Man kann nie wieder nach Hause kommen, hat Thomas Wolfe mal gesagt. Weil man ein anderer geworden ist, zu groß wurde für den Käfig voller Vergangenheit, der einen da wieder einfängt. Weil dieser Käfig vielleicht nie so golden war, wie man ihn in nostalgischer Verblendung erinnert. Man sollte nicht mal zu Weihnachten auf die Idee kommen, nach Hause fahren zu wollen.

Esther Baumann, „Tatort“-Kommissarin in Saarbrücken, kann sich nicht wehren. Sie muss nach Hohenweiler. Das ist das Kaff, anders kann man es nicht nennen, aus dem sie stammt. Das Wort „strukturschwach“ ist mutmaßlich für Hohenweiler erfunden worden, was keineswegs als Entschuldigung für den Horror taugt, der Hohenweiler ist.

Schmutzig grau die Fassaden, das angeranzte Interieur, das dahinter seit den Siebzigern überdauert, müsste dringend in Rente oder zum Recyclinghof gebracht werden. Ein Reservat für Abgehängte. Hohenweiler ist alles zuzutrauen. In Hohenweiler will man nicht mal, wie man es bei allen Sonntagabendkrimis, die auf dem Dorf spielen, nicht will, tot über dem Zaun hängen.

Das war jetzt zugegebenermaßen eine eher dürftige Überleitung. Esther Baumann muss nach Hohenweiler, weil im Wald, der Hohenweiler umarmt, der Fluchtort, Verheißungsort, Liebesort ist, eine Leiche liegt: Emil Feidt, Unternehmer und Gründer der örtlichen Bürgerinitiative, die verhindern will, dass die Minenschächte unter Hohenweiler geflutet werden.

Nicht weit weg von jener Stelle liegt Feidt tot im Wald, wo seine Tochter zu Tode kam. Fünf Jahre ist das her, ziemlich auf den Tag genau. Sie wurde ermordet, heißt es im Dorf. Aber genau weiß man das nicht.

Becky hieß sie. Eine Schuldige für ihren Tod hat der Mob auch, der sich in der Kneipe in Rage redet: Claire. Sie war Beckys beste Freundin und Geliebte. Und eine von den Louis. Die Louis und die Feidt sind wie die Capulet und die Montague bei Shakespeare. Nur in erdig und trostlos, in abgehängt. Sie bekriegen sich. Sie wissen nicht mehr so ganz genau, warum eigentlich. Solang schon geht die Fehde. Wie eine Legendengeschichte fängt „Das Böse in dir“ dementsprechend an.

Drehbuchversehrte überall

Esther war bis jetzt die strebsame, die gradlinige, die strenge. Die einzige im immer noch jungen Saar-„Tatort“-Team, dem bisher niemand eine posttraumatische Belastungsstörung oder sonst eine psychische Verschattung angedichtet hatte. Das ändert sich nun grundlegend. Baumann kehrt heim. Widerwillig, voller Abscheu, voller weher Erinnerungen. Und alles sieht man gespiegelt im Gesicht von Brigitte Urhausen, wenn sie im Auto sitzt mit den Kollegen, die alle Drehbuchversehrte der ersten neueren Mord- und Totschlaggeschichten von der Saar sind.

Jeder Staatsanwalt in der wahren Wirklichkeit hätte sie wegen Befangenheit in den Innendienst versetzt. Schon weil ihr Bruder noch in Hohenweiler lebt, ein Gottesnarr, ein Verschwörungsschwurbler, ein Verdächtiger, Feind der Feidts. Dann wäre die schöne, nachtschwarze Geschichte, die Daniela Baumgärtl und Kim Zimmermann erzählen und Luzie Loose inszeniert, aber schnell vorbei gewesen. Und wer gibt schließlich im „Tatort“ schon was auf wahre Wirklichkeit.

„Das Böse in dir“ ist halt – deswegen sollten auch die Dörfler im Saarland nicht allzu ungehalten werden und sich wieder lautstark mokieren, dass es auf dem Land an der französischen Grenze doch nicht so elend wäre – eine Legende, ein blutiges Märchen. Eine Metapher auch für die große Welt, in der Gewalt Hass schafft und das Böse dabei ist, sich einzunisten in die Seelen von Millionen, und niemand weiß, ob und wie man es jemals wieder da herausbekommt. Hohenweiler ist überall.

Doch zurück zu Romeo und Julia auf dem Dorfe. Eine Geschichte, die sich wiederholt wie in einer Zeitschleife. Becky & Claire hat es schon mal gegeben in Hohenweiler. Esther – die eine Louis ist – liebte Katja. Esther ging, weil sie in ihrer homophoben Heimat, im Hass auf alles, was außer der Reihe leben wollte, keine Zukunft für ihre Liebe sah.

Katja wollte mit, wie Claire mit Becky gehen wollte. Und konnte es nicht, wie es vielleicht Claire nicht konnte. Immerhin ist Katja nicht tot. Sie lebt mit Clemens, dem Kneipenwirt und Versöhner von Hohenweiler, zusammen. Sie hat einen Käfig im Garten, da sind Finken drin. Da sitzt sie gern davor. Die können nicht fliehen. Nicht wegfliegen, wie die Origami-Schwäne, die beim Versöhnerfest, das Clemens erfunden hat, überall herumhängen, gebastelt von den Kita-Kindern, Symbol für Frieden und Freiheit. An Bildern fürs Gefangensein herrscht kein Mangel in „Das Böse in dir“.

In Rückblicken werden die beiden Liebesgeschichten erzählt. Wie Blitzlichter in entsättigten Farben. Die Musik schafft unterschiedliche Klangräume für beide Lebenslieben. Manchmal weiß man nicht, in welcher Geschichte man sich gerade befindet. Es ist das feinste Rückblickgespinst seit Langem im „Tatort“.

„Das Böse in dir“, ein Essay über die Weitergabe von Hass und Gewalt über Generationen hinweg, übers Heimkehren und das Böse und wie es in der Welt ist, dürfte überhaupt der vielleicht beste aller Sonntagabendkrimis von der Saar sein. Allmählich eskaliert alles in Hohenweiler. Der Mob marschiert (dazu brauchten die in Hohenweiler keine asozialen Netzwerke). Blut fließt. Und eine Mahnrede wird gehalten.

Das macht Hoffnung fürs Zuhause, das ein rabenschwarzes Loch ist, in dem noch ein paar Sterne leuchten. Sonst würde man's ja nicht aushalten, das Leben. Vielleicht fährt man ja doch mal wieder hin. Gelegentlich.

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