Ein wunderbarer Einstieg in das Kino von Béla Tarr ist die Auftaktszene von „Die Werckmeisterschen Harmonien“: Ein paar Besoffene räumen in einer schäbigen Kneipe die Tische auf die Seite. Ein junger Mann verspricht, „einfachen Leuten“ wie ihnen die Unendlichkeit begreiflich zu machen. Dafür inszeniert er eine planetare Familienaufstellung: Ein Schnurrbärtiger spielt die Sonne und muss dafür nur stillstehen und mit den Fingern wackeln, ein anderer ist die Erde und dreht sich um den Schnurrbärtigen und um sich selbst. Der Nächste ist der Mond. So entsteht nach und nach ein zauberhafter Tanz, der beides zugleich ist: das Sonnensystem und ein paar faszinierte Betrunkene. Das Erhabene und das Alltägliche sind nicht nur verbunden, sie sind identische Gestaltwandler, je nachdem, aus welcher Perspektive man sie betrachtet.
Tarr, 1955 in Pécs geboren, begann seine Karriere im legendären Balázs-Béla-Stúdió, einem Experimentierfeld des ungarischen Films. Was in den frühen Werken wie „Family Nest“ noch als sozialrealistische Milieustudie begann – laut, eng, geprägt vom frühen Cassavetes ebenso wie von der späten sozialistischen Wirklichkeit – verwandelte sich im Laufe der Jahre in etwas Einzigartiges: ein Kino der Verlangsamung, der Kontemplation, des apokalyptischen Pessimismus und der hypnotischen Schönheit.
Seine kontinuierliche Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller László Krasznahorkai, der vor wenigen Wochen den Literaturnobelpreis erhielt, markierte den Wendepunkt. Mit „Verdammnis“ (1988) fand Tarr zu jenem Stil, der ihn berühmt machen sollte: lange, ungeschnittene Einstellungen in schwarz-weiß, in denen die Kamera durch nebelverhangene Landschaften und heruntergekommene Industrieorte gleitet, als würde sie die Seele einer dem Untergang geweihten Welt vermessen. Sie waren die filmische Entsprechung zu Krasznahorkais bewusstem Verzicht auf Interpunktion, teilweise so radikal, dass ganze Romane in einem einzigen Satz Platz fanden.
Bei Tarr wurde so die Atmosphäre zum eigentlichen Protagonisten – Regen, Wind, Schlamm und die Verzweiflung menschlicher Existenz verschmolzen zu einem visuellen Gesamtkunstwerk. Als zweiter Gewährsmann dieser Ästhetik kann Andrei Tarkowski gelten, wobei Tarr die Düsternis etwa von der Science-Fiction-Welt von „Stalker“ in eine von Technologie entsättigte, scheinbar ewige Gegenwart holte, eine longue durée des trostlosesten (Post-)Kommunismus. Das Team, in dessen Zusammenarbeit sie entstanden, bildete eine treue Filmfamilie à la Fassbinder: Mihály Víg macht immer wieder die Musik, Gyula Pauer gestaltete Sets und Kostümdesign, Gábor Medvigy führte die Kamera. Tarrs Ehefrau Ágnes Hranitzky fungierte als Cutterin und Co-Regisseurin.
Tarrs Hauptwerk „Sátántangó“ (1994), eine siebeneinhalbstündige Meditation über den Zusammenbruch des Kommunismus in einem verlassenen ungarischen Dorf, gilt heute als einer der größten Filme der Kinogeschichte. Strukturiert wie ein Tango – sechs Schritte vor, sechs zurück – erzählt der Film vom Warten, von falschen Erlösern und der Unmöglichkeit von Fortschritt. Die berühmte Eröffnungssequenz, in der Kühe minutenlang durch den matschigen Hof trotten, wurde zum Sinnbild für Tarrs radikale Ästhetik: Er zwang das Publikum, Zeit nicht nur zu erleben, sondern zu ertragen – gerade darin lag, für alle, die sich darauf einlassen wollten, die kathartische Kraft seiner Kunst.
Der Film, eine wortgetreue Adaption von Krasznahorkais gleichnamigem Roman, bewusst auf die Zeitspanne gedehnt, die es angeblich dauerte, das Buch zu lesen, wurde zum Prüfstein einer ganzen Generation von Cinephilen – geliebt, gefürchtet, verteidigt, verspottet. Susan Sontag sah in Tarr einen der letzten großen Regisseure; andere hielten ihn für den endgültigen Beweis, dass sich das Kino selbst überlebt habe.
Es folgten das oben erwähnte „Die Werckmeisterschen Harmonien“ (2000), ein düsteres Gleichnis über Ordnung, Gewalt und kosmische Verirrung, und schließlich „Das Turiner Pferd“ (2011), Tarrs neunter und letzter Film, sein endgültiger Abgesang. Inspiriert von einer berühmten Anekdote über Friedrich Nietzsches Zusammenbruch beim Anblick eines geschlagenen Pferdes, zeigt in nur dreißig Einstellungen das ritualisierte Leben eines Bauern und seiner Tochter über sechs Tage – eine Schöpfungsgeschichte rückwärts, in der die Welt nicht in Licht und Farbe explodiert, sondern allmählich im Dunkel verschwindet. Morgens gibt es einen Schnaps, für den Vater zwei, und je eine Kartoffel. Denn auch an Kargheit kann man sich berauschen. Bei der Berlinale 2011 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, kündigte Tarr danach seinen Rückzug vom Filmemachen an. „Das Turiner Pferd“ sollte wirklich sein letztes Werk bleiben – ein radikaleres, endgültigeres Schlusswort ist kaum denkbar.
Tarr prägte das sogenannte „Slow Cinema“, jene Strömung, die narrative Konventionen ablehnt und stattdessen auf die meditative Kraft reiner Bildkomposition setzt. Seine Filme waren nie leicht zugänglich, verlangten Hingabe und Geduld. Doch wer sich darauf einließ, erlebte etwas Seltenes im zeitgenössischen Kino: künstlerische Kompromisslosigkeit, die durch formale Disziplin und erschreckenden Ernst zu einer Erfahrung der Erhabenheit wurde.
Der amerikanische Filmemacher Gus Van Sant verglich seine Entdeckung von Tarr mit der „Geburt eines neuen Sehens“ und rühmte die künstlerische Vision. Einer der wenigen Zeitgenossen, die es an existenzieller Schwere, bedingungslosem Ernst und beharrlichem Fokus auf den Menschen mit Tarr aufnehmen, ist Werner Herzog. Tatsächlich engagierte Tarr für eine Rolle in „Sátántangó“ den Autor, Produzenten und Schauspieler Peter Berling, der in „Fitzcarraldo“ den Operndirektor gespielt hatte. Andere Bewunderer und Geistesverwandte sind der Thailänder Apichatpong Weerasethakul und der Türke Nuri Bilge Ceylan.
Nach seinem Rückzug gründete Tarr 2013 in Sarajevo die Filmschule film.factory, um junge Filmemacher auszubilden – mit Fokus auf einer Haltung, die die Würde des Menschen in den Mittelpunkt stellt. Tarr fungierte vor allem als Mentor und Aushängeschild der Initiative, die er auch in Berlin persönlich vorstellte. 2023 ehrte ihn die European Film Academy mit ihrem Ehrenpreis. Nun würdigt sie ihn mit den Worten: „Die European Film Academy trauert um einen herausragenden Regisseur und eine Persönlichkeit mit starker politischer Stimme, der nicht nur von seinen Kollegen zutiefst respektiert, sondern auch vom Publikum weltweit gefeiert wird.“
Béla Tarr hinterlässt ein schmales, aber gewaltiges Werk – Filme, die nicht unterhalten wollen, sondern konfrontieren; die nicht trösten, sondern die Ausweglosigkeit menschlicher Existenz in Bilder von verstörender Poesie fassen. In einer Zeit, in der Kino immer schneller, lauter und, könnte man meinen, oberflächlicher wird, bleiben Tarrs Filme stumme, unerbittliche Zeugen einer Alternative. Am Dienstag ist der Béla Tarr nach langer schwerer Krankheit im Alter von 70 Jahren gestorben.
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