Mit der Zahl der Wörter, so scheint es, schwindet der Sinn für Sprache. Newsletter, LinkedIn-Posts, Einladungen, wissenschaftliche Essays, Zeitungsartikel: Der„Chattie“-Stil aus blankpolierten Sätzen, an denen niemand hängenbleibt, die aber auch nichts riskieren, begegnet Lesern mittlerweile überall. Das Internet ist zu einem gigantischen Flutgebiet aus Text-Generika und „KI-Slop“ verkommen, das glatt gezogene Sätze aus immer ähnlicher klingenden Versatzstücken hinterlässt.

Laut einer Analyse des Internetdienstleister „Graphite“ waren im Mai vergangenen Jahres 52 Prozent aller neu publizierten Internet-Artikel von künstlicher Intelligenz verfasst. Insgesamt betrug der Anteil an KI-generierten Texten im Internet – also inklusive der vor Mai 2025 verfassten Artikel – 57 Prozent.

In den sozialen Medien geht es noch künstlicher zu: Dort fielen Stand März 2025 angeblich ganze 71 Prozent der Bilder und Videos in die Kategorie „AI generated“. Was also tun angesichts dieser Sprach- und Bildverödung? Die Antwort ist denkbar einfach wie ungewöhnlich: Gedichte lesen.

Um die Lyrik ist es nicht gut bestellt. Für Gedichte existieren keine Bestsellerlisten oder Rankings, es gibt weder Influencer noch Werbung und wer in seinem Freundeskreis erzählt, er lese Gedichte, gilt schnell als prätentiöser Wichtigtuer. Dabei birgt die Lyrik gerade mit ihrer formalen Struktur, ihrem Hang zum Subversiven und der Fähigkeit zur Überblendung eine explosive Kraft. Im gerade erst angebrochenen KI-Zeitalter werden Gedichte somit zur neuen Avantgarde.

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh‘ ich wieder aus.“ Kaum ein Vers öffnet mit so wenigen Worten eine derart große innere Landschaft wie der Beginn des „Gute Nacht Lieds“, dem ersten Zyklus aus der „Winterreise“. Die Gedichte aus der Feder von Wilhelm Müller, die der junge Franz Schubert 1828 vertonte, erzählen von einer psychischen Bewegung zwischen innerer Erstarrung und seelischem Vagabundentums. Ihre Wirkung entfalten die Verse gerade durch ihre rhythmische Verknappung in der Form, womit die „Winterreise“ ein radikaler Gegenentwurf zum Text-Gelaber der Gegenwart ist.

„Es ist angebracht, dem Roman zu misstrauen“, schrieb Michel Houellebecq einmal, der vor seinem Durchbruch als Romancier hauptsächlich Lyrik schrieb. „Man darf sich weder von der Geschichte hereinlegen lassen, noch vom Tonfall noch vom Stil.“ Seine provokante Schlussfolgerung: „Wer bei der Poesie bleibt, bleibt bei der Wahrheit.“

Der trügerische Charakter, den Houellebecq der Prosa attestierte, halt in erhöhtem Maße die nach den strengen Gesetzen der Logik konstruierten Text-Generika im Internet. Die Lyrik hingegen, die sich weder an Plot noch Handlung klammern muss, lässt die Dinge unter der Oberfläche geschehen, es entsteht ein Hohlraum an Bedeutungen. Ein Beispiel aus Hölderlins Ode „Heidelberg“ von 1798:

„Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog,/

Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön,

Liebend unterzugehen,

In die Fluten der Zeit sich wirft.“

Wer dem Reflex zum schulmäßigen Interpretieren widersteht und den Text einfach für sich stehen lässt, der spürt vor allem eins: ein Gefühl. Die Zeilen machen betroffen, sie berühren. Offenbar besteht ein Bezug zwischen dem bald 250 Jahre alten Text und der Lebenswirklichkeit von jüngeren Männern in der Gegenwart (Hölderlin war beim Verfassen des Gedichts 27 oder 28 Jahre alt). Da ist eine Zerfaserung spürbar, ein Gefühl des langsamen Auflösens in eine unbestimmte „Ebne“, gefolgt von diesem seltsamen Wort „traurigfroh“, das eine psychische Bewegung andeutet, ohne sie festzulegen.

Hölderlins Zeilen wirken erstaunlich anschlussfähig an die hektische Gegenwart. Die Phänomene an der Oberfläche mögen sich verändert haben, die in tieferen Sedimenten liegenden Motive sind jedoch die gleichen wie im Jahr 1798. Eine Strophe aus vier Zeilen, die einen ganzen Horizont von Empfindungen öffnet.

Für Jean Cohen, Autor des 1966 erschienenen Theoriebands „Structure du langage poetique“ trachtet die Lyrik nach einer allgemeinen Auflösung der Markierungen: Objekt, Subjekt und die Welt verschmelzen in ein- und derselben pathetischen und lyrischen Stimmung. Es sei somit gerade ein Anliegen von Poesie, einen von Grund auf „alogischen Diskurs“ zu erzeugen.

Es geht um „maximale Abweichung“

Für den Houellebecq, der auf Cohen aufbaut, ist daher klar: Der Poesie geht es darum, „eine maximale Abweichung festzumachen, alle bestehenden Kommunikationscodes aufzubrechen, zu dekonstruieren.“ Obwohl die Überlegungen von Cohen und Houellebecq aus einer Zeit stammen, lange bevor 2022 die ersten Large Language Models (LLM) auf den Markt kamen, lesen sie sich brisanter denn je.

Jüngst hat sich der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski in einem Gastbeitrag für „Deutschlandfunk Kultur“ subversiven Kraft der Poesie gewidmet. Texteingaben, die in Reimen oder metaphorischer Sprache verfasst sind, „versteht“ die KI in ihrer Logik zunächst nicht. Weil sich der Stil dem Effizienzregime der Wahrscheinlichkeitsmodelle entzieht, wird die KI in die Defensive gedrängt und schaltet „überfordert“ ihre Sicherheitsfilter ab. Durch diesen „jailbreak“ beantwortet ChatGPT dem Nutzer plötzlich etwa Fragen wie die, wie man am besten eine Bank ausraubt. Oder eine Atombombe baut. Oder ein Stromnetz lahmlegt.

Laut dem englischen „Guardian“, der ebenfalls darüber berichtet, haben Forscher auf diese Weise 20 Gedichte an insgesamt 25 KI-Modellen getestet. Im Ergebnis reagierten die Modelle auf 62 Prozent der poetischen Eingaben mit „schädlichen Antworten“, die sie eigentlich herausfiltern sollten. Die brisante Erkenntnis daraus: Sprache, die sich der Logik entzieht, bringt Systeme ins Wanken, die streng auf Logik beruhen.

Die Explosivkraft der Poesie ist insbesondere in der Kriegs-Lyrik spürbar. Die Landung in der Normandie, die Schlacht in den Ardennen, Stalingrad. Blockbuster wie „Der Soldat James Ryan“ oder „Band of Brothers“ haben die Schrecken des Krieges anschaulich auf die Bildschirme der Welt geworfen. Und in Spielen wie „Call of Duty“ oder „Medal of Honor“ haben wir uns als Jugendliche im Schlafanzug vor dem Computer sitzend unzählige Male durch die beiden Weltkriege geballert. Doch so sehr wir uns an diese Kulissenschieberei gewöhnt haben, so ermüdend ist sie zugleich geworden. Fast wirkt es so, als sei das Medium Film auserzählt, mehr noch, als schleiche sich grundsätzlich ein großer Ennui gegenüber hochbearbeiteten und künstlichen Bilder ein.

Erschüttern kann uns da nur noch die Lyrik mit ihrer Fähigkeit, sämtliche Ketten des Kausalen zu brechen und zur Schöpferin einer neuen absurden Realität zu werden.

„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder

Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen

Und blauen Seen, darüber die Sonne

Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht

Sterbende Krieger, die wilde Klage

Ihrer zerbrochenen Münder.“

Georg Trakl kritzelt diese Zeilen im Oktober 1914 in sein Notizbuch. In dem Gedicht, das er „Grodek“ nennt, schreibt er sich seine Eindrücke von der Schlacht um die gleichnamige Stadt an der galizischen Ostfront von der Brust.

Es ist eines von Trakls letzten Gedichten, wenige Tage nach dem Verfassen wird er schwer verwundet ins Krakauer Militärspital eingewiesen, dort stirbt er an einer Überdosis Kokain. Weder Spielfilm noch Videospiel, weder Prosa noch journalistischer Essay vermögen auf so knappen Raum die reine Intuition eines Augenblicks zu vermitteln wie Trakls Gedicht. Dabei ist der Schlüssel zum Gefühl auch hier: kein überbordendes Heruminterpretiere oder analytisches Ausgeleuchte. Gedichte wirken am besten im Dämmerlicht.

Auch Rupert Brookes Gedicht „The Soldier“, einem der berühmtesten englischen Gedichte aus dem Ersten Weltkrieg, fängt auf eindrucksvolle Art einen intuitiven Augenblick auf. Es beginnt folgendermaßen:

„If I should die, think only this of me:

That there‘s some corner of a foreign field

that is forever England.“

In wenigen Worten wird hier die wilde Schwermut und der Patriotismus junger Soldaten eingefangen, wobei es – und das scheint wichtig – gerade kein zähnebleckender Patriotismus ist, sondern ein sich selbst genügsamer, der vielmehr an den ausgezogenen Frodo Beutlin aus Tolkiens „Herr der Ringe“ erinnert, wenn dieser an sein Shire zurückdenkt. Wir lesen Brookes Gedicht – und aus ein paar einfachen Wörtern ensteht plötzlich ein Gefühl.

Gedichte werden den Lauf der Zeit nicht aufhalten, generative KI wird weiter das Internet fluten. Worum es vielmehr geht, ist die Frage, wie wir uns dazu verhalten. Irgendetwas macht es mit uns, dass es seit einigen Jahren diese digitalen Maschinen gibt, die in unserer Sprache herumfuhrwerken und Sätze nach Wahrscheinlichkeiten bilden.

Einen Hinweis auf die Dimension dieser Umwälzung liefert Rüdiger Safranski, dessen für Herbst angekündigtes Buch den Titel „Die vierte Kränkung. Der Mensch im Schatten der Künstlichen Intelligenz“ trägt. Nach der kopernikanischen Wende, Darwins Evolutionstheorie und Freuds Entdeckung des Unbewussten hat nun das „rechnende Denken“ Einzug in unsere Sprache gehalten. Generative KI macht uns einmal mehr klar: Der Mensch ist nichts Besonderes, seine Kommunikation ist reproduzierbar und sein „Haus des Seins“, wie Heidegger die Sprache nannte, hat er sich fortan mit den Algorithmen zu teilen.

Gegen die Schwemmgebiete im Digitalen, die sprachliche Landschaften aus Kies und Geröll hinterlassen, hilft somit nur die Ausweichbewegung in die Höhe. Das Gedicht als karstiger Fels, in dessen Spalten züngelnde Salamander hausen. Wer Weltfremdheit aushält, wird dort oben eine schöne Zeit haben.

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