Stockholm wird von einem tödlichen Virus heimgesucht. Darum geht es in der Serie „Vaka“ – Amazon Prime zeigt den schwedischen Sechsteiler gut denglisch als „Wake“.

Tödlicher Virus? Schweden? War da nicht was? Zunächst war da ein Film, die amerikanische Netflix-Produktion „Awake“ von 2021, in der ein Virus ähnliche Symptome hervorrief, wie jetzt das „Vaka“-Virus. Aber da war auch, in der wirklichen Wirklichkeit, der „schwedische Sonderweg“ während der Covid-Pandemie. Also offene Schulen zum Beispiel, Maskentragen war freiwillig. Wer sich Anfang dieses Jahrzehnts in Deutschland mehr Anders Tegnell wünschte und weniger Christian Drosten, aber auch, wer Stockholms Chef-Virologen gegenüber Zweifel hegte, der könnte nun gespannt sein, wie es gerade Schweden angehen, bei einer Serie mit virologischem Plot.

Mit der Außenministerin läuft was

Obwohl ja keiner, Schwede oder nicht, der die Corona-Zeit überstanden hat, je wieder so unschuldig wie zuvor auf Bücher, Filme oder Serien über hochansteckende Krankheiten blicken wird. Ganz gleich, ob im Fernsehen Steven Soderberghs „Contagion“ von 2011 oder Wolfgang Petersens „Outbrake“ von 1997 läuft, egal, ob Albert Camus’ „Die Pest“ auf dem Nachttisch liegt oder gar Alessandro Manzonis „Brautleute“: Die Perspektive auf alles, was mit Viren und Ansteckung zu tun hat, bleibt mit den eigenen Erfahrungen seit Dezember 2019 verbunden. Und das wird so bleiben, selbst dann, wenn die Rufe nach „Aufarbeitung“ wieder leiser werden. Oder in dem glücklichen Fall, dass sich ein Mittel gegen Long Covid findet.

Der Regisseur von „Vaka“ heißt Henrik Georgsson. Der hat „Wallander“-Krimis inszeniert und war für über 20 Folgen des dänisch-schwedischen Serienhits „Die Brücke – Transit in den Tod“ verantwortlich. Sein neuer Sechsteiler beginnt dann auch erwartungsgemäß spannend. Wir sind in einem Flugzeug. An Bord eine blonde Dame mittleren Alters. Sie blättert in einer Akte. Das Wort „Gesundheitsgefahr“ sticht heraus, von einem Leck ist da die Rede, von Trinkwasser. Dann Turbulenzen, Geschrei, eine Stewardess stürzt, Sauerstoffmasken fallen von der Decke. Die Blonde weint. Das Wort „Vaka“ erscheint inmitten eines Auges, das den ganzen Bildschirm einnimmt. Rote Einblutungen sind rund um die Iris zu sehen. Womit eine lange Rückblende beginnt, an deren Ende sich ein Pilot reichlich eigenartig verhalten wird.

Doch jetzt sehen wir erst einmal einen Skilift, fröhlicher Kindergesang ist zu hören, der aber bald von Technobeats abgelöst wird. Irgendwas läuft falsch. Falsch herum: Bevor er in enormer Geschwindigkeit rückwärts fuhr, war der Lift stehen geblieben. Jetzt werden Skifahrer an Metallstreben geschleudert. Ein junger Mann, der den Lift stoppen könnte, reagiert nicht, starrt ins Leere, seine Augen sind gerötet.

Was man noch sieht in dieser ersten Folge von „Vaka“: einen Vater (Jonas Karlsson), der sich für seinen Sohn (Malte Gårdinger) einsetzt. Der ist mit dem Gesetz in Konflikt geraten, Körperverletzung, Drogen. Der Vater entpuppt sich als schwedischer Gesundheitsminister, der bald eine milliardenschwere Zusammenarbeit mit einem Pharmakonzern verkündet. Schönheitsfehler: Für diesen Konzern war er selbst einmal tätig. Die Konzernvertreterin ist übrigens die blonde Dame aus dem Flugzeug. Ob da was war zwischen ihr und dem Minister? Erfährt man nicht. Dass da was ist zwischen ihm und der Außenministerin (Gizem Erdogan) schon.

Szenenwechsel: Eine junge Influencerin mit bunten Haaren (Frida Argento) beobachtet, wie im Fitnessstudio eine Frau vom Laufband stürzt. Und hält mit dem Handy drauf. Ihr Nachbar, bärtig wie alle Freaks in „Vaka“, hat offensichtlich einen an der Klatsche. Meint, das Trinkwasser sei mit Fluoriden verseucht. Sein kleiner Sohn (Silas Strand) sucht Trost bei der Influencerin, wenn es zu Hause zu crazy wird. Das Wasser ist ihr egal, weil sie nur Pepsi trinkt. Schließlich ist da eine Rettungssanitäterin (Aliette Opheim), die ins Skigebiet gerufen wird. Sie erfährt, dass der junge Mann vom Lift seit Tagen nicht geschlafen hat. Genau wie ihre Lebensgefährtin (Siham Shurafa), die übrigens im Büro des Gesundheitsministers arbeitet.

Maßnahmen, die den Einzelnen einschränken

„Vaka“ handelt von einem Virus, das den Menschen ganz wörtlich den Schlaf raubt, bevor es sie tötet. Die Serie, in der die Labor-Theorie keine Theorie ist, fragt danach, wie sich Volksvertreter – aber auch ganz normale Menschen – verhalten, wenn sie nicht nur das Wohl aller im Blick haben, sondern vor allem das ihrer Liebsten. Wie die Bevölkerung einer liberalen Demokratie reagiert, wenn man ihr die Wahrheit zwar nur häppchenweise zumutet, sie dann aber mit Gewalt im Zaum halten will.

Wie Verschwörungstheorien und enthemmte Gewalt fröhlich Urständ feiern, wenn der Ausnahmezustand eintritt, zeigt „Vaka“ zwar, warum das so sein muss, vielleicht sogar, wie man das verhindern könnte, scheint die Macher nicht zu interessieren. Hinzu kommt, dass es der Serie nur selten gelingt, die Einzelschicksale, von denen sie erzählt, mit ihrem großen Thema in Einklang zu bringen. Hier verzettelt sie sich bei einem Sabotageakt im Wasserwerk, dort bleibt unklar, welche Motive ein Bombenleger hat.

Gänzlich verfehlt wirkt es, wenn groß angestoßen wird, als der Gesundheitsminister zum neuen Premierminister ernannt wird – sein Vorgänger war auf offener Bühne am Virus gestorben. Apropos: Selbst das augenscheinlichste „Vaka“-Symptom, die Schlaflosigkeit, hat man in Christopher Nolans Thriller „Insomnia“ von 2003 schon bedrückender und ohne virologischen Überbau erlebt – ganz zu schweigen von Nolans Vorlage, dem noch verstörenderen „Todesschlaf“ des Norwegers Erik Skjoldbjærg („Die Besatzung“) von 1997.

Lernt man aus „Vaka“ aber etwas, über das spezifisch schwedische Verhältnis zur Pandemie? Vielleicht gar über eine genuin schwedische Allergie gegen Maßnahmen, die die Freiheit des Einzelnen einschränken? Diese Erwartungen werden enttäuscht, könnte die Serie doch aus fast jedem westlichen Land stammen. Auch ein Blick in schwedische Kritiken lässt daran zweifeln: In „Aftonbladet“ konnte man lesen: „Niemandem hilft ein Drehbuch, das sich überraschenderweise weder für seine Grundprämisse noch für seine Nebenhandlungen und Charaktere interessiert und letztlich nichts weiter zu sagen hat, als dass eine Pandemie eine schwere Belastung ist. Falls das jemand vergessen haben sollte.“

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