Es ist ein ganz leichter Diener, den Sebastian Guggolz zur Begrüßung macht, nur mit dem Kopf angedeutet. 1982 ist er geboren, in Deggenhausertal im Bodenseekreis. Die braunen Haare trägt er kurz. Den Bodenseekreis hört man ihm nicht an. Guggolz ist Lektor bei S. Fischer. Und leitet seinen eigenen Verlag, der heißt wie er selbst. Wer das eitel findet, hört ihm am besten zu, wie er das, was er sagt, immer wieder mit einem „das ist meine Beobachtung“, einem „mein Eindruck ist“ ergänzt. Oder mit der Einschränkung, andere würden etwas „vielleicht auch anders beschreiben als ich“.

Jemand, der nicht weiß, was er will, ist Guggolz freilich nicht. Dann wäre er eine Fehlbesetzung für das Amt, das er sich neben dem Lektorenjob – bei Fischer ist er für die Klassiker zuständig – und seinem Verlag – spezialisiert auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in Ost- und Nordeuropa – jetzt angelacht hat. Er „finde die Sachen immer so interessant, dass ich mich sofort aufs Nächste stürze“, sagt er. Und so heißt nun auch der Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels seit Oktober 2025 Sebastian Guggolz. Der Verein hat seinen Sitz in Frankfurt, genauso wie S. Fischer. Gute Gründe für ein Treffen am Main, nicht an der Spree, wo Guggolz wohnt und seinen Verlag betreibt.

Er ist er der jüngste Vorsteher, den der Börsenverein je hatte. Durch seine „Sonderrolle“ als Kleinverleger und Lektor in einem großen Verlag überschaue „ich größere Teile der Branche“, sagt er selbstbewusst über einem Teller Spaghetti Carbonara. „Italienisch“, ohne Sahne. „Deutsch“ wäre mit. „Deutsch“ gibt es nicht in dem kleinen Restaurant im Stadtteil Sachsenhausen. Guggolz freut es, „wie stark diese Wahl registriert wird in der Branche und in den Medien“. Auf eine Kandidatur wäre er alleine gar nicht gekommen. Er sei er aus dem Verband heraus angesprochen worden. Dass es „geklappt hat“, findet er „ein bisschen absurd, im positivsten Sinne“.

Zur Literatur kam Guggolz „gegen meine Herkunft“. Zwar habe im Elternhaus – die Mutter Kindergärtnerin, der Vater Grundschullehrer – „eine große Selbstverständlichkeit mit Büchern“ geherrscht. Aber, sagt er: „Meine Eltern haben viel Krimis gelesen. Selten wirkliche Literatur. Thomas Mann zum Beispiel haben sie als ‚zu bürgerlich‘ abgelehnt.“ Doch Sebastian, einziger Sohn neben vier Töchtern, wollte mit 13, 14 unbedingt „Der Tod in Venedig“ lesen. Er musste das „gegen den Wunsch meiner Eltern machen. Denen kam das zu abgehoben, zu intellektuell vor.“

Ein „antibürgerliches Elternhaus“? Nachdem er in einem Interview gesagt hätte, er sei „antiautoritär“ aufgewachsen, habe die Mutter Einspruch erhoben, erinnert sich Guggolz: „‚Antiautoritär‘ hört sich für sie nach Anarchie an“. Regeln hätte es schon gegeben. Die Kinder hatten aber viele Freiheiten. Respekt vor anderen haben, sich aber nicht einschüchtern lassen, davon profitiere er bis heute, ist Guggolz dankbar: „Das führt dazu, dass ich mich nicht verrückt mache, wenn ich etwa dem Bundespräsidenten gegenüberstehe.“

Noch etwas hat er von Zuhause mitgenommen: „Geld war nie wichtig. Wir hatten es leider auch nie, aber meine Eltern haben nie gesagt: Macht etwas, wo ihr etwas verdient. Das ist gerade in Oberschwaben ungewöhnlich.“ Eigentlich wollte Guggolz nach dem Studium (Kunstgeschichte und Germanistik in Hamburg) ins Museum, landete aber im Berliner Matthes & Seitz-Verlag. Als der expandierte, wollte Guggolz genau das Gegenteil: den Ein-Mann-Verlag.

„Ich stehe auf harte Literatur“

Wie er an sein Startkapital kam, ist eine Story, nach der ihn jeder fragt, der sie einmal gehört hat. Ob ihn das nervt? Nein, sagt er und lächelt, das beweise ja, wozu er bereit ist. Wir sprechen von einer Viertelmillion Euro, gewonnen bei einer Quizshow im Fernsehen. Bei vielen Sendungen hatte Guggolz sich damals beworben, gewann dann, eine Einladung zu Jauch in der Tasche, bei „Der Quiz-Champion“ mit Johannes B. Kerner.

Das war 2015. Das Geld ist heute weg, sagt Guggolz unbesorgt. Der Verlag läuft. Sein erfolgreichster Autor ist der Norweger Tarjei Vesaas (1897–1970). Aber, schränkt Guggolz ein, „ich könnte bei fast jedem Buch in meinem Verlag sagen, weswegen es mein Lieblingsbuch ist.“ Zum Beispiel „Austrocknen“, der einzige Roman des Kroaten Janko Polić Kamov (1886–1910). „Harte Lektüre. Aber ich stehe auf harte Literatur“ gibt Guggolz zu: „Die Leute sind oft überrascht davon, dass ich richtig harte Männerbücher, Kriegsbücher, Partisanenbücher verlege.“

Dann ist da „Das weiße Leintuch“ von Antanas Škėma (1910–1961). Das Buch des litauischen Exilanten war so wichtig, „weil die Übersetzung von Claudia Sinnig, die ich beauftragt habe, die erste in einer westlichen Sprache war.“ Heute gibt es das Buch auf Englisch, Französisch. „Meine Arbeit hat einen Unterschied gemacht.“

Einen Unterschied machen, das ist das Guggolz-Kriterium dafür, überhaupt etwas anzufangen. „Die ersten Situationen im Börsenverein gab es schon, wo ich mich für jemanden einsetzen konnte und wo das auch geklappt hat“, sagt er zufrieden. Jetzt will er, „wo sich die Möglichkeit ergibt, meine und wenn möglich sogar noch jüngere Generationen einbeziehen und in Verantwortung bringen.“ Etwas stört Guggolz im Verein: Trotz großer Schnittmengen schauten „noch viele auf ihre Sparteninteressen“. Dabei gebe es überall in der Welt getrennte Verleger- und Buchhandelsverbände, nur nicht in Deutschland. Eine „Riesenqualität und eine Riesenchance“ sei das, „eigentlich auch eine Verpflichtung“.

Zusammenhalt also heißt das Gebot für eine Branche, der es schon besser ging. Bestseller gebe es zwar noch. Bei S. Fischer etwa Florian Illies. Verkauft „sich nach wie vor gigantisch gut. So wie sich Bestseller vor 40 Jahren verkauft haben“. Aber „wenn ein Verlag zwei Jahre keinen Bestsellererfolg hat, dann gerät er ins Wanken“, warnt Guggolz. Problematischer noch ist der mittlere Bereich, „Die Selbstverständlichkeit, mit der sich das Bürgertum lange Zeit einfach die zehn wichtigsten Neuerscheinungen des Jahres gekauft hat, die gibt es fast gar nicht mehr“ klagt Guggolz. Dass weniger Titel verkauft würden, daran seien auch die Medien nicht ganz unschuldig, weil die sich immer stärker auf bestimmte Titel fokussierten. Hinzu kommt die schwierige Situation des Buchhandels: „Wenn unabhängige Buchhandlungen schließen, wird das auch zum Problem für kleine Verlage, weil wir gerade dort stark vertreten sind. Viele Buchhändler stehen vor der Übergabe aus Altersgründen, nicht alle finden Nachfolger.“ Ein Generationenproblem, glaubt Guggolz.

Große Herausforderungen also. Und auch das Selbstverständliche ist es auf den zweiten Blick gar nicht, erfordert steten Einsatz: „Die Buchpreisbindung und der reduzierte Mehrwertsteuersatz werden uns nicht geschenkt. Es gibt Länder, in denen sie auch wieder abgebaut werden“, sagt Guggolz, nennt die Schweiz, erwähnt aber auch Dänemark, wo die Mehrwertsteuer auf Bücher weggefallen ist.

Eine Kulturpraxis geht verloren

Sein Eindruck sei, dass gerade jüngere Generationen Lesen nicht mehr als selbstverständlich ansähen. „Das war vor 30 Jahren noch anders.“ Dabei boomt doch bei den Jungen, zum Leid der Kulturkritiker, ein Genre, das auf den Namen „New Adult“ hört. Er beobachte das, sagt Guggolz. Ob er schon einmal so ein Buch gelesen hat? „Angeschaut. Durchgeblättert“, sagt er ehrlich. Die Frage sei, „warum man diesen Trend als Problem beschreiben muss, wenn es keinem anderen was wegnimmt. Ich finde, New Adult fügt der Buchbranche eher etwas hinzu“, sagt Guggolz salomonisch, nicht nur, weil er als Vorsteher „ja für die ganze Buchbranche“ spricht: „Dass eine gewisse Kulturpraxis verloren geht“ ist seine Befürchtung. „Und das ist etwas, was man durch die Lektüre solcher Bücher, Inhalt hin oder her, wieder einüben kann.“

Lesen üben muss man schon mit den Kleinsten. Deshalb ist Guggolz Lesepate an einer Berliner Schule. Eine Ergänzung. Effektiv. Und notwendig: „Meine Beobachtung ist, dass in vielen Schulklassen Unterricht kaum noch möglich ist.“ Guggolz sagt, es wundere ihn nicht, „dass viele nicht sinnentnehmend lesen können, wenn sie die Grundschule absolviert haben.“

Wichtig sei, „dass wir als Börsenverein Programme zur Leseförderung durchführen und unterstützen. Aber auch, dass wir auf die Politik einwirken.“ Guggolz dreht jetzt auf: „Die Klagen, dass die Schulen bröckeln, die kenne ich, seit ich denken kann. Dass da einfach trotzdem immer viel zu wenig unternommen wurde, und dass auch jetzt, wenn diese riesigen Finanzpakete der Sondervermögen diskutiert werden, die Bildung nachrangig behandelt wird, empfinde ich als Skandal. Das kann so nicht weitergehen. Das geht aber so weiter.“

Auch die strukturelle Verlagsförderung hat sich Guggolz auf die Fahnen geschrieben. Strukturell, das hieße auch von der politischen Ausrichtung einzelner Verlage unabhängig. Die Artikelflut gegen den Verlagspreis 2025 auf der Plattform „Nius“ wäre so kaum denkbar. Respekt hat sich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bei Guggolz dadurch verdient, sich bei der „Kampagne gegen den Verbrecher Verlag, Nautilus und andere, kleinere, eher linke Verlage von Anfang an sehr klar an deren Seite positioniert“ zu haben. „Das fand ich unglaublich erleichternd“.

Vom konservativen Minister ist der Vorsteher aus dem antibürgerlichen Elternhaus ohnehin positiv überrascht: Er habe ihn als „charismatisch und an der Buchbranche interessiert“ kennengelernt. Und Weimer habe deutliche Ansagen gemacht. „Da werden wir natürlich dranbleiben“, sagt Guggolz.

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