Es ist fünfzehn Jahre her, da saß ich im Dunkeln neben jemandem im Kino, der stöhnte vor sich hin. Während ich staunte. Zweieinhalb Stunden lang. Den würde ich jetzt gern wieder neben mir haben, den Mann. Es war ein Film, den wir sahen, der alles war, alles umfasste, überall hin Verbindungen zu finden suchte, überall hin mäanderte, zum Urknall und zurück, der Schöpfungsgeschichte war und Familiendrama.

„Tree of Life“ hieß der Film. Und er schaffte, was nur Kinofilme können, er befreite das Auge und das Herz. Und machte, das hatte man schon damals bitter nötig, glücklich. Als ich aufwachte aus dem Traum, in den einen Terrence Malicks universelles Märchen entführte, wenn man ihn ließ, war der Mann weg.

Wäre schön, wenn er jetzt wieder da wäre. Könnte sein, dass er das Staunen und das Glück braucht, das man gelernt und gefunden hat am Ende von Ildiko Enyedis „Silent Friend“. Da sitzt man – und sieht und staunt – zweieinhalb Stunden einem Baum gegenüber. Das ist der stille Freund, von dem Enyedi erzählt. Ein Ginkgo Biloba. Fast zweihundert Jahre alt. Man sieht ihn als Spross, der durchs Dunkel dem Licht entgegen wächst und sich entfaltet. Man sieht ihn als fabelhaften Fremdling, als gewaltige Gestalt im Alten botanischen Garten von Marburg stehen, durch die Jahrzehnte, durch die Jahreszeiten.

Enyedi betreibt, was auch Malick betrieb. Und was Goethe, der beinahe ständig als guter Geist durch diesen Film geistert, „zarte Empirie“ nannte. Und Tony Wong, der Neurologe, den es im Pandemiejahr 2020 wie den Ginkgo aus China an die ehrwürdige Philipps-Universität zu Marburg verschlagen hat, gleich am Anfang beschreibt. So beschreibt, als meine er nicht nur die Wissenschaft, die er betreibt, sondern die Filmkunst der Ildiko Enyedi gleich mit (was wahrscheinlich der Fall ist, Enyedi hat sich das Buch zu „Silent Friend“ schließlich selbst geschrieben). Forschung, sagt Wong in seiner Vorlesung am Beginn zu Enyedis Film, in der es eigentlich um die unterschiedliche Weltwahrnehmung von Erwachsenen und Babys gehen soll, Forschung ist nichts anderes als eine Reihe von Versuchen, Metaphern zu finden für die Phänomene der Welt.

Das Phänomen, das Ildiko Enyedis zentrales filmisches Forschungsgebiet ist und für das sie immer neue Metaphern findet, sind Verbindungen. Zwischen einsamen Liebenden, zwischen Fremden, Menschen, die zueinander nicht finden. Die sich nur im Traum treffen, als Hirsch und Hirschkuh im verschneiten Wald zum Beispiel in „Körper und Seele“, dem Film, für den sie 2017 den Goldenen Bären bekam.

Der Ginkgo schaut allem und allen zu. Ein Monument des Zen. Er ist gleich doppelt einsam, weil er fernab jener Welt wächst, wo er endemisch ist, und weil er – Gingkos sind zweigeschlechtlich – niemanden hat, den er lieben könnte. Den sie – besser gesagt – lieben könnte, der Marburger Ginkgo ist ein weiblicher. Um Liebe und um Sex, um die Unmöglichkeit von beidem, geht es auch immer wieder in den drei Geschichten in den drei Zeiten, zwischen denen „Silent Friend“ hin und her gleitet. Zwischen denen er immer wieder unverhoffte Verbindungen schafft.

Die erste Botanikstudentin von Marburg

1908 kommt Grete in den Park und geht durch die schöne Pforte, durch die in Marburg alle müssen. Die Bilder sind schwarz-weiß und sehr körnig. Ein Hauch vom „Weißen Band“ weht durch Marburg. Grete wird – nach einer hochnotpeinlichen Befragung durch eine geradezu gusseisene patriarchale Kommission – die erste Botanikstudentin der Universität.

Sie bleibt bestaunte Fremdlingin, steht unter ständigem Unzuchtverdacht und lernt schließlich – aus Geldmangel – das Fotografenhandwerk, bei einem Lichtbildner, der ihr erklärt, das Fotografen die Welt nicht abbilden, sondern daran arbeiten, ihr fragiles Wesen zu erforschen. Greta entdeckt die Strukturen der Blätter, der Äste. Und irgendwann die ihrer Haut.

Immer wieder tut die Kamera von Gergely Pálos nichts anderes. Fährt den rissigen Stamm des Ginkgo hoch, ins Geäst, ins Wurzelwerk, in die Blätter. Folgt den Blicken des Baumes auf die Menschen, die sich ihm nähern, ihn berühren, ihn versuchen, abzuhören. Man sieht anders, wenn man nach „Silent Friend“ in einen Wald geht. Das ist kein Waldbaden, kein Peter Wohlleben mit cineastischen Mitteln, was Ildiko Enyedi betreibt. Es ist eine romantische, aber seltsam undeutsche Wiederverzauberung des Waldes.

1972 kommt Hannes nach Marburg. Die Farbstruktur ist komplett anders und die Bildanmutung. Hannes kommt vom Land. Im Anzug tritt er durch die Pforte, sitzt fremd und einsam fernab von den Langhaarigen, den Kiffern, den Studentenbewegten in der Wiese. Liest Rilkes „Duineser Elegien“. Sucht Verbindung zu Gundula, die wiederum versucht eine Verbindung zu einer Geranie zu finden, sie abzuhören, ihre Reaktionen auf Veränderungen sichtbar zu machen. Eine Geschichte vom Verfehlen, vom Missverstehen.

2020 kommt Tony Wong nach Marburg. Die Bilder sind brillant, digital, ein bisschen kalt. Er erklärt den Studenten die Weltwahrnehmung der Säuglinge und warum sie universeller ist, allumfassender, warum sie ist, wie unsere sein sollte, voller grenzenloser Neugier und Staunen. Dann bekommt er in einer Kneipe Schweinshaxe vorgesetzt. Die erbricht er bald am Fuß des Ginkgo. Und ein gelbes Leuchten geht durchs Wurzelwerk, als der Baum die Nährstoffe der lokalen Spezialität aufnimmt.

Wie Nordlichter lässt Ildiko Enyedi immer wieder aufleuchten, was die Sensoren aus dem Innern des Baumes und der Hirne an Reaktionen aufnehmen. Und lässt hören, was man sonst nicht sieht. Ein Fuchs schnürt vorbei. Schnecken schleimen geräuschvoll die Borke des Baumes herab, ein Hirschkäfer krabbelt herum, ein Kauz uhut. Könnte alles kitschig sein, wird es aber nicht. Man möchte nach dem Kino direkt in den nächstgelegenen totgeglaubten Park.

Meditation über die Grenzen der Wahrnehmung

Tony Wong zieht bald einsam durch die Gänge, es ist Lockdown. Statt Babys verkabelt er den Baum. Die Sensoren melden den Regen, das Licht, die Veränderungen in der Welt. Mit einer französischen Forscherin hält er Videotelefonate über die Einsamkeit der Pflanzen. Mit dem Pedell der Universität führt Wong Bienentänze auf. Auch ihre Gespräche enden in Unfällen, gelingen nur im Schweigen. Sie laufen sich über den Weg, bleiben auf Distanz, sitzen beim Baum, kommen sich näher.

„Silent Friend“ ist eine inzwischen im Kino ganz seltene und deswegen so kostbare Meditation über die Grenzen unserer Wahrnehmung und der menschlichen Kommunikation. Und lebt von der zum Teil sehr lauten Stille der Gesichter von Tony Leung und Luna Wedler und Enno Brumm und Sylvester Groth. Der Ginkgo macht es ihnen nicht leicht, sich gegen seine Majestät, gegen die Geschichtenträchtigkeit seiner Gestalt durchzusetzen.

Unmerklich manchmal gehen die Ebenen ineinander über. Die Blicke kreuzen sich über die Zeiten. Der Baum steht still und schweigt. Ildiko Enyedi lässt ihm seine Fremdheit. Nichts wird in „Silent Friend“ vermenschelt. Am Ende verwischen alle Geschichten, lösen sich auf. Und man ist trotzdem sehr glücklich. Wäre es auch der Stöhner von damals. So glücklich, dass alles passieren darf. Sogar, dass Blixa Bargeld Goethe singt. Man sollte sitzen bleiben und zuhören. Auf zwei Seiten listet der Abspann die Pflanzen auf, die mitgespielt haben. Sie haben es verdient.

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