Nein! Kein schlechtes Wort, um einen Roman zu beginnen. Und vielleicht, so mag man nach der Lektüre dieses Totengebetes denken, ist „Nein!“ das wichtigste, das alles entscheidende, das gültige Wort in jeder Sprache. „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ von Imre Kertész handelt von der Entscheidung, dass es nach ihm nicht weitergehen möge. Der Erzähler hat – genau wie der Autor – das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt und führt nun – genau wie der Autor – eine unscheinbare Existenz als Übersetzer im kommunistischen Ungarn.

Dieser belesene, schüchterne und zugleich redselige Mann schleicht nach eigenem Bekunden, „wie ein räudiger, nach der großen Ausrottung übriggebliebener Marder durch die Stadt“. Was er an den Gaskammern und unter dem Regiment der deutschen SS-Männer durch- und als einer der wenigen überlebt hat, prägt ihn für sein ganzes Leben. Er ist zum Über-Lebenden geworden.

Womöglich hat der Erzähler nach 1945 noch eine Zeit lang gehofft, er könnte ohne den Schatten von Auschwitz existieren, eine Familie gründen – und leben wie andere Leute auch. Doch dann fügt er sich – wie der Autor – in sein schicksalsloses Schicksal. Was Imre Kertész dann aber niederschreibt, richtet sich in der Erzählerperspektive gar nicht an uns, die Leserschaft. Das durchgängige Du des langen Monologes spricht zu einem Nicht-Existierenden, und zwar nicht zu einem der Millionen von Toten der Schoah, sondern zum Kind, welches der Erzähler – genau wie der Autor – zu erzeugen verweigert.

Kaddisch ist das jüdische Totengebet, vom ältesten Sohn zu sprechen am Grab. Mit einer Absage an den Sinn religiösen Trostes dreht Kertész das Ritual um: Hier klagt der Vater um das Kind, das er nach der Vernichtung aller Hoffnung nicht mehr haben kann: „Du existierst nicht, und ich kann volle Gewissheit darüber haben, dass ich in Sicherheit bin, nachdem ich mit diesem „Nein“ alles zertrümmerte, alles zu Staub werden ließ.“

Das Großartig-Niederschmetternde dieses 1990 erschienenen Buches liegt in der Schrift gewordenen Erkenntnis des Autors, dass sich nicht mehr in beschreibenden Worten von den Abläufen im Vernichtungslager erzählen lässt, dass Opfer wie Täter, Farben wie Gerüche, Verbrechen wie Heldentaten angesichts der wahren Begebenheiten als Literatur zu Kitsch verkommen.

Also spricht Kertész von der großen Verneinung wie früher Theologen vom unnennbaren Gott: verhüllt, in Umschreibungen und Umwegen, in der Negation. Erst spät entdeckte Kertész, wie er selber erklärt hat, in der radikal subjektiven Prosa von Thomas Bernhard den grimmig-ironischen Fließtext, in der er sein eigenes Erzählprojekt vom Nichts bewerkstelligen konnte. Im Kaddisch erkennt Kertész – gerichtet an eine zärtlich umschriebene Leere – nurmehr die Literatur „als geistige Existenzform, genauer als Existenzform des Überlebens, die ein gewisses Überleben nicht mehr überlebt.“ Und das Schreiben wird zum kleinen Ja gegen das große Nein.

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