In den 22 Jahren seitdem sich deutsche Trash-Stars im australischen Busch mit Känguru-Hoden, ihren Mitcampern und sich selbst beschäftigen müssen, ist so manches harte Urteil über das Dschungelcamp gefällt worden. Es wurde als Untergang der abendländischen Kultur verdammt, es wurde bestaunt als Seelen-Striptease, es wurde sogar gefeiert als schonungslose Enthüllung unserer Aufmerksamkeitskultur. Doch das gab es noch nie: In Foren klagten sogar Fans nach jeder Ausstrahlung: "Es fühlt sich an, als würde jeden Tag die gleiche Folge laufen."
Die einstigen Fans haben recht. "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" kennt keine Scham, keinen Anstand, kein Tabu. Der Psycho-Porno unter Palmen kennt nur eine Todsünde: "Du darfst nicht langweilen." Doch in dieser Staffel wurde Tag für Tag dagegen verstoßen – und deshalb war das 19. Dschungelcamp das langweiligste ever.
Gil Ofarim und Ariel, Herrscher der Dschungelhölle
Und niemand verkörperte diesen stumpfen Leerlauf so wie Gil und Ariel, um die sich in dieser Staffel alles drehte. Er hätte tatsächlich etwas von Bedeutung sagen können: Wie man sich als fehlerhafter Mensch in Lügengebilden verstrickt, aus Mutlosigkeit, Angst oder Scham. Aber er sagte, er dürfe nicht sprechen, pro Folge ein Dutzend Mal. Das Resultat: gähnende Leere, vor den Kameras und vor den Bildschirmen. Nun kann man ihm zugutehalten, dass er nach seinem Unfall bei seiner letzten Dschungelprüfung sehr wahrscheinlich unter Betäubungsmitteln stand – aber musste er die sedierende Wirkung deshalb gleich auf uns übertragen?
Ähnlich leer und schmerzbefreit, aber ungleich wortreicher war Gils Intimfeindin Ariel: Immer wieder warf sie ihm seine "Verbrechen und Lügen" vor, bis man als Zuschauer nicht mehr wusste – ist das noch ihre Stimme oder schon der eigene Tinnitus?
Das Camp ist eine einzige Prüfung – für die Zuschauer
Wie sehr Gil und Ariel das Format ruiniert haben, zeigten die Moderatoren. Bislang war auf Sonja Zietlow, Jan Köppen und ihr Team von bissigen Schreibern Verlass – selbst aus sinnfreiem Geschwurbel wussten sie angemessene, witzige und oft kluge Kommentare zu machen. Dieses Jahr blickten die beiden so traurig in die Kamera, als wollten sie sagen: "Das ist nicht wahr, holt mich hier raus!"
Um fair zu bleiben: Natürlich trifft Gil und Ariel nicht die Alleinschuld am Dschungel-Krampf. Um die diesjährige Ödnis zu verstehen, muss man zurück zu den Anfängen. Als der Dschungel zum ersten Mal eröffnet wurde, war er das Camp der Verdammten und komplett Gescheiterten. Er war das Ende einer jedweden Karriere, man machte es allein für das schnelle Geld, nicht einmal wirklich für die Krone. Zu Beginn wusste ja auch niemand, wie man sie gewinnen könnte – nach welchen Regeln die Zuschauer den König und die Königin wählen würden, war nicht klar. Man wusste nur: Irgendwie "authentisch" sollte es wohl sein.
Diese Unberechenbarkeit führte zu einigen offenen und rührenden TV-Momenten. Manchmal saß man vor dem Fernseher und glaubte, dabei zu sein, wie jemand zwischen Kakerlaken-Dusche und Kindheitsbeichte zu sich selbst fand.
Früher war alles besser – auch im Dschungelcamp
Das alles begann 2004 – Ariel war damals noch kein Jahr alt, unter "Influencer" verstand man keinen Berufswunsch, sondern eine Erkrankung der Atemwege. Und niemand im Camp machte sich Gedanken darum, wie er den anderen möglichst viel "Sendezeit" wegnehmen könnte. Das ist heute alles Vergangenheit. Jede Camperin und jeder Camper hat diverse Social-Media-Accounts und zu Hause ein Team hocken, das alle Kanäle befeuert, während man sich am Lagerfeuer gegenseitig anglotzt und im Dschungeltelefon heruntermacht. Oder die Teilnehmer fliegen – wie Ariel – von Australien gleich nach Surinam ins nächste Reality-Gemetzel.
Die Wahrheit ist: Im Dschungelcamp geht es um nichts mehr, nicht einmal mehr um die Dschungelkrone. König oder Königin wird, wer übrig bleibt. Nach dem Getöse ist vor dem Getöse. Und "Authentizität" ist ein Wort mit "Au!" am Anfang.
Das Dschungelcamp ist tot. Die Gils und Ariels haben es gekillt
Oder lässt es sich vielleicht doch noch retten? Das Problem: Das Prozedere ist berechenbar geworden – deshalb grüßen jeden Tag die Murmeltiere und die Fans haben das Gefühl, jeden Abend die gleiche Folge zu sehen. Es braucht dringend einige neue Regeln, um das Einerlei aufzumischen. Zum Beispiel einen Extra-Stern für Aktionen, die die Gruppe nach vorne und Leben ins Spiel bringen. Oder Zigarettenentzug für all diejenigen, die täglich länger als 30-Minuten am Stück Deutschland mit derselben Befindlichkeit anöden. Oder Lahmlegung aller Media-Kanäle zwei Wochen nach dem Dschungel – eine "Freiwillige Social-Media-Kontrolle" (außer für die Dschungelköniginnen und -könige, selbstverständlich). Und all diese Regeln – oder besser Joker – müssten spontan ausgespielt und wieder geändert werden können, bevor der absehbare Stumpfsinn wieder einsetzt.
Aber bis dahin ist die Reality eine andere: Das Dschungelcamp ist eine einzige Prüfung geworden – für die Zuschauerinnen und Zuschauer.
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