Es ist eines der Bücher, die man gelesen haben soll; doch wenn man herumfragt, kennt es keiner. Es sei Literatur für die Literaturwissenschaft, heißt es oft, ein Vorschein der radikalsten Moderne, wie sie „Ulysses“ von James Joyce in Reinform verkörpere. Ein Jahrhundertwerk, über dem sein Autor Flaubert und an dem er womöglich gestorben sei. Unerschöpflich, unausdeutbar, unlesbar.
Letzteres Urteil war fast 30 Jahre lang auch meines. So lange hat die Taschenbuchausgabe des Insel-Verlags in meinen Regalen gestanden. Immer mal wieder absolvierte sie eine kürzere oder längere Episode auf dem Zu-Lesen-Stapel neben meinem Bett, stets beendet von meinem Versagen nach 30 oder 40 Seiten. Nicht einmal Corona konnte die Lektüre erfolgreich katalysieren.
Jetzt habe ich „Bouvard und Pécuchet“ doch gelesen! Vielleicht aus Respekt vor Gustave Flaubert als einem der ganz Großen in der Literatur des 19. Jahrhunderts, vielleicht einfach aus Trotz oder Eitelkeit. Ich habe es nicht bereut. Dabei ist „hanebüchen“ zwar ein passend altfränkisches, aber auch viel zu mildes Urteil über das, was hier auf über 400 Seiten ausgebreitet wird.
So beginnt es: Paris zur Zeit des Bürgerkönigs Louis-Philippe, unter dem das Bürgertum die Macht übernimmt. Es treffen sich per Zufall zwei alleinstehende Männer jenseits der Lebensmitte, beschäftigt in Berufen, für die das Adjektiv subaltern noch geschmeichelt wäre. Sie hocken in staubigen Kontoren und kopieren Amtsschreiben. Man wünschte ihnen die Erfindung von Schreibmaschine und Durchschlagpapier, um sie aus ihrem Elend zu erlösen. Über ihre, diplomatisch formuliert, gemeinsame Mittelmäßigkeit finden sie zueinander. Man kann sich an diesem Punkt der Lektüre kaum vorstellen, was sie zu Figuren eines lesenswerten Romans machen könnte.
Aber hier greift Flaubert als Deus ex machina ein. Er lässt einen der beiden nennenswert erben; und dann verlassen die beiden zusammen Paris, um irgendwo in der Normandie und nahe einer Kleinstadt ein Landgut zu kaufen, einen Ruhe- und Alterssitz fernab der lauten und überteuerten Metropole. Doch an diesem Rückzugsort erleben die beiden eine Höllenfahrt und mit ihnen die Leserschaft.
Es beginnt ganz harmlos. Die frisch gebackenen Grundbesitzer stürzen sich auf das Land, das sie umgibt. Im Selbststudium bilden sie sich zu Fachleuten der Agrarwirtschaft aus. Was die schlichten Bauern der Region immer schon so und nicht anders gemacht haben, lehnen sie zugunsten dessen ab, was ihnen einschlägige Bücher als State of the Art zum Thema Ackerbau und Düngetechniken, Obstanbau, Brennerei- und Brauereiwesen vermitteln. Zwei zu Geld gekommene Pensionäre beglücken sich und ihr Umfeld mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft. Der frische Wind moderner Erkenntnis weht aus der Metropole über das platte Land.
Von wegen! Die beiden machen falsch, was man nur falsch machen kann. Statt die bescheidenen Erträge des Landes zu ernten und zu genießen, ruinieren sie, was immer sie anfassen, um es zu verbessern. Ihre Aktivitäten hinterlassen Sumpf, Matsch und – nicht nur im bildlichen Sinne – verbrannte Erde. Schon bald sind sie, die sie Gutsherrn mit Köpfchen sein wollten, auf allen Feldern gescheitert.
Das ist erst der Auftakt zu einer noch viel größeren, schrecklicheren und immer wieder auch entsetzlich komischen Scheiternsgeschichte. Denn ab jetzt werfen sich Bouvard und Pécuchet auf praktisch alle Lebens-, Geistes- und Wissensgebiete, in denen 100 Jahre nach dem Beginn der Aufklärung doch so wunderbare Fortschritte gemacht worden sind, dokumentiert in vielen Büchern, die glücklicherweise jedermann zugänglich sind. Und wenn der Buchhändler der Kleinstadt nicht das Gewünschte besorgen kann, so tun das Fachleute in Paris, mit denen die beiden in Kontakt stehen.
Dergestalt studieren sich die beiden Autodidakten allmählich in immer höhere Sphären hinauf. Nach der Landwirtschaft beschäftigen sie sich mit Chemie, Medizin, Astronomie, Geologie, Archäologie, Geschichte, Literatur, Politik, Okkultismus, Philosophie und Religion. Immer sind sie anfangs Feuer und Flamme für die angelesenen Erkenntnisse und Lehrmeinungen, und immer werden sie bitter enttäuscht.
Denn die Bücher widersprechen einander bis zur gegenseitigen Aufhebung. Das eine Werk zur Gesundheit rät, möglichst wenig zu essen, das andere, alles. Eines rät zur Bewegung, ein anderes zur Ruhe. So erwachsen aus aller Studienlektüre nur Verwirrung und Überdruss und oft auch Streit. Am Schluss ihrer Odyssee durch das Wissen der Welt hätten die beiden sich noch mit der Erziehung befassen sollen, ihr Objekt ein Lausejunge, der sich über sie lustig macht.
Nebenher unterhalten Bouvard und Pécuchet eher sporadische Kontakte zur Landbevölkerung und zu den Honoratioren der Kleinstadt. Dabei kommt es zu lauter kleinen Orgien des Neids, des Dünkels und des Missverstehens, bei denen die Beteiligten sich gegenseitig an Dummheit und Borniertheit übertreffen. Man muss kaum erwähnen, dass die Ungutsbesitzer auch in der Liebe scheitern.
Und nun die große Frage: Was in aller Welt hat Flaubert mit diesem Roman gewollt? Warum hat er sich jahrelang damit gequält, nicht zuletzt mit der Lektüre aller wissenschaftlichen Werke, die im Text erwähnt werden? In der einschlägigen Forschung finden sich, wie könnte es anders sein, verschiedene und einander widersprechende Antworten, beide fußend auf guten Argumenten. Vielleicht ist „Bouvard und Pécuchet“ ein Roman über das, was geschieht, wenn man mit der Wissenschaft umgeht wie mit dem Rezeptbuch der Großmutter. Die beiden Biedermänner, wie der Text sie immer wieder nennt, sind Dilettanten in allem und jedem, und der Dilettantismus ist ebenso komisch wie gefährlich. Vielleicht aber will der Roman auch sagen, dass das Leben, und das moderne Leben zumal, in seiner ganzen Widersprüchlichkeit auf eine traurige Art und Weise komisch ist.
Die dritte Deutung
Ich halte beide Deutungen für gleichermaßen richtig, traue mich aber, noch eine dritte hinzuzufügen. Sie lautet: „Bouvard und Pécuchet“ ist die literarische Umsetzung einer Vision, die Gustave Flaubert in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts hatte, bezogen auf den Zustand der Wissenswelt etwa 150 Jahre später, also jetzt. Das muss ich natürlich erläutern.
Die beiden Biedermänner im Roman beziehen ihr Wissen aus gelehrten Büchern. Das nennen wir heute schon traditionell oder sogar veraltet; damals waren die Existenz und die Zugänglichkeit solcher Werke für potenziell jedermann der Ausdruck einer avancierten Informationswelt. Das Jahrhundert glaubte sich schon fast zu Ende aufgeklärt. Allerdings kommen die beiden mit dem üppigen Angebot an Informationen denkbar schlecht zurecht. Sie sind zu ungebildet und zu ungeübt, um widersprüchliche Informationen oder Lehrmeinungen auszuhalten, geschweige denn, dass sie in der Lage wären, Widersprüche fruchtbar zu machen.
Vor allem aber sind sie viel zu ungeduldig dafür! Wenn etwas Angelesenes sich in ihrer Lebenswirklichkeit nicht umsetzen lässt, wenn Widersprüche aufscheinen, dann lassen Bouvard und Pécuchet ihre Studien von jetzt auf gleich fallen, um sich einem anderen Gebiet zuzuwenden, von dem sie sich die erwünschten Eindeutigkeiten versprechen. Sie ahnen, was ich damit sagen will? Richtig: Das sogenannte Informationszeitalter steckt zwar um 1870 noch in seinen Anfängen, aber Bouvard und Pécuchet benehmen sich bereits genauso wie der durchschnittliche Internetnutzer unserer Gegenwart.
Überfülle, Verwirrung, Konzentrationsschwäche, Ungeduld! Während ich dies schreibe, tappen gerade Millionen Menschen durch den Informationsdschungel des Internets auf der Suche nach verbindlichen Antworten auf welche Fragen auch immer. Die meisten von ihnen bleiben bereits im Dickicht der Werbung stecken, die sich nach vorn drängt, nicht um möglichst schnell zu helfen, sondern um möglichst schnell etwas zu verkaufen. Schaffen sie es durch diesen Verhau, dann empfängt sie ein Tohuwabohu von seriösen Erkenntnissen, alerten Halbwahrheiten und dreisten Lügen. Leider sind sie nicht dafür ausgebildet, das eine vom anderen zu trennen. Vielmehr sind sie wie Bouvard und Pécuchet erfüllt von dem Irrglauben, ein jeder könne auf einfachste Art und Weise zu wertvollen und nützlichen Erkenntnissen gelangen.
Oft genug landen diese Menschen (ach, und ich zähle mich dazu!) auf ihrer Informations-Odyssee schließlich im Herzen dieser Finsternis, in den Chatrooms und Foren. Dort treffen sich zu Tausenden Bouvards und Pécuchets enttäuschte Urenkel, die an der Suche nach relevanten Informationen früh verzweifelt sind und jetzt nur noch über ihre Niederlagen und Demütigungen reden wollen. Und während in der einen Hälfte des Internets alle Weisheit und aller Unsinn und alle Lügen der Menschheit durcheinander schwirren, sammeln sich in der anderen Hälfte die Selbsthilfegruppen derer, die am Zeitalter der totalen Information verzweifeln.
All dies ist in Flauberts Roman vorgebildet. Bouvard und Pécuchet sind eine solche Selbsthilfegruppe, wenngleich sie einander schlussendlich nicht helfen können und ihre anfangs so biedere Freundschaft zu einer Leidensgemeinschaft wird. Der Tod hat Flaubert an der Fertigstellung des Romans gehindert, aber aus Entwürfen wissen wir, dass die beiden ihr Landgut schließlich verlassen, nach Paris zurückkehren und dort – aus freien Stücken! – wieder tun werden, was sie unter dem Zwang ihrer Brotberufe getan haben: Sie werden wieder abschreiben, egal was auch immer. Die letzte intellektuelle Handlung ist das Kopieren. Heute würde man sagen: das Teilen.
Daher mein Rat: Wagen Sie es! Lesen Sie Flauberts „Bouvard und Pécuchet“. Das informative und höchst intelligente Nachwort von Uwe Japp in der Insel-Taschenbuchausgabe wird Ihnen die Lektüre-Hilfe zukommen lassen, von der auch ich sehr profitiert habe. Und dann stellen Sie sich bei der Lektüre versuchsweise vor, dass die Biedermänner auf dem Land durch ein Glasfaserkabel mit dem Universum des Wissens verbunden sind. Oder stellen Sie sich gleich sich selbst vor, wie sie täglich und stündlich im Dämonenreich des Internets nach Hilfe suchen und dabei um ihre geistige Gesundheit kämpfen.
Der Schriftsteller Burkhard Spinnen, geboren 1956, veröffentlichte zuletzt die Romane „Vorkriegsleben“ (2024) und, gemeinsam mit Charles Wolkenstein, „Erdrutsch“ (2025). Er lebt in Münster.
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