Diesmal ist Henry Hübchen nicht der nette Onkel von der Stasi, sondern der finstere Onkel vom BND. Der Schauspieler, den Berliner noch als Hauptdarsteller legendärer Castorf-Inszenierungen in der Volksbühne in Erinnerung haben, der aber auch auf eine lange Film- und Fernsehkarriere zurückblickt, hat in den vergangenen Jahren ja überproportional viele Agenten gespielt. In „Unfamiliar“ ist er der längst pensionierte Abteilungsleiter Gregor Klein, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Man fühlt sich leicht an Gary Oldman in „Slow Horses“ erinnert, aber es ist doch etwas ganz Eigenes.

Klein ist nicht der Einzige, den eine mysteriöse Affäre vor 16 Jahren in Belarus im Berlin der Gegenwart in Lebensgefahr bringt. Betroffen sind auch seine beiden ehemaligen Agenten Meret und Simon Schäfer und ihre Tochter, die zu Beginn der Serie ihren 16. Geburtstag feiert. Offiziell für tot erklärt, betreiben die beiden ausgebildeten Ärzte unter neuer Identität eine Klinik für Agenten und andere Zwielichtige, die nicht gefunden werden dürfen. Nicht einmal in der BND-Zentrale, deren Treppenhäuser ironischerweise – wir sind bei Netflix! – an diejenigen des ARD-Hauptstadtstudios erinnern, weiß man die Wahrheit über ihr Fortleben und ihre neue Existenz. Dafür weiß der Zuschauer seit der ersten Szene etwas, was Meret und Simon nicht ahnen: Der Verletzte, den sie in ihr Safe House aufgenommen haben, hat sich die Schusswunde und den Stich selbst zugefügt, um an sie heranzukommen.

Susanne Wolff spielt Meret, deren Härte schnell glaubhaft ausgestellt wird, als sie in einem langen Nahkampf mit Hammer, Gürtel etc. den Eindringling tötet. Wenn eine attraktive Frau und ein jüngerer sportlicher Mann sich minutenlang stöhnend und schreiend in einem Raum herumwälzen, bekommt das unwillkürlich einen sexuellen Anstrich. Ohnehin hat man bei Meret mehr als bei Simon den Eindruck, dass ihr der Job regelrechte Kicks gibt. Es spricht für Simons Agenten-Qualitäten, dass er vor dieser Überfrau dennoch diverse Geheimnisse bewahren konnte – manche sehr lange, manche immerhin einige Tage. Durch deren Auffliegen entwickelt sich die Serie nach und nach auch zum Ehepsychodrama.

Beziehungen und Familien, die ihre Arbeit belasten, haben auch die anderen Protagonisten der Serie: Der Hauptgegenspieler Kaleev vom russischen Militärgeheimdienst GRU (Samuel Finzi) muss dringend noch diverse Menschen finden und umbringen lassen, damit seine Frau Botschafterin (Genija Rykova) in Berlin werden kann, und die Fehler ihres Mannes in der erwähnten alten Belarus-Affäre nicht ans Licht kommen. Die unter Maulwurf-Verdacht stehende junge BND-Agentin Julika (Seyneb Saleh) muss ausgerechnet mit ihrer verflossenen Büroaffäre zusammenarbeiten. Und der von Kaleev beauftragte Profikiller-Unternehmer Auken (Andreas Pietschmann) wird vom GRU-Mann mit einem dezenten Hinweis „motiviert“, dass er ja drei Kinder habe. Der einzige einsame Wolf ist allem Anschein nach Gregor Klein.

In den drei Folgen, die Netflix vorab zur Verfügung stellte, wird immer klarer, dass der Schlüssel zu den Problemen aller Beteiligten bei einer überraschend aus Belarus aufgetauchten „Quelle“ (Natalja Belitzki) und bei der Krämer-Tochter Nina (Maja Bons) liegt. Allerdings ist Letztere zu Beginn noch völlig ahnungslos. Sie findet dann nach und nach Dinge über sich und ihre Eltern heraus, die sie wohl lieber gar nicht gewusst hätte. Das Wortspiel des Titels wird dabei immer ominöser. „Unfamiliar“ heißt auf Englisch „unvertraut, fremd“, aber natürlich zielt es auf die Kernfamilie dieser Serie.

Sehenswert ist das, was der amerikanische Routinier Paul Coates als Hauptautor und Lennart Ruff als Lead-Regisseur da entworfen haben, auf jeden Fall. Berlin, dessen wiedererkennbare coole Ort wieder mal verlässlich abgeklopft werden – kein Hauptstadtfilm ohne Oberbaumbrücke, sagt das Gesetz –, verteidigt seinen Ruf als perfektes Biotop für Agentenfiktion an der Schnittstelle zwischen Ost und West. Den haben einst John le Carré mit „Der Spion, der aus der Kälte kam“ und Len Deighton mit „Berlin Game“ begründet, und er bewährte sich auch nach dem Ende des Kalten Krieges u. a. in „Die Bourne-Verschwörung“. Es gibt wahrscheinlich auch keine andere westliche Hauptstadt, in der man so leicht bekannte einheimische Darsteller findet, die glaubhaft Russisch sprechen können.

„Unfamiliar“ wird zwar weder „Slow Horses“ den Ruf als beste aktuelle Agentenserie streitig machen, noch „Dark“ als höchstbewertete deutsche Netflix-Serie aller Zeiten ablösen, aber als harte Unterhaltung mit wohldosierter überzeugender Action, klischeearmer Psychospannung und Rätseln, die intelligente Zuschauer nicht innerhalb von fünf Minuten gelöst haben, funktioniert es gut genug.

Die Serie „Unfamiliar“ läuft bei Netflix.

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