Wenn Sie in diesem Jahr nur Zeit für ein Buch haben, dann lesen Sie dieses. Es könnte Ihr Leben verändern. Es führt Sie durch eine weitgehend unbekannte Welt, die vor Ihrer Haustür beginnt. „Routen II“ enthält Texte von Hans-Jürgen von der Wense, einem Universalgelehrten und Landvermesser, der bis zu seinem Tod 1966 nur wenig veröffentlicht hat. Von der Wense besaß die Fähigkeit, Landschaften oder eigentlich die ganze Welt zu lesen und er konnte das, was er da liest und sieht, auf eine einzigartige, sehr eindrückliche Art beschreiben, für die er fast eine eigene Sprache erfindet. Oder zumindest lädt er die vorhandene mit neuer Bedeutung auf.

Wenn man die Schilderungen seiner Wanderungen liest, dann glaubt man, sich in Mittelerde oder einer anderen fantastischen Landschaft zu bewegen, aber sicher nicht in Ostwestfalen oder Südniedersachsen. Die „Schattenwelt“ in „Stranger Things“ ist nichts gegen einen Gang mit von der Wense durch Geseke und Büren. Der Autor bekennt: „Was anderen Rom oder Paris, das ist mir Paderborn“ und das hat er natürlich nicht nur so dahingesagt, sondern belegt es umfänglich. Dieses Werk wurde nur möglich durch die herausragende editorische Leistung von Reiner Niehoff, der aus unzähligen Mappen und Briefwechseln schon das zweite gut lesbare und schlüssig strukturierte Buch erschaffen hat, dem neben vielen Fotos aus von der Wenses Nachlass auch zwei magische Messtischblätter beigefügt sind.

Wandern mit der Aktentasche

Diese Messtischblätter, topografische Karten im Maßstab 1:25000, waren von der Wenses Navigationssysteme. Er wanderte diese Blätter akribisch ab, sich dabei an den Wasserläufen orientierend und drehte bisweilen an den Blattgrenzen um. Sein Blick reichte Jahrhunderte und manchmal Jahrtausende zurück, er sieht Völkerwanderwege, Siedlungsplätze, Hünengräber und wandert durch eine mystisch und mythologisch aufgeladene Landschaft einer germanischen Antike, vorzugsweise bei eher ungemütlichem Wetter, weil er dann die Augenblicke intensiver genießen kann, wo der Himmel aufreißt und unbeschreibliche Herrlichkeiten vor ihm liegen.

Wobei von der Wense natürlich alles beschreiben konnte. Orthodoxe Atheisten mögen zunächst mit von der Wenses fast schon wahnhafter Beweihräucherung der Sakralbauten rund um Paderborn fremdeln, aber am Ende will man das alles möglichst schnell mit eigenen Augen sehen, wohl ahnend, dass man in Paderborner Cafés heute keine Erdbeeren mehr bestellen kann, die mit kreuzförmig aufgetragener Sahne bedeckt sind. Von der Wense, der nie mit Rucksack, sondern meistens mit Aktentasche (für die Messtischblätter) und schon gar nicht in Funktionskleidung unterwegs war, wanderte sich regelmäßig in wahre Rauschzustände hinein, legte ungeheure Entfernungen in Ekstase zurück und bewegte sich selten auf Straßen und Wegen, sondern lief am liebsten querfeldein auf eigenen Pfaden.

Das erschwert es uns, seine wundersamen Wege nachzulaufen. Auch hat sich die Landschaft seit 1932, dem Jahr, in dem von der Wense seine Expeditionen aufnahm, erheblich verändert. Autobahnen, Flurbereinigungen, Neubau- und Gewerbegebiete zerschneiden die von ihm gerühmten Panoramen, ganz zu schweigen von den Rotoren der Windräder. Aber es sind eindrucksvolle Reste zu finden, hier ein geheimes Eibenwäldchen, dort eine jäh aufragende Steilwand, die Grundmauern einer archaischen Burg oder der grandiose, noch immer unverbaute Blick vom Desenberg. Dieser Basaltvulkan erhebt sich eindrucksvoll solitär aus der Warburger Tiefebene und war der Auslöser für von der Wenses rastlose Vermessung der Welt. Der eigenen Legende zufolge verließ er versehentlich in Bad Karlshafen den Zug und hatte dort sein Erweckungserlebnis:

„Ich… stieg anderen Morgens soso irgendwohin, halb tändelnd, herablassend, ironisch, wie man eben der mittleren deutschen Landschaft, die von Strecke und Straße ja nicht zu erkennen ist, sich zu geben gewohnt war. Ich erinnere nun diesen Augenblick so furchtbar genau wie in meinem Leben nicht sonst irgendetwas. Ich saß auf einer Bank, junges Grün, eine kleine Schlange, ein roter Trümmer, über silbernem Nebel im Tal die blaue Linie der Ferne. Sehr ernst und zart. Und ich sehe, ich sehe – diese Linie – und zum allerersten Mal überhaupt sehe ich – steh auf, geh hinein in das offene Bild der Flur, stundenweit, ob Dornen oder Wasser. Das war meine erste Wanderung, der 1000-de folgten. Zum Desenberg, dem spitzen Vulkan der Keuperbörde von Warburg. Von der Stunde an änderte ich mein gesamtes Leben, kündigte allen Freundschaften, wechselte alle Gewohnheiten, tat neue und hochfeierliche Gelübde ….“

Es ist ein weiter Weg von Karlshafen zum Desenberg, der erst nach fünfzehnminütiger Autofahrt, Richtung Südwesten verschwommen und noch recht unspektakulär in den Blick gerät. Aber von der Wense verfügte natürlich über ein ganz anderes Sensorium, das ihm die frühe spirituelle Kontaktaufnahme mit dem Vulkan ermöglichte. Er blieb zwei Monate in der kleinen Stadt mit dem Barockhafen, brach alle Verbindungen zu seinem früheren Leben als Avantgardekünstler ab und widmete sich bis zu seinem Tode der Durchdringung der Mittelgebirgslandschaften zwischen Kassel, Hildesheim und Paderborn.

Orientierung im Weltall

Nach eigener Berechnung legte er um die 27.000 Kilometer zurück, doch es könnten nach anderen Schätzungen auch 40.000 gewesen sein. Geht er nicht zu Fuß, nutzt er die Bahn oder die, vom Namen her, gut zu ihm passende Kraftpost. Für den Universalgelehrten ist alles, was ihm begegnet, mit Bedeutung aufgeladen, viele Fakten, von denen Google erfreulicherweise nichts weiß, werden wie nebenbei geliefert und nicht immer näher erläutert. Warum hieß ein Eilzug Jesuitenexpress, welche Rolle spielte Büren in der Französischen Revolution?

Von der Wense wechselt manchmal unvermittelt von einem sehr hohen Ton, der an Rilke gemahnt, zu überraschend banalen Informationen, wie den genauen Busverbindungen von Höxter nach Lippstadt und verblüfft mit der Liste „Wie wir unsere Kirchen betrachten“: „vor dem Kölner Dom stehen wir mit offenem Munde wie die Kinder vor dem Weihnachtsbaum – vor dem Wetzlarer Dom wie vor einem geologisch merkwürdigen Steinbruch – vor der Grundtvigskirche in Kopenhagen wie vor einem neuen Ozeandampfer – aber den neuen Dom in Barcelona starren wir an wie ein Ungetüm im zoolog. Garten oder einen nachgebildeten Brontosaurus …“

Man wird „Routen II“ nicht an einem Stück lesen, sondern in kleinere Portionen aufteilen. Denn man sollte die bewusstseinserweiternde und -verwirrende Sprengkraft von von der Wenses Beschreibungen und Visionen nicht unterschätzen. Drei Seiten einer harmlos klingenden Wegbeschreibung von Paderborn nach Eichhoff brachten dem Rezensenten eine schlaflose Nacht ein. Von der Wense war jederzeit bereit aufzubrechen und wusste, dass er niemals ankommen würde. Es wird häufig und meistens fahrlässig davon gesprochen, dass es ein Autor seinen Lesern ermögliche, die Welt mit anderen Augen zu betrachten. In von der Wenses Be- und Zuschreibungen wird dieses Versprechen auf eine grandiose Weise eingelöst.

Das Buch ist aus jeglicher Zeit gefallen und nimmt uns mit auf eine Reise durch ein Ostwestfalen, das wir nie zuvor gesehen haben, weil es in einem Paralleluniversum beheimatet ist, zu dem bisher nur von der Wense vordringen konnte, der schreibt: In Westfalen gibt es keine „Sehenswürdigkeiten“. Dieses Land erschließt sich nur dem Verächter des „Interessanten“, dem Deuter des Sinnbilds. Wir lieben dieses Land und seine Städte nicht wegen ihrer Schönheit, sondern wegen ihrem Geheimnis. Die Fremdenverkehrsverbände werden seine Texte kaum nutzen können, aber die Leser halten einen Reiseführer in Händen, der ihnen nicht nur in Westfalen, sondern im gesamten Weltall Orientierung gibt.

Hans-Jürgen von der Wense: „Routen II. Ostwestfalen“. Matthes & Seitz, 390 Seiten, 48 Euro.

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