Vor Kurzem habe ich in der „Frankfurter Allgemeinen“ einen Artikel über Peter Handke veröffentlicht. Hier in den Seiten der von mir auch geschätzten WELT hat Mladen Gladić diesen dann einer „seriösen Kritik“ unterzogen. Fakten kamen dabei nicht zum Einsatz, dafür diffuser Zweifel, Geraune und suggestive Fragen. Woher kennen wir das nochmal?

Wenn man einen Artikel über Peter Handke veröffentlicht, ruft man immer seine Apologeten und Jünger auf den Plan, die sich bemühen, jeden Einwand gegen die Provokationen ihres Meisters als Ausgeburt von Ignoranz und bösem Willen zu diskreditieren. So nun mit meinem Artikel geschehen im langatmigen Beitrag des Herrn Gladić.

Wenn ich es richtig verstehe, hängt sich dessen Kritik daran auf, dass ich aus einem Interview mit Handke zitiere, das in einer obskuren Publikation namens „Ketzerbriefe“ erschienen ist. Und es stimmt, Handke hat sich von diesem Interview distanziert, mit acht Jahren Verspätung, nachdem sich eine Kontroverse daran entzündet hatte; aber er bestreitet nicht, es geführt zu haben, und es ist weiterhin im Internet zu lesen. Die betreffende Ausgabe des Heftes mit dem bauernschlauen Titel „Viel Lärm um Srebrenica“ ist zudem auf Amazon zu bestellen. Wenn das Interview manipuliert wäre, was Gladić wiederholt unterstellt, dann hätte der Suhrkamp-Verlag ohne Zweifel dagegen geklagt.

„Warum aber einen Text veröffentlichen“, so fragt Gladić, „der mit Äußerungen einsetzt, von denen sich der, der sie (möglicherweise) geäußert hat, distanziert hat?“ Eine Gegenfrage könnte sein: Warum nicht? Darf man aus Interviews, von denen sich der Interviewte distanziert hat, fortan nicht mehr zitieren? Was ist das denn für eine neue Regel? Zumal Handke das Distanzieren als Hin-und-Her aus Provokation und Nachgeben betreibt, aus erneuter Provokation und Klarstellung und Tabubruch und Zurückrudern und Grenzüberschreitung und Entschuldigung und Verharmlosung, um, wie man das heute sagt, „die Grenzen des Sagbaren auszudehnen.“

Aber zurück zum Interview in den „Ketzerbriefen“: Herr Gladić unterstellt die Manipulation des Gespräches nur, konkret feststellen will er sie nicht. Allerdings hat er dann auch kein Argument. Daher bedient er sich, wohl unbewusst, einer Diskurstechnik bildungsferner Populisten: Nicht konkret argumentieren, denn man hat ja kein konkretes Argument, sondern einfach alles vage in Zweifel ziehen, im vorliegenden Fall somit auch die „Seriosität“ eines Autors der „Frankfurter Allgemeinen“, die Handke als den „Frankfurter Beobachter“ bezeichnet, nach dem „Völkischen Beobachter“ der NSDAP, um auf diesem Wege die Verbrechen der Nationalsozialisten zu minimieren. Denn wenn es darum geht, den Holocaust zu relativieren, ist Peter Handke immer ganz vorn mit dabei.

So auch im Jahr 1999, kurz vor Beginn der Nato-Intervention im Kosovo, als er im serbischen Fernsehen klagte: „Was die Serben seit acht Jahren durchgemacht haben, das hat kein Volk in Europa in diesem Jahrhundert durchgemacht. Dafür gibt es keine Kategorien. Bei den Juden, da gibt es Kategorien, man kann darüber sprechen. Aber bei den Serben – das ist eine Tragödie ohne Grund. Das ist ein Skandal.“

Moment mal, soll das heißen, bei den Juden gab es einen Grund? Was will Handke hier genau sagen? Okay, er hat sich auch davon distanziert, aber: So etwas kommt einem Menschen doch nicht über die Lippen, wenn es ihm nicht im Kopf herumgeistert? Mal ganz konkret: Wem ist das noch passiert, dass er das angebliche Leid irgendeiner Gruppe wie der Serben ohne Absicht sowie entgegen der eigenen Überzeugung im Zuge eines Interviews im Fernsehen über jenes der europäischen Juden gestellt hat? Das wird man ja wohl noch fragen dürfen!

Er habe sich „verhaspelt“, schrieb Handke im Magazin „Focus“, „wobei herauskam, die Serben seien noch größere Opfer als die Juden.“ Und wie gesagt, davon distanzierte er sich dann verschwurbelt, aber nicht ohne die Serben auf der Opfer-Skala gleich hinter die Juden auf den zweiten Platz zu manövrieren: „Die Juden sind außer Kategorie. Darüber gibt es nichts zu sagen (daran ist nicht zu rütteln). Das Volk aber, das in diesem Jahrhundert (nach den Juden) am meisten in Europa gelitten hat (durch die Deutschen, die Österreicher, die katholischen Ustascha-Kroaten), das sind für mich die Serben. Und was man dem serbischen Volk angetan hat und jetzt weiter antut, das geht über mein Verstehen.“

Im Jahr 2006, als Handke der Heinrich-Heine-Preis verliehen werden sollte und sich wieder mal Proteste gegen seine Relativierungen regten, lamentierte er in der „Süddeutschen Zeitung“, er habe sich damals doch „sofort schriftlich korrigiert“ und die Richtigstellung seiner „Verwechslung“ sei akzeptiert worden. „Warum jetzt nicht mehr?“

Hier hat Handke sich nie distanziert

Genau, würde Herr Gladić wohl sekundieren, auch von diesem Interview hat sich Handke distanziert! Warum dann noch in einem Artikel daraus zitieren? Nun ja, vielleicht deshalb, da es schon kurz darauf fröhlich weiterging mit der Holocaust-Relativierung, etwa in Handkes österreichischem Hausblatt „News“ – wir nehmen mal an, nicht Teil der Kabale der „Journalistenratten“ bei den seriösen Zeitungen –, in dem er sich über den Nato-Einsatz gegen die serbischen Kriegsverbrecher in Rage redete: „Die Antiserben sind für mich auf andere Weise genauso übel und unerträglich wie die Antisemiten in ihrer schlimmsten Zeit.“ Und welche war das nochmal, die schlimmste Zeit der Antisemiten? Das waren doch die Jahre der industriellen Judenvernichtung, oder?

„Es ist etwas so katastrophal Schmutziges passiert wie seit Hitler nicht mehr“, so Handke weiter. Ein Mönch im Kloster Studeniza habe zu ihm gesagt: „Das ist wie die Ustascha im Zweiten Weltkrieg, als sie die Juden und die Serben ermordet haben.“ In einem fort konstruiert er eine Äquivalenz des Leides der Serben mit jenem der Opfer der Nationalsozialisten, vor allem also der Juden. „Genauso verlogen, brutal und schmutzig, wie die Deutschen den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen haben“, so Handkes Analyse, „ist die Nato gegen Jugoslawien vorgegangen.“

Auf die Spitze trieb er es dann in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“: „Damals waren es Gashähne und Genickschußkammern; heute sind es Computer-Killer aus 5000 Meter Höhe.“ Die Piloten der Nato sind Handke zufolge also mit den Wärtern in Sobibor zu vergleichen, und ihre Bomben sind die neuen Gaskammern. Alles ist relativ! Und was nun, möchte man Herrn Gladić fragen, der sich zu den „seriösen Kritikern“ zählt: Sind auch diese Interviews „(möglicherweise)“ manipuliert? Warum hat sich Handke dann nicht von ihnen distanziert? Darf man oder darf man nicht daraus zitieren?

Denn das sind ja schon ziemlich unappetitliche Aussagen, in Anbetracht derer auch der Vorwurf Gladićs, ich bugsiere Handke ins revanchistische Lager, als ein wenig unseriös erscheint. Zumal Handke noch im vergangenen Jahr der „Neuen Zürcher Zeitung“ erzählte, er sei „sicher, dass die Europäer Selenskyj zum Krieg ermuntert haben: ‚Mach nur, mach nur. Wir unterstützen dich.‘ Und wofür? Selenskyj opfert sein Volk, die haben alle genug.“ Damit liegt Handke ungefähr auf der Linie des russischen Außenministeriums, wie schon vor drei Jahrzehnten im Hinblick auf die Kriege in Jugoslawien.

Alexander Schimmelbusch ist ein deutsch-österreichischer Schriftsteller und Journalist. Sein vielbeachtetes Buch „Hochdeutschland“ erschien 2018 bei Tropen, zuletzt veröffentlichte Schimmelbusch den Roman „Karma“ bei Rowohlt.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke