Seit dem weltweiten Erfolg der Netflix-Serie „Squid Game“ und dem Oscar-Durchmarsch von „Parasite“ schaut, wer sich für die Zukunft des Kinos interessiert, nach Südkorea. Im Film steht „Made in Korea“ für stylische Geschichten und einen unerhörten Genremix, etwa aus grotesker Komödie und blutigem Sozialthriller.
In Wahrheit ist diese Genialität nicht vom Himmel gefallen, sondern das Produkt jahrelanger Reifung. Schon in den 90er-Jahren, mit Regisseuren wie Lee Chang-dong und Lee Myung-se, erlebte das koreanische Kino eine Blüte. Die sogenannte zweite Welle um die Jahrtausendwende brachte Protagonisten hervor, die die Filmlandschaft bis heute prägen: Bong Joon-ho, der lange vor „Parasite“ Meisterwerke wie „Memories of Murder“ (2003) und „Snowpiercer“ (2013) drehte, oder eben Park Chan-wook, in den Augen vieler Kritiker der Allergrößte.
Epochal war sein „Oldboy“ (2003), eine düstere Rachegeschichte, oder auch „Die Taschendiebin“ (2016), oberflächlich lesbische Exploitation, aber untergründig eine genialisch vertrackte Geschichte weiblicher Emanzipation. Parks Markenzeichen: visuelle Opulenz und sagenhafte Plot-Twists, die den Zuschauer kalt erwischen. Unbedingt gehört er, der selbst als Kritiker arbeitete, bevor er auf den Regiestuhl wechselte, zu den größten lebenden Regisseuren überhaupt, indem er rasante Unterhaltung mit künstlerischem Anspruch verbindet.
Parks neuer Film „No Other Choice“, mit dem „Squid Game“-Star Lee Byung-hun in der Hauptrolle, nimmt wie so oft Ausgang in einer scheinbar heilen Welt und steigert sich in einen kathartischen Rausch der Absurdität. Familienvater Yoo Man-su verliert seinen Job in der Qualitätskontrolle einer Papierfirma. Sein Haus und damit das Glück seiner Familie stehen auf dem Spiel. Zuerst werden die Hunde zu den Großeltern geschickt, dann das Netflix-Abo gekündigt. Kann es noch schlimmer kommen? Unbedingt. Auf die raren Jobs in der von ausländischen Investoren renditeoptimierten Papierbranche lauern ebenfalls gekündigte Konkurrenten. Der verzweifelte Yoo Man-su, eigentlich ein friedfertiger Hobbygärtner, beschließt, sie aus dem Weg zu räumen. Die schauerliche Geschichte wirkt geradezu archetypisch koreanisch, basiert aber auf einem Roman des amerikanischen Schriftstellers Donald E. Westlake: „The Ax“ von 1997.
Wir haben Park Chan-wook zum Interview getroffen.
WELT: Sie haben gesagt, Sie hätten rund 20 Jahre mit diesem Stoff verbracht. Warum hat es so lange gedauert?
Park Chan-wook: Es ist 20 Jahre her, seit ich den Roman zum ersten Mal gelesen und beschlossen habe, ihn zu adaptieren. Die eigentliche Arbeit an der Verfilmung hat etwa 15 Jahre in Anspruch genommen. Der Hauptgrund war, dass ich den Film ursprünglich in den USA realisieren wollte. Es ist ein amerikanischer Roman, und es ist eine Geschichte über Kapitalismus – deshalb schien mir Amerika als Schauplatz naheliegend. Mit den amerikanischen Studios kam es jedoch zu grundlegenden Differenzen, vor allem bei der Frage des Budgets. Es war nicht so, dass sie mir gar nichts angeboten hätten. Aber wir hatten sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, welches Budget für dieses Projekt angemessen wäre. Dazu kam, dass ich in dieser Zeit auch andere Filme gemacht habe. All das hat den Prozess verlängert.
WELT: Der Roman stammt aus einer deutlich analogeren Zeit. Hat die heutige Arbeitswelt – Automatisierung, Künstliche Intelligenz, globale Konkurrenz – Ihre Figuren und die Dramaturgie verändert?
Park: Es ist lange her, dass ich den Roman gelesen habe, deshalb kann ich nicht mehr genau sagen, wie stark Themen wie Konzernübernahmen oder Massenentlassungen dort ausgeprägt waren. Aber was mich interessiert hat, ist ein Phänomen, das sich in den letzten Jahrzehnten enorm beschleunigt hat: Unternehmen werden von ausländischen Firmen gekauft, Entscheidungen fallen außerhalb des Landes – und Menschen verlieren plötzlich ihre Arbeit. Früher geschah so etwas meist innerhalb nationaler Grenzen. Heute greifen Länder und Unternehmen weltweit ineinander, und diese globalen Verflechtungen wirken sich unmittelbar auf das Leben einzelner Menschen aus. Die Hauptfigur Yoo Man-su arbeitet jahrzehntelang in einem Unternehmen und wird von einem Moment auf den anderen entlassen – ausgelöst durch eine amerikanische Firma. Sein Weltbild, seine gesamte Lebensordnung, bricht zusammen. Er ist vollkommen überrumpelt von dieser Situation. Genau darauf wollte ich mich konzentrieren.
WELT: Sie zeichnen ein dichtes Geflecht internationaler Abhängigkeiten.
Park: Die Papierfirma, bei der er sich bewirbt, wird als einziges koreanisches Unternehmen beschrieben, das in den japanischen Markt vorgedrungen ist – deshalb sind Japanischkenntnisse eine entscheidende Qualifikation. Aus diesem Grund fügt er seiner Liste von Konkurrenten auch jemanden hinzu, der in Japan gearbeitet hat. Eine andere Firma im Film wurde nach China verkauft, eine weitere gibt vor, einen Geschäftsführer aus Zürich zu haben. All diese Elemente habe ich bewusst miteinander verbunden. Ich wollte zeigen, wie diese globalen Kräfte auf einen einzelnen koreanischen Angestellten einwirken – und wie sein Leben durch Mächte, die völlig außerhalb seiner Kontrolle liegen, aus der Bahn gerät. Er gerät in einen regelrechten Strudel.
WELT: Eine zentrale Rolle spielt dabei Künstliche Intelligenz.
Park: Die Figur wird von einem Unternehmen eingestellt, dessen Fabrik größtenteils von KI betrieben wird. Eigentlich braucht man dort nur eine einzige Person, um das System zu überwachen. Man sagt ihm, es gehe lediglich um eine Testphase. Aber natürlich stellt sich sofort die Frage: Was passiert, wenn dieser Test abgeschlossen ist? Sobald das System stabil läuft, wird auch dieser Mensch überflüssig. Es gibt eine Szene, in der er die Lichter in der Fabrik einschaltet – fast wie eine Geste menschlicher Selbstbehauptung: Der Mensch ist gekommen, der Mensch übernimmt. Später jedoch sehen wir, wie die Lichter von selbst wieder ausgehen. Die KI schaltet sie ab. Es ist eine gegenteilige Proklamation: Wir brauchen euch nicht mehr. Darauf folgt die Szene, in der die Maschinen die Bäume gnadenlos fällen. Das ist Teil meiner Auseinandersetzung mit den Veränderungen, die das heutige kapitalistische System prägen.
WELT: Viele Zuschauer verbinden Ihr Werk mit Rache – von „Oldboy“ bis zur Vengeance-Trilogie. Ihr neuer Film wirkt stärker wie eine Satire mit sozialanalytischem Blick. Ist das ein bewusster Richtungswechsel?
Park: Ich sehe das nicht als etwas grundsätzlich Neues in meiner Filmografie. Schon in „Joint Security Area“ aus dem Jahr 2000 habe ich gezeigt, wie die Teilung der koreanischen Halbinsel das Denken des Einzelnen prägt. In „Sympathy for Mr. Vengeance“, der noch vor „Oldboy“ entstanden ist, ging es ebenfalls um das Verhältnis gegensätzlicher sozialer Klassen. Auch dort standen gesellschaftliche Strukturen im Zentrum. Insofern ist dieser Film für mich keine Abkehr, sondern eine Fortsetzung von Fragen, die mich schon lange beschäftigen.
WELT: Wie blicken Sie heute auf den Zustand des koreanischen Kinos? Ist die Lage so rosig, wie sie von außen scheint?
Park: Das koreanische Kino befindet sich derzeit in einer sehr schwierigen Lage. Besonders verwirrend ist, dass diese Krise nach dem internationalen Erfolg von Werken wie „Parasite“ oder „Squid Game“ einsetzt. Während man im Ausland das koreanische Kino feiert, haben viele Menschen innerhalb der Branche das Gefühl, dass alles auseinanderfällt. Die Kinos sind leer, und solange wir dieses Problem nicht lösen, wird sich die Situation kaum verbessern. Gleichzeitig schrumpft die Industrie: Es werden immer weniger Filme genehmigt, immer weniger Projekte realisiert. Dadurch entsteht ein Teufelskreis. Auf den wenigen Filmen, die noch entstehen, lastet plötzlich eine enorme Verantwortung. Ich selbst spüre diese Verantwortung sehr stark. Und ich weiß, dass viele in der Branche intensiv darüber nachdenken, wie wir aus dieser Situation herausfinden können.
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