Die Leugnung geschah beinahe gleichzeitig mit dem Verbrechen. Die Leichen der Opfer des Massakers vom 7. Oktober 2023 waren noch nicht kalt, da begannen schon Akademiker – keineswegs nur Propagandisten der Hamas –, anzuzweifeln, dass dieses Massaker geschehen war. Vor allem wurde vielfach geleugnet, dass die Terroristen der Hamas an jenem 7. Oktober jüdische Frauen gezielt vergewaltigt und hinterher (oft noch während der Vergewaltigung) erschossen hatten: Wo, bitte, denn die Beweise dafür seien? In der Schwundstufe wurde daraus dann die Forderung, das Massaker in seinen historischen Kontext einzuordnen: Dieser Exzess, hieß es, sei nur die (verständliche) Reaktion auf die fortgesetzte Gewalt der israelischen Besatzung.

An der Harvard University wurden jüdische Studenten nach dem 7. Oktober angespuckt, beleidigt, geschlagen. Just dort organisierte die berühmte Judaistin Susannah Heschel nun eine Tagung, auf der das Verbrechen des 7. Oktober in der Tat in einen größeren Zusammenhang gestellt wurde. Allerdings in einen anderen, als seine Schönredner gemeint hatten: Jüdische Frauen sind seit Jahrtausenden sexueller Gewalt zum Opfer gefallen. Susannah Heschel erinnerte eingangs daran, dass schon der Prophet Jeremias in seinen Klageliedern die Töchter Israels beweinte, die von der siegreichen Armee des babylonischen Königs Nebukadnezar geschändet wurden. Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun wies in ihrem Vortrag darauf hin, dass es den Juden in den Jahrhunderten danach überhaupt nichts nützte, wenn sie versuchten, durch Assimilation quasi unsichtbar zu werden: Je mehr sie sich anpassten, desto mehr schärfte der Antisemitismus seine Instrumente, um sie zur Sichtbarkeit zu zwingen.

Europäer vergessen gern, dass es vor dem transatlantischen Sklavenhandel schon Sklaverei innerhalb Europas gab. So wurden nach der Vertreibung der Juden aus Spanien anno 1492 jüdische Mädchen, die zum Christentum zwangskonvertiert wurden, auf dem Sklavenmarkt von Genoa feilgeboten. Die meisten der Opfer waren sehr jung, sagte die Historikerin Tamar Herzig: acht oder neun Jahre. Und viele Mädchen und Frauen wurden schon auf den Schiffen vergewaltigt, die sie von der iberischen Halbinsel nach Italien brachten; häufig von den Kapitänen und im Beisein ihrer Ehefrauen. Als beispielhaft galten unter den Juden jene Frauen, die lieber ins Wasser sprangen, als den Männern zu Willen zu sein: Sie galten als Märtyrerinnen, die mit ihrem Selbstmord „den Namen Gottes heiligten“.

Eine herzzerreißende Geschichte erzählte die Historikerin Rachel Forest: Als 1200 die Juden in Frankfurt einen Pogrom durchlitten, wurde eine jüdische Frau, deren Namen wir nicht kennen, zwangsgetauft und mit einem christlichen Mann verheiratet. Als nach dem Pogrom die Ordnung wiederhergestellt war, kehrte sie zum Judentum zurück und wollte den jüdischen Mann heiraten, mit dem sie sich vor dem Pogrom verlobt hatte. Aber der wollte sie nicht mehr: Sie galt nun quasi als beschädigt.

Ein Rabbiner folgte einer besonders strikten Auslegung des jüdischen Religionsgesetzes und stellte sich auf die Seite des Mannes. Fünf andere widersprachen ihm – mit dem Argument, eine Vergewaltigung habe vielleicht gar nicht stattgefunden. Das jüdische Religionsgesetz, so Rachel Furst, betrachtete Vergewaltigung als Verbrechen, das sich vor allem gegen den Mann richtete. Und es begünstigte das Schweigen der Frau: Am einfachsten für sie war, wenn sie behauptete, ihr sei gar nichts passiert.

Das war in den Jahren nach 1919 schon anders. Vergewaltigte Frauen galten nun auch nach dem jüdischen Religionsgesetz als die Geschädigten, ein Fortschritt! Ansonsten konnte allerdings von einer Verbesserung nicht die Rede sein. Elissa Bemporad erinnerte an einen Massenmord, der aus dem Gedächtnis Europas entschwunden ist: Während des russischen Bürgerkrieges wurden auf dem Gebiet der heutigen Ukraine um die 150,000 Juden umgebracht, hauptsächlich von den ukrainischen Nationalisten um Simon Petljura, aber auch von polnischen Soldaten. Ein Augenzeuge schrieb damals, dies sei kein Pogrom mehr, und fühlte sich an den armenischen Genozid erinnert. Krankenschwestern und Ärzte verteilten damals jiddische „Pogromkarten“, auf denen für jedes Schtetl akribisch verzeichnet wurde, wie viele ermordet und wie viele geschändet worden waren.

Eine unangenehme Wahrheit, der es ins Auge zu schauen gilt, ist, dass das Morden den Mördern ungeheuer viel Spaß machte. Der Holocaustforscher Thomas Kühn berichtete von der polnischen Stadt Nowy Sacz, wo Polizisten und SS-Leute im April 1942 etwa dreihundert Juden auf dem jüdischen Friedhof erschossen. Nach getaner Tagesarbeit trafen sie sich im Casino, tranken, erzählten lustige Geschichten über Juden, die versucht hatten zu entkommen; SS-Obersturmführer Heinrich Hamann, der das Ganze befehligte, führte Zaubertricks vor. Durch das gemeinsame Morden wurden alle Brücken zur Zivilisation abgebrochen, außerdem stiftete es Gemeinschaft.

Viel Spaß hatten auch die Einsatzgruppen der Hamas am 7. Oktober. Bekanntlich riefen manche ihre Eltern an, um sie live an ihren Taten teilhaben zu lassen. Wie soll man die Lust verstehen, die sie verstanden? Der Historiker Thorsten Fuchshuber glaubt, dass hier nur noch die Psychoanalyse weiterhilft: Die Juden verkörpern für den Antisemiten die strafenden Eltern. Indem man sie ermordet, werden alle Begrenzungen aufgehoben, und man kann unbeherrscht die Triebe von der Kette lassen.

Übrigens hielt sich Yahya Sinwar, der das Massaker vom 7. Oktober plante, für eine Autorität auf dem Gebiet der jüdischen Geschichte. Das Massaker muss auch als Inszenierung begriffen werden: Es sollte den Israelis vorführen, dass sie ebenso schwach waren wie ihre Vorfahren in den Gettos und Konzentrationslagern.

Jüdische Jungen wurden im KZ vergewaltigt

Von sexueller Gewalt waren nicht nur Frauen betroffen – davon erzählte William Jones: Kapos und SS-Leute vergewaltigten in den Klos mit Vorliebe jüdische Jungen, häufig strenggläubige Juden, für die dies ihre erste sexuelle Erfahrung war. Die Historikerin Anna Hajkova berichtete von einer lesbischen Aufseherin im KZ von Neugraben, die den Sex mit einer schönen Gefangenen, die ihr ausgeliefert war, allen Ernstes mit Liebe verwechselte.

Von einem ganz eigenen Skandal wusste Kara Jesella zu berichten: Radikale Feministinnen an amerikanischen Universitäten leugneten die Vergewaltigungen oder rechtfertigten sie gar. Dies hat eine Vorgeschichte. Schwarze Feministinnen wie Angela Davis – ehemalige Bürgerinnen der DDR erinnern sich an sie als eine eifrige Parteigängerin des SED-Regimes – waren ziemlich offen antisemitisch. Sie betrachteten die schwarze Bevölkerung als Kolonie innerhalb der Vereinigten Staaten und Juden als deren Kolonialherren. Jüdische Frauen galten den radikalen schwarzen Feministinnen als arrogante Weiße, die dringend der Demütigung bedürften. Man sollte denken, der Satz „Vergewaltigung ist abscheulich“ sei innerhalb der feministischen Bewegung Minimalkonsens. Aber das, zeigte Kara Jesella, war schon vor dem 7. Oktober 2023 keineswegs so. Als Judith Butler das Massaker als „Akt des bewaffneten Widerstands“ bezeichnete, stellte sie sich in eine beinahe ehrwürdige Tradition.

Die Vereinten Nationen haben die Vergewaltigungen der Hamas – die ja hervorragend dokumentiert sind – als Kriegsverbrechen anerkannt und verurteilt, wie die israelische Juristin Rita Halperin-Kaddari, die dafür gekämpft hat, mit Stolz referierte. Angesichts der vielfältigen Rechtfertigungen muss man dafür wohl dankbar sein.

Gibt es einen Lichtblick in all dieser Finsternis? Die orthodoxe Rabbinerin Leah Sarna – doch, das gibt es! – verwies auf das Beispiel von Roni Gonen. Diese junge Israelin gehörte zu den Verschleppten des 7. Oktober, und in der Gefangenschaft musste sie viele Male sexuelle Gewalt erdulden. Auf YouTube kann man anschauen, wie die junge Frau davon berichtet. Sie spart nichts aus, keine Abscheulichkeit, aber sie weigert sich, auch nur das geringste bisschen Scham zu empfinden. Sie nennt den Täter „ben sona“, was ungefähr dem amerikanischen „motherfucker“ entspricht. Sie denkt gar nicht daran, sich dafür zu entschuldigen, dass sie Israelin ist. An dieser jungen Jüdin zerbrechen die Propagandalügen.

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