Zu Friedrich Merz’ ersten Auslandsreisen im neuen Jahr gehört eine Indienreise im Januar, die dem Gipfeltreffen zwischen Indien und der Europäischen Union Ende des Monats vorausgeht. Schon vor wenigen Wochen reiste eine Delegation des Innenausschusses zu Gesprächen nach Indien. Ihre Reise führte sie im Dezember auch nach Kochi in der südwestindischen Region Kerala – zufällig genau in den Eröffnungstagen der sechsten Kochi-Muziris Biennale, einer Kunstausstellung, die fest im politischen Diskurs verankert ist.
Die Biennale entstand 2012 aus der Überzeugung heraus, Kultur als tragende Säule der Gesellschaft zu begreifen. Gegründet von Künstlern, die später die Kochi Biennale Foundation ins Leben riefen, sollte sie ein öffentliches Kulturereignis in einem von Galerien dominierten Umfeld schaffen. Die Wahl fiel auf eine Region, in der seit jeher nicht nur Gewürze, sondern auch Ideen ausgetauscht werden, in der Religionen friedlich koexistieren – und deren „Kerala-Modell“ menschliche Entwicklung und inklusives Wachstum fördern sollte.
Das Thema dieser Biennale-Ausgabe spiegelt diese Idee der gegenseitigen Unterstützung und Zusammenarbeit wider. Unter dem Titel „For the Time Being“ versucht sie, unerzählte Geschichten zu ergründen. Die künstlerische Leitung wurde dem bekannten indischen Künstler Nikhil Chopra anvertraut, der die Mitglieder des Kollektivs HH Art Spaces aus Goa einbezog, dem er angehört. Chopra betont, die Biennale sei keine statische Ausstellung, sondern ein sich entwickelndes Ereignis – bestehend aus Workshops, Performances und Begegnungen.
Kunst als Ausdruck eines politischen Widerstands
„Im Mittelpunkt stehen der Körper und die Erfahrung“, erklärte Kurator Chopra zur Eröffnung. „Wir laden das Publikum ein, alle Sinne zu aktivieren, in die Materialität und das Klima einzutauchen und die Ausstellung als einen lebendigen, sich wandelnden Organismus zu betrachten.“ Es sei ein Ort der Freundschaft, von Künstlern für Künstler geschaffen.
Insgesamt sind 66 Künstler aus 25 Ländern an 29 Orten in Kochi vertreten, darunter alte Gewürzlager und historische Gebäude, in denen einst die ersten Handelsunternehmen ansässig waren. Die Auswahl umfasst auch etablierte internationale Namen wie Adrian Villar Rojas, der vom Kunstmagazin „Art Review“ zur Persönlichkeit des Jahres 2025 gekürte Ibrahim Mahama und Nari Ward.
Der Großteil sind jedoch Künstler aus Indien und dem „Globalen Süden“ wie Birender Yadav, der die wenig wahrgenommene Leistung von Saisonarbeitern ans Licht bringt. In seiner Installation „Only the Earth Knows Their Labour“ (2025) rekonstruiert der indische Multimediakünstler die Struktur und Atmosphäre eines Brennofens – ohne die Arbeiter. Sichtbar bleibt nur die Intensität ihrer Arbeit: Abgüsse von Werkzeugen und Kleidungsstücken.
Die Panjeri Artists Union umfasst 14 Künstler, die zusammenarbeiten, um politischen Widerstand zu leisten und die materiellen Spuren kollektiver Erinnerung zu kontextualisieren. Auf der Biennale interpretieren sie ihren Raum als dynamische Einheit, die sich durch diskursive Interventionen kontinuierlich transformiert und entfaltet. Die ausgestellten Objekte und Bilder erzählen vom Wandel auf See, von Bauernaufständen und Kämpfen gegen das Kastensystem sowie von den anhaltenden Krisen der Arbeitsmigration, die entfernte Regionen wie Bengalen und Kerala auf historisch belastetem Terrain miteinander verbinden.
Kulpreet Singh zeigt die Widersprüche der Praxis des Stoppelbrands im Punjab, der wichtigsten Getreideanbauregion Indiens, in Gemälden und in einem Film. Es geht um eine Methode zur Beseitigung von Ernterückständen, die in den Wintermonaten eingesetzt wird, um die Reisfelder für den nächsten Pflanzzyklus vorzubereiten. Im Wissen, dass die Verbrennung einen Smogschleier verursacht, der Punjab und andere Teile Nordindiens einhüllt und regelmäßig Empörung über die Luftqualität auslöst, lenkt Singh den Blick auf die Zwangslagen der Landwirte – auf unzureichende staatliche Unterstützung ebenso wie auf den Druck der Übermechanisierung.
Als ausgesprochen politische Entscheidung der Biennale ist zu verstehen, dass auch Dalit-Künstler ausgestellt werden, die ihren Widerstand gegen die Kastenideologie als weiterhin existierende Realität – in Indien wie in der Diaspora – ausdrücken. Zu ihnen gehört Kirtika Kain, geboren in Neu-Delhi und aufgewachsen in Australien, die in ihren Gemälden traditionelle Materialien und abstrakte Formen verwendet, um Fragen der Identität und des Erbes der kastenlosen oder „unberührbaren“ Dalit zu verarbeiten.
Vertrauen in die indische Wirtschaftskraft
Die Biennale dient auch als Auftakt für Veranstaltungen des indischen Kunsthandels: Vom 8. bis 11. Januar 2026 findet das Mumbai Gallery Weekend statt; vom 5. bis 8. Februar 2026 läuft die India Art Fair in Neu-Delhi. „Die Kochi Biennale ist eine Inspirationsquelle für uns“, erklärte die Direktorin der Kunstmesse Jaya Asokan, „insbesondere die damit verbundene Students’ Biennale, auf der wir Künstler mit großem Potenzial entdecken und teilweise zu Nebenprojekten der Messe einladen.“
In der mittlerweile 17. Ausgabe verstehe man sich nicht mehr nur als kommerzielle Veranstaltung, sondern versuche, zeitgenössische Kunst ganzjährig zu fördern. Die Biennale habe zudem einen festen Platz auf der Messe; viele Werke von Biennale-Künstlern würden dort von ihren Galerien zum Kauf angeboten. Getragen von der indischen Wirtschaftsleistung wachse auch der Kunstmarkt kontinuierlich. „Schon während Covid, als niemand von außerhalb einreisen konnte, erkannten wir die Stärke des heimischen Marktes“, so die Messedirektorin.
Bernhard Steinrücke ist 1993 als leitender Manager der Deutschen Bank nach Indien gekommen; heute führt er in Mumbai zusammen mit seiner Frau die Galerie Mirchandani + Steinruecke. „Die Deutsche Bank hatte gerade den Tata Palace in Mumbai gekauft, und dort haben wir im Rahmen unseres Kunstkonzeptes indische und deutsche Kunst in einer permanenten Sammlung gezeigt. Seitdem ist die Anzahl der Galerien stark angestiegen.“
Viele Künstler, die damals gerade am Anfang ihrer Karriere waren, seien heute internationale Superstars, sagt Steinrücke. „Es gab eine ziemlich spektakuläre Entwicklung. Die Preise für Kunst sind immens gestiegen – teilweise von ein paar Tausend Euro auf mehrere Millionen.“ Es habe auch Galerien gegeben, die darauf spekuliert hätten und heute nicht mehr existierten; insgesamt sei die Lage jedoch solide.
Indien kann zudem vom wachsenden globalen Einfluss der Golfregion profitieren. Die Verbindungen zwischen dem Subkontinent und den Anrainerstaaten am Persischen Golf sind Thema einer Parallelausstellung zur Kochi-Muziris Biennale mit dem Titel „Like Gold“. Sie wird von der Galerie Rizq Art Initiative aus Abu Dhabi organisiert und von dem aus Schardscha stammenden Kunsthistoriker Murtaza Vali kuratiert.
An das Jahr 2026 sind große Erwartungen geknüpft: Einerseits entstehen dank erheblicher staatlicher Investitionen neue öffentliche Museen und Kulturinstitutionen, andererseits entdeckt der Kunsthandel die Region und lanciert neue Messen wie die Art Basel Qatar im Februar und die Frieze Abu Dhabi im November. Die inzwischen fünfte Messe unter dem Dach der Art Basel findet unmittelbar vor der India Art Fair statt. Delhi ist nur vier Flugstunden von Doha entfernt – eine Brücke für die Kunstszene Südasiens.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke