Deutschland zu hassen, ist leicht. Es gibt die Deutsche Bahn, die sich zur Aufgabe gemacht hat, Reisenden für möglichst viel Geld eine möglichst lange Fahrt mit ungeplanten Stopps zu ermöglichen. Es gibt einen lahmen Staatsapparat, der undurchdringbar und überbürokratisiert umverteilt, ohne dass sich Lebensumstände verbessern. An den Selbstbedienungskassen bei Rewe kann man sich von Deutschlands Technologiefeindlichkeit überzeugen, man beobachtet dort ungläubig, wie unfähig die eigenen Mitmenschen sind, Butter und Eier zu scannen. Das Land der Rucksäcke, der Topfhaarschnitte und des Argwohns mag schwer zu lieben sein.

Viel gemütlicher ist es, sich in Selbsthass zu suhlen. Deutschland wird von links und von rechts gehasst. Die einen attackieren die Stromnetze und die Staatsgewalt wie die Polizei, die anderen wünschen sich den Untergang Deutschlands herbei. Es ist unbestritten, dass es wirtschaftlich beschissen läuft. Dass das frisch verabschiedete Rentenpaket ein Mittelfinger für junge Menschen ist und die Sozialsysteme überlastet sind. Alles bekannt. Doch was folgt daraus?

Ben Shapiro, der konservative Intellektuelle, sprach neulich auf der „Turning Point“-Konferenz von Erika Kirk, der Witwe des erschossenen Aktivisten Charlie Kirk. Dort stellte Shapiro fünf Pflichten vor, denen sich Konservative verschreiben sollten: Wahrheit, Grundsatz vor Gefühl, Verantwortungsbewusstsein, Beweispflicht, Lösungen.

Erhellend ist, was er über Lösungen sagt: „Wenn wir endlos über die Probleme sprechen, vor denen wir stehen, ohne jemals eine andere Lösung vorzuschlagen als ,das System zu zerstören' oder Macht in einer kultähnlichen Figur zu bündeln, dann finden wir keine Lösungen. Wir verschärfen die Probleme nur.“

Genau daran fehlt es hierzulande. Statt über Lösungen zu sprechen, hat sich eine andere Disziplin etabliert: der gepflegte Selbsthass. Die Deutschland-Hasser sitzen mitten im friedlichen Europa und sprechen immerzu vom Niedergang jenes Kontinents, in dem die Supermarkt-Regale voll sind, die Kinder zur Schule gehen und sie abends zwischen dreizehn Streaming-Anbietern auswählen können. Könnte es besser laufen? Ja. Muss es künftig besser laufen? Unbedingt.

Rekordhalterin im Deutschland-Hass ist die Alternative für Deutschland. In ihrer Rhetorik erscheint dieses Land nicht als reformbedürftiges Gemeinwesen, sondern als permanenter Schadensfall: politisch illegitim, kulturell verlottert, institutionell gescheitert. Wer so spricht, will nicht reparieren, sondern zerstören und beherrschen. Die AfD lebt nicht von Lösungen, sondern von der Erzählung der Unlösbarkeit.

Das zeigt sich auch in ihrer politischen Praxis: Während hierzulande der Niedergang beschworen wird, gibt man sensible Unterlagen ans chinesische Regime. Man schöpft Fraktionsbudgets aus, reist auf Steuerzahlerkosten nach Miami zur MAGA-Bewegung, sucht Anschluss an politische Milieus, die Europa offen verachten, und klammert sich an Figuren wie J. D. Vance, für die Deutschland vor allem Projektionsflächen des Verfalls sind. Das ist kein Patriotismus. Das ist organisierter Deutschland-Hass.

Wie im Sandkasten wird sich das Grundrecht der Meinungsfreiheit passgenau geformt, sodass es ins eigene Förmchen passt. Deutschlands Niedergang versuchen die Deutschland-Hasser wie JD Vance mit der schwindenden Meinungsfreiheit zu belegen. Deutschland hat in den vergangenen Jahren in verschiedenen Rankings an Meinungsfreiheit verloren, etwa im Pressefreiheitsranking von Reporter ohne Grenzen (von Platz 10 auf Platz 11 abgestürzt, USA Platz 57). Auch im internationalen Ausdrucksfreiheits-Index hat Deutschland, wie die USA, in den letzten Jahren verloren.

Die bedenklichen Entwicklungen in Deutschland lassen sich nicht leugnen oder schönreden. In Deutschland verschiebt sich der Schutz der Meinungsfreiheit zunehmend weg von Grundgesetz und individueller Mündigkeit zu staatlich beauftragten Meldestrukturen. Im Namen des Kampfes gegen „Hass und Hetze“ überwachen NGOs wie HateAid als „Trusted Flagger“ Inhalte im Netz, legitimiert durch den EU-Digital-Services-Act und umgesetzt durch die Bundesnetzagentur. Dadurch entsteht eine neue Ordnung der Meinungsregulierung, die nicht offen zensiert, aber durch institutionellen Druck die Grenzen des Sagbaren definiert.

Diese Entwicklung untergräbt das liberale Grundprinzip, dass im Zweifel die Freiheit gilt. Doch nur weil es in Deutschland auf der einen Seite falsch läuft, ist es absurd, sich auf die politisch andere, noch extremere Seite des Atlantiks zu flüchten. Denn auch dort geraten regierungskritische Stimmen unter Druck.

Die Trump-Regierung veröffentlicht auf der offiziellen Website des Weißen Hauses Feindeslisten kritischer Medien wie der „Washington Post“, „Politico“, „New York Times“. Der Schriftstellerverband PEN America hat im letzten Jahr eine Liste mit mehr als 350 Wörtern und Formulierungen veröffentlicht, die nach Willen der Trump-Regierung von Ministerien und Behörden nicht mehr verwendet werden sollen. Darauf sind Begriffe wie „Abtreibung“, „Frauen“, „Behinderung“, „ältere Menschen“, „Native Americans“, „Klima“ und der „Golf von Mexiko“.

US-Präsident Donald Trump hat den TV-Sender CBS aufgefordert, den Satiriker und Talkshow-Moderator Stephen Colbert „einzuschläfern“. Die Sendung des Trump-Kritikers wird in diesem Jahr eingestellt, was der Sender im letzten Juli verkündet hat. Also genau in jenem Monat, in dem sich CBS in einem Rechtsstreit verpflichtete, 16 Millionen Dollar an den Präsidenten zu zahlen. Der Mutterkonzern von CBS, Paramount Skydance, wird von David Ellison geleitet, Sohn des Milliardärs und Trump-Alliierten, Larry Ellison.

Wer selektiv die Bedrohung der Meinungsfreiheit nur in Deutschland sehen will und dann ausgerechnet J. D. Vance beim angeblichen Niedergang Deutschlands beipflichtet, dem geht es nicht um Meinungsfreiheit. Dem geht es um Widerspruchsfreiheit. Oder wie Ben Shapiro in seiner beachtenswerten Rede ausführte: „Persönliches Empfinden ist kein Ersatz für moralisches Urteil.“ Urteile müssen auf Wahrheit und Fakten fußen, nicht auf Gefühlen wie Wut, Angst oder Kränkung.

Ein recht flexibles Verständnis von Wahrheit haben die Deutschland-Hasser auch. Die linke Seite negiert, dass es ein Sicherheitsproblem in deutschen Städten gibt, obwohl das hinreichend dokumentiert ist. Die andere Seite ergötzt sich daran und stellt Deutschland als Bürgerkriegsland dar.

Beides hat wenig mit der Realität zu tun, die glücklicherweise davon lebt, dass Menschen in Cafés und Restaurants sitzen, auf Parkbänken Bücher lesen oder im Park Fußball spielen. Wer das selbst mal täte, dem würde auffallen, dass es in diesem Land nicht zugeht, wie „Russia Today“ und die „Weltwoche“ es darstellen.

Es gehört zur Wahrheit, dass in vielen Parks zwischen Spritzen und Drogengeschirr gekickt wird, und dass sich Frauen angewöhnt haben, auf dem Heimweg ihre Standorte zu teilen. Beide Umstände sollte niemand akzeptieren, sie müssen behoben werden. Doch darum geht es den Hassern nicht. Sie befriedigen ihre Lust mit Empörungspornografie, wie der Philosoph Hanno Sauer es nennt. Sie glotzen kurze, reißerische Videos auf X, TikTok oder YouTube, fühlen sich in ihrer Wut und Weltsicht bestätigt. Dann legen sie ihr Handy weg und unternehmen: nichts.

Woher kommt die Lust, sich am Niedergang des eigenen Landes, oder gar des ganzen Westens zu ergötzen? Ist es die Sehnsucht nach einem starken Mann? Oder ist es Wohlstandslangeweile wie beim Verleger Holger Friedrich? Der Multi-Millionär inszeniert sich entweder als großer Gegenaufklärer oder unterdrückter Oppositioneller.

Dabei sitzt er in der Edel-Schnitzelei Borchardt am Berliner Gendarmenmarkt und bescheinigt auf den Seiten seiner Berliner Zeitung dem Land den Niedergang. Seine Russland-Apologetik liest sich weniger wie eine Analyse, sondern mehr wie das Resultat beträchtlicher Langeweile im eigenen Wohlstand. Ein bisschen Randale zur Belustigung.

Zur Langeweile gesellt sich bei den Deutschland-Hassern auch das Früher-war-alles-besser-Gefühl. Dabei geht es weniger um das tatsächliche Gestern und seine Realität. Die Vergangenheit ist eher Sehnsuchtsort für Gegenwartsgeplagte, für die alles immer verwirrender, komplizierter und weniger eindeutig wird. Es geht um die eigene Unzufriedenheit, um Überforderung und das Gefühl von Kontrollverlust.

Die Schriftstellerin Juli Zeh wurde neulich in der „Zeit“ zur Zukunftsfähigkeit Deutschlands befragt und sagte dort etwas sehr Schlaues. Der Satz „Alles wird gut“ sei genauso dumm wie der Satz „Alles wird schlecht“.

Was man tatsächlich sagen könne, sei nur eines: „Alles wird.“

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