Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt? Die Liebe zu Preußen, wohlgemerkt? Wer hat so bittersüß wie kein anderer über seinen kurzen Glanz und sein langes Vergessen sinniert? Wer hat, kurzum, das Land der Preußen mit der Seele suchend, sein Ethos der Redlichkeit und Selbstdisziplin, vor allem aber seine steingewordene Sehnsucht nach einem klassischen Arkadien, nach Frankreich, nach Italien besungen? Es war der Verleger und Publizist Wolf Jobst Siedler, der am 17. Januar 1926 in Berlin geboren wurde.
Und er tat dies zu einer Zeit, als wir Boomer in Schule und Elternhaus vermittelt bekamen, dass man Preußen für alles verantwortlich machen könne, was in der deutschen Geschichte schiefgelaufen ist. Da gab es in den Sechziger-, Siebzigerjahren eine Verdachtshaltung, die an damnatio memoriae grenzte.
Sicher, es kam dann die große Preußenschau, mit der in West-Berlin der Gropiusbau 1981 triumphal wiedereröffnet wurde. Schon ein Jahr zuvor war Sebastian Haffners scharfsinniges Buch „Preußen ohne Legende“ erschienen. Und in der DDR werkelte emsig der Schriftsteller Günter de Bruyn an seinen „märkischen Forschungen“, mit denen er eine Figur nach der anderen aus der preußischen Geschichte wieder lebendig zu machen versuchte – bis hin zu Luise, dieser wohl einzigen Königin der Herzen, die wir Deutschen je hatten.
Aber ach, es war eben nicht das. Die museale Preußen-Bilanz verwirrte durch ihre Vielfalt. Haffner schrieb geistreich, aber emotional völlig unbeteiligt. Und der gute de Bruyn blieb im Allgemeinen trocken wie der märkische Sand. Dagegen Siedler: Der Mann hatte nicht umsonst Germanistik studiert, war mit allen literarischen Wassern gewaschen, dazu ein Liebhaber des introvertierten Heroismus in der Lyrik Gottfried Benns. Und er wusste als zeitweiliger Feuilletonchef des „Tagesspiegels“, was ein suggestiver journalistischer Sound ist.
So konnte er denn seine Melancholie in Bücher verströmen, die Untertitel trugen wie „Spaziergänge durch Preußen Arkadien“ oder „Ansichten vom beschädigten Deutschland“, nach denen wir in den Achtzigerjahren geradezu süchtig wurden. Denn wir begannen es jetzt zu fühlen, was die Aufbau-Generation, die Handfesteres zu tun gehabt hatte, was aber in der Hauptsache die fanatisierten Utopisten der 68er außer Acht gelassen hatten: dass wir ein Land geworden waren, in dem der Sinn für Formen und Stil, für das Repräsentative und eine historisch vermittelte Identität verloren gegangen war.
Und eben dies machte Siedler fest an unserem Verhältnis zu Preußen. Ganz schlimm sah es diesbezüglich natürlich in der DDR aus, wo es geradezu Staatsräson war, Preußen in Acht und Bann zu tun. Nur eine Autostunde von Berlin entfernt stellte Siedler dort, wo einst der Musenhof des Kanzlers Hardenberg gestanden hatte, fest: „Keine Melancholie über allem, auch keine Poesie des Verfalls, nur Heruntergekommensein. Wahrscheinlich ist es gut, dass es Marxwalde heißt; es gibt kein Neu-Hardenberg mehr.“ Das wenigstens hat sich mit der Wiedervereinigung geändert. Aber auch im Westen, wo es ja nicht von oben angeordnet wurde, sah es mit der Trauer um das Preußische als geistige Lebensform trübe aus.
Dass sie im südlichen Deutschland schlichtweg nicht vorhanden war, konnte man noch mit eingewurzelten antipreußischen Affekten seit dem 19. Jahrhundert erklären. Aber was spielte sich denn in West-Berlin ab? Da entstand, wo im einstigen Tiergartenviertel Geld und Geist ein einzigartiges, klar gegliedertes, ästhetisch ansprechendes Biotop geschaffen hatten, mit dem sogenannten Kulturforum, etwas, was jedes Gefühl für die selbstbewusste Geste einer berlinisch-preußischen Urbanität vermissen ließ.
Hier konnte ein Ästhet nur zum Polemiker werden. Und was Siedler in seinem Essay „Der lange Weg in die Hässlichkeit“ 1982 konstatierte, kann künftigen Stadtplanern gar nicht oft genug ins Stammbuch geschrieben werden: „Scharouns Philharmonie hätte nur eine Chance gehabt, glanzvoller Mittelpunkt der Stadt zu werden, wenn sie in die alten wilhelminischen Stadtviertel gerückt worden wäre – wie ja auch das Centre Pompidou von den Quartieren des 17. Jahrhunderts umgeben ist. Die Nachbarschaft nicht des Gestrigen, sondern des Heutigen hat sie in städtebaulicher Hinsicht ruiniert, und so ist denn jenes gestaltlose Kulturzentrum um die Solitäre von Mies van der Rohe, Gropius und Scharoun der augenfälligste Beleg, dass die Epoche der Ensemble-Bildung nicht mehr fähig ist.“ Wie sehr gilt das erst, seit im Laufe der Jahrzehnte noch diverse Scheußlichkeiten hinzugekommen sind und das gesamte „Ensemble“, besser gesagt Sammelsurium, zu einem unfassbar missglückten Unort machen …
Wo war das, was einst Eduard Spranger (von Tübingen aus!) den „preußischen Geist“ Berlins genannt hatte, eigentlich geblieben? Nun, in den Augen Siedlers war es schon unter der Weimarer Republik zurückgedrängt worden, hatte dann durch die Nazis noch einen zusätzlichen Verdrängungsschub erfahren, weshalb sich Preußen auch als Sündenbock für die deutsche Katastrophe wenig eignete. Im Gegenteil: War nicht von seinen Vertretern die wenngleich verspätete so doch in ihrer Opferbereitschaft bis heute heldenhaft anmutende Verzweiflungstat des 20. Juli ausgegangen? Siedler gab zu bedenken: „Die Witzlebens und Moltkes, die Schwerins und Kleists, die Schulenburgs, Yorks von Wartenburgs und all die anderen – als Preußen untergeht, fehlt in der Liste der Gehenkten kaum ein Name von jenen, die Preußen groß gemacht haben.“
Cancel Culture von Walter Jens
All diese Thesen, längst von Architekturexperten und Historikern Punkt für Punkt bestätigt, wirkten in der Zeit, da sie geäußert wurden, provozierend konservativ. Und hatte sich Wolf Jobst Siedler nicht sogar dazu hergegeben, die Laudatio auf Ernst Jünger zu halten, als der 1982 den Goethepreis der Stadt Frankfurt erhielt? Wir wollen nicht vergessen, dass ein Walter Jens, woran kürzlich Sebastian Kleinschmidt erinnert hat, in seiner Eigenschaft als Direktor der Berliner Akademie der Künste noch Anfang der Neunzigerjahre der Zeitschrift „Sinn und Form“ die Förderung streichen wollte, sollte sie sich erfrechen, Text von Jünger zu drucken. Cancel Culture ist keine Erfindung des Wokeismus unserer Zeit! Das Verbietenwollen hat den Linken immer im Blut gelegen. Nur als Leute wie Walter Jens, der wenigstens gebildet war, noch das Sagen hatten, fiel es nicht so auf.
Wie auch immer: Siedler konnte mit dem Etikett des Konservatismus gut leben. Mehr noch: Er verhalf ihm zu neuen Ehren. So wie er mit dem Fotoband „Die gemordete Stadt“ als Erster auf die „Tragödie des Wiederaufbaus“ in deutschen Großstädten aufmerksam gemacht hatte (1964!) und mit dazu beitrug, dass jene Bürgerinitiativen entstanden, die sich dann für den Erhalt lebenswerter Altbauten einsetzten, so verhalf er auch einer neuen Geschichtsschreibung zum Durchbruch, die sich von der Obsession für „Strukturen“ verabschiedete und sich wieder zum Erzählen und dem Einfluss der Mächte und Menschen bekannte.
Schon als Leiter des Propyläenverlags, zu dem er 1963 vom „Tagesspiegel“ gewechselt war, hatte er mit Autoren wie Golo Mann oder Alfred Heer gezeigt, wie er sich Historiografie vorstellte. Als er dann – zunächst mit einem Compagnon – 1980 den Siedler-Verlag gründete, den er von 1983 an alleine führte (später dann unter dem Dach von Bertelsmann) publizierte er einen Meilenstein nach dem anderen. Biografien, auch sie als Gattung schwer unter linkem Verdacht, traten nun wieder in ihre Rechte, die sie in glücklicheren Nationen nie verloren hatten, man denke an britische und französische Geschichtsschreibung.
Und die Darstellung der deutschen Geschichte, des „ruhelosen Reiches“ in der Mitte Europas, wurde nun in die Hände brillanter, mentalitätsgeschichtlich geschulter, stilsicherer Historiker gelegt. Was war es nach der Quälerei durch die Etüden von Anhängern der „Bielefelder Schule“ für eine Wohltat, sich nun von Hagen Schulze, Thomas Nipperdey oder last but not least dem dann auch in dieser Zeitung segensreich wirkenden Michael Stürmer über Wege und Wandlungen, Irrungen und Wirrungen der Deutschen in den vergangenen zwei, drei Jahrhunderten belehren zu lassen! Für einen kurzen Moment gewann die Geschichtswissenschaft wieder jene Diskurshoheit zurück, die sie nach dem Krieg gehabt hatte und die ihr von Politologen, Soziologen und all den dekonstruktivistischen orientierten Herrschaften abgejagt wurde, die sich als „Medientheoretiker“ verstanden, um ihre eigene contradictio in adjecto zu zitieren.
Solche Leute, überhaupt der ganze Theorie-Bullshit, wurde von Wolf Jobst Siedler souverän ignoriert. Beziehungsweise, da Siedler auch eine Größe der Berliner Gesellschaft war: Seine Vertreter wurden einfach gar nicht eingeladen. Denn es gab eine sagenhafte Zeit, da waren im alten West-Berlin Intellektuelle wie Siedler, Sombart, Mel Lasky, Arnulf Baring oder Hermann Wiesler nicht nur Gelehrte im stillen Kämmerlein. Vielmehr machten sie ein Haus, pflegten, zusammen mit ihren Frauen, jene bürgerliche Geselligkeit, die sie von ihren Eltern gelernt hatten und die sie ganz selbstverständlich weiter praktizierten. Dort traf sich das kunstsinnige, kulturaffine Berlin und lebte eine Stadtgesellschaft, die sich längst in alle Winde zerstreut hat. Es war eine überschaubare Stadtgesellschaft der kurzen Wege und bekannten Namen. Wer dazugehören wollte, bekam schnell Zugang, man kannte in Berlin keine „noblen Krämpfe“, wie der Schwabe sagt.
Aber all die Namen, die jetzt fielen, wollten natürlich geschmacksbildend sein, sie hatten Maßstäbe, hielten sie hoch und forderten ein, dass man ihnen genüge. Sie holten niemanden ab, wo er stand, und biederten sich nicht politisch korrekt bei wem auch immer an. Man nennt es bürgerliches Selbstbewusstsein. Wie das geht, das konnte man bei Wolf Jobst Siedler als Verleger, Publizist und Citoyen lernen. Man kann es heute noch, denn seine Bücher bleiben.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke