Er fehlt. Mit Worten, mit Bildern, vor allem aber mit tönenden Taten. Zu Lebzeiten galt der späte Friedrich Gulda, der einst als erfrischend nonkonformer Pianist aus dem Klassikland Österreich weltweit gefeiert wurde, nur noch als genialer Waldschrat am Klavier. Einer, der zwischen wenigen beseelten Mozart-Noten vor allem die Sambapuppen tanzen ließ oder sich fürchterlich dilettantisch in Free Jazz-Exzessen vergnügte – wenn er sich nicht gar selbst versuchsweise per Fax für tot erklärte.
Inzwischen wird der 2000 wirklich gestorbene Friedrich Gulda fast nur noch verklärt. Bisweilen ein bisschen zu sehr. Doch das lässt sich jetzt überprüfen. Dank eines Großteils seiner diskographischen Hinterlassenschaft, die aktuell als schlicht „Friedrich Gulda Box“ betitelte Kiste bei der Deutschen Grammophon gebündelt wurde.
Er macht hier fast gar nichts. Und doch sehr viel. Friedrich Gulda, Claudio Abbado und die Wiener Philharmoniker, das ist nicht nur im zart tastenden Adagio des Klavierkonzerts Nr. 25 die perfekte Mozart-Balance: 1975 entstand hier ein Klassiker der Aufnahmegeschichte. Dabei war dieser Friedrich Gulda, der mit 16 Jahren den Genfer Klavierwettbewerb gewann, immer ein Zerrissener, Getriebener, bisweilen auch ein Misanthrop. Nur sich selbst diente er – und natürlich seinen bevorzugten Komponisten.
Zu denen gehört unbedingt auch Ludwig van Beethoven. Immer wieder setzte sich Friedrich Gulda mit dem Zyklus von dessen 32 Klaviersonaten auseinander, viermal hat er sie aufgenommen. Scheinbar neutral, klar artikuliert, spielt er etwa 1954 für die Decca den Beginn der Waldstein-Sonate. Werkgetreu soll das sein, objektiv. Da ist Friedrich Gulda, der später gern Schräges und Schrulliges produzierte, ganz streng – ohne Verkleidung, auf Technik und sorgfältige Notenwiedergabe fixiert. 17 Jahre später – dann für die Firma Amadeo – ist er im Waldstein-Sonatenauftakt noch drei Sekunden schneller, geradliniger, ohne Sentimentalität.
Platten als Zeugnisse einer sich verdichtenden Geisteshaltung: Auf 84 CDs und einer DVD erscheinen nun zum ersten Mal Guldas gesammelte Aufnahmen. Amadeo, Decca, Philips und Accord finden sich hier in einer Box mit Original-Covern. Wir erleben 50 Jahre Aufnahmegeschichte – von den Einspielungen des 17-Jährigen aus den Londoner Decca-Studios bis zu den späten, 1999 am Attersee entstandenen, von Kassettenkopien geretteten Mozart-Séancen.
Über 60 Silberscheiben in dieser eindrücklichen Gulda-Box versammeln klassisches Repertoire. Von Bach, Mozart und Beethoven reichte sein Interesse über Chopin, Schubert, Debussy und Ravel bis zu Strauss und Prokofjew. Mit großen Lücken Schubert – vor dem hatte er Angst –, Liszt, Tschaikowsky, Rachmaninow etwa. 20 CDs sind eigenen Kompositionen gewidmet. Etwa dem aberwitzigen, schrägen, gern im Konzertbetrieb auftauchenden Cellokonzert mit Bläsern für den Freund Heinrich Schiff.
Kaum ein klassischer Interpret der letzten 80 Jahre war so kreativ wie Friedrich Gulda. Er, der König des Überkommenen, wollte neue Tonwelten erfinden, das Klavier vom Podium stoßen. „Konzert für mich selbst“: So ist selbstbewusst eines seiner vielen, zwischen Klassik und Jazz pendelnde Crossover überschrieben. Man staunt, was diese Sammlung alles an Versuchen aufbietet, den Kanon der Klassik zu verlassen. Manche sind gelungen, andere grottenschlecht.
Sein Ansatz bleibt stets analytisch-transparent und gleichzeitig auch immer beredt, fesselnd und ausdrucksvoll. Die „bloße Nachschöpfung von Werken vergangener Epochen“ war ihm nicht genug. Gulda spielt meist streng im Metrum und doch mit größtmöglicher geistiger Freiheit. Seine Tempi mögen bisweilen langsam anmuten, doch jede Note findet hier ihren feinst ziselierten Platz; so ist beständig ein ganzes, übergreifendes Satzgebilde präsent.
Friedrich Gulda, der Hochbegabte, Überperfekte, er floh auch immer wieder vor sich selbst in fremdes Klangterrain. Das war mal hochoriginell, mal furchtbar peinlich zwischen Fluxus und Happening, drogenberauscht, splitternackt. Die Seventies und Eighties eben! Viele Musikerseelen wohnten in Friedrich Guldas Brust. Kaum ein anderer Pianist war so vielseitig begabt wie er. Gulda gelang immer die Verknüpfung, der dramatische Zusammenhalt, obwohl vieles sehr spontan, wie improvisatorisch anmutet. Das Klangbild ist oft stählern hart – und dann leuchten darin zart-weiche Melodieinseln auf. Gulda weicht nie aus und macht ohne jeden Kompromiss klar: Das vermeintlich Leichte ist eben das Schwerste.
Schöne Ergänzung: das von Ulrich Mühe gesprochene postume Gulda-Filmporträt von Benedict Mirow und Friedemann Leipold aus dem Jahr 2003. Schlicht und bestimmt, aber umso wirkungsvoller erzählt hier Gulda unter dem passenden Titel „So What?!“ quasi sein Leben. Dem bekennenden Muttersohn Gulda war die Musik immer die erste Frau, solche und andere hinterlistige Sottisen machen diesen ganz auf seinen Gegenstand konzentrierten Film so lebensecht.
Dazu gibt es ungeschnittene Musik von Bach, Debussy, Mozart und Schubert, aufgenommen 1981 bei Friedrich Guldas legendären Sessions beim Münchner Klaviersommer. Dazwischen erklärt der Mann sein elektronisch verstärktes Clavicord, das nur vergrößert, aber nicht verfälscht. Und sogar Friedrich Gulda, der mitunter wild improvisierende Jazzer aus Lebenslust, kann rehabilitiert werden: Mit dem frühen Album „Live at Birdland“, wo Friedrich der Große 1958 im legendären Jazzclub mit einem illustren Sextett die amerikanische Fachpresse begeisterte, während in Europa sich die Klassikszene empörte. Locker und souverän wandelt Gulda hier als Wanderer zwischen Musikwelten.
In dieser Box kann man dem mit wachsender Begeisterung nachspüren. Denn diese Aufnahme haben den Zeittest glänzend bestanden, sind gültig und wesentlich. Kristallin und glänzend wie etwa das schlicht und ganz nah am Mikrofon gespielte Bach-Präludium in C-Dur als Auftakt des Wohltemperierten Klaviers.
Friedrich Gulda Edition, zu erwerben bei „Deutsche Grammophon“, 249,99 Euro.
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