorname“ und dessen beiden Ablegern eigentlich zu einer ziemlichen Virtuosität in Sachen ironischer Figurenzerstörung gebracht hat, und Jan Weiler, der, weil er überwiegend von sich selbst erzählt, ein Meister höchstens des Figurenzausens ist, lassen es in „Die Ältern“ genau daran aber fehlen. Grandios und aufschlussreich ist da gar nichts.

Dabei geht dem Hannes eigentlich sein ganzes Leben flöten. Der Verlag mag seine Dunstkreise nicht mehr. Selbst seine Fans starten eine Petition gegen eine Fortsetzung (was man verstehen kann, was man von den Plots mitbekommt, ist hanebüchen). Sara und Clara entschwinden weitgehend unvorbereitet in eine Zwei-Frauen-WG, solange bis Clara sich mit Paul zusammentut, der ständig Sprichwörter verballhornt, ohne es zu wollen. Hannes und Nick betreiben eine Männerwirtschaft, solange bis Pauls Mathenachhilfelehrerin ihm bei ganz anderen Sachen nachhilft. Und dann ist da noch Vanessa, mit der könnte es was werden, aber die singt Grönemeyer mit Chor in der Eckkneipe, träumt von Afrika und will eine Familie.

Wenn es einmal zu einem guten Scherz kommt (Kinder in grauen AfD-Anzügen stehen zu Halloween vor der Tür und wollen Süßes), erschrickt man fast. Wie über die ganz seltenen Ausbrüche von Ironie. Dazwischen sammeln Wortmann und Weiler alles ein, was der Alltag in Abiturientenhaushalten so hergibt, ohne es ins Groteske zu drehen. Die Humormaschine im Innern von „Die Älteren“ wird mit Altherrenöl betrieben und spuckt klischierte Figuren und Texte aus, die irgendwie lebendig vorzutragen, selbst Sebastian Bezzel scheitert.

Zwei immerhin dürften sich vom Ende vielleicht doch freuen über diesen Film. Michael Otremba und Carsten Brosda. Die sind für den Tourismus verantwortlich in der Freien und Hansestadt Hamburg.

Ab 12. Februar in den Kinos.

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