Keine Kritik, nirgends. Obwohl die Konzerte des Radio-Sinfonieorchesters Berlin sonst zumindest lokal umfassend bedacht werden. War ja nur Filmmusik. So streng ist zumindest in Deutschland immer noch die Kategorisierung. Dabei dirigierte diesen ungewöhnlich aufwändig programmierten Abend in der Philharmonie mit Frank Strobel der deutsche Experte für große, sinfonisch qualitätsvolle, oft auch rekonstruierte, immer extrem quellenkritisch behandelte Filmmusik souverän am Pult des spielfreudig-engagierten Klangkörpers. Außerdem stand mit Ennio Morricone der wohl neben John Williams bekannteste Filmkomponist im Fokus. Der bis zu seinem Tod 2020 auf Tourneen auch hierzulande selbst Poparenen spielend mit eigenen Konzerten gefüllt hat.

Doch in Berlin gab es nicht nur Morricones sorgsam kuratierte Suiten oder sinfonische Querschnitte aus frühen römischen Filmen über die Sergio-Leone-Spaghetti-Western und Amerika-Epen bis hin zu romantisch oboenaufblühenden „Mission“ Soundlandschaft und den pfeifend-hektischen, endlich Oscar-gekrönten Tarantino-Soundtrack „The Hateful 8“. Zu hören war unter anderem auch die 40-minütige „Vuoto d’anima piena” („Leere der vollen Seele“). Alle Beteiligten brachten das mit glühender Leidenschaft wie souveränem Können einem erstaunen wie begeisterten Publikum nahe.

Denn Ennio Morricone, der bei Goffredo Petrassi an der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom studiert hat, schrieb Zeit seines Lebens neben 500 komplett selbstorchestrierten Filmpartituren immer wieder auch San-Remo-Schlager für Mina und atonal-abstrakte Musik für den Konzertgebrauch.

Die Familie Morricone und sein römischer Verlag SZ Sugar möchten dieses Erbe jetzt wieder stärker in der Klassikszene verankern. Ähnlich wie im Fall von John Williams, wo etwa Anne-Sophie Mutter mit den ihr gewidmeten Konzerten, aber auch Spitzenorchester wie die Wiener und Berliner Philharmoniker oder das Boston Symphony dessen abstraktes Alterswerk neben der Filmklangarbeit allmählich kanonisieren. Das atmosphärische, sogar den Komponisten selbst auf die Bühne stellende Tanzstück „Notte Morricone“ von Marcos Morau für das emilianische Aterballetto wie auch das Konzert des Radio-Sinfonierochesters Berlin sind aktuelle Ergebnisse dieser Bemühung; ebenso nun endlich die Premiere der einzigen Morricone-Oper.

Die heißt „Partenope“ und gilt der sinnlich sirrenden Sirene Partenope. Deren sterbliche Überreste – sie hatte sich aus Gram um den Tod ihres Geliebten Melanis ins Meer gestürzt – sollen an die Küste von Sorrent getrieben worden sein und, so die Legende, haben dem alten Neapel seinen griechischen Namen gegeben. Das geschah in grauer Vorzeit, doch trotzdem hat man 2025 das 2500. Stadtjubiläum gefeiert. Das ging im Dezember angemessen festlich mit jener vor 30 Jahren für ein Pleite gegangenen Festival in Kampanien komponierten, aber erst jetzt uraufgeführten Morricone-Oper zu Ende.

Deren altphilologisch bemühtes, auf Italienisch, Griechisch und Neapolitanisch singen lassendes Libretto hat eher oratorienhafte Züge. Es beschreibt vage Verlust, Metamorphose und Wiedergeburt der Partenope, die zur kosmischen Figur für Freiheit und Opferbereitschaft verklärt wird. Und auch die Musik, ein violinenloses Flirren und Wispern, getrieben von folkloristischen Trommeln, atmosphärisch, dicht und eigenwillig, wirkt eher kontemplativ abstrakt, wie eine modale Meditation, denn als dramatisch zupackende Oper.

Insofern war die Neapel-Wahl der feministischen Kunstikone Vanessa Beecroft für Regie, Ausstattung und Choreografie durchaus richtig. Der sphärisch aus dem Graben säuselnden Damenchor blieb unsichtbar. Vor einer fleischfarbigen Rückwand hatte Beecroft ein sich langsam aus dem Nebel schälendes Tableau mit etwa drei Dutzend verschleierten Frauen in hautfarbenen Boddysuits und weißen Pumps gestellt, das meist statisch blieb.

Auch ein Erzähler war dabei. Es wurde ein wenig getanzt, Tote sanken zu Boden. Rechts vorn standen die beiden Italio-Diven Jessica Pratt (Partenope 1) und Maria Agresta (Partenope 2) in weißen Wallekleidern an gläsernen Pulten am Bühnenrand. Mal deuteten die eine in der Höhe, die andere in der Tiefe (und umgekehrt) die zwei Seelenseiten der Partenope aus; lyrisch mäandernd, dramatisch zugespitzt. Sie machten das mit Lust, Können und vokaler Schönheit ¬ so wie Riccardo Frizza das sanft tönende Orchester instrumental bestens im Griff hatte.

Seine „wahre Berufung“

Ein eher abstraktes, wenig dramatisches Opus. Man verstand, warum diese „Partenope“ so lange liegen musste. Doch in diesem Setting ohne anekdotisch zuspitzende Erzählhaltung und bei diesem repräsentativen Anlass machte der Einakter Sinn. Vermutlich wird man ihm aber künftig eher im Konzertsaal begegnen.

Auch nachdem seine Filmkarriere in Schwung gekommen war, komponierte Ennio Morricone weiterhin absolute Musik, die frei von den Zwängen der Filmregisseure und Produzenten war. Ja, er sah das Experimentieren als seine „wahre Berufung“ ansah, so Susanna Pasticci, Professorin für Musikwissenschaft an der Universität La Sapienza in Rom. So entstanden neben Filmmusiken im Stillen Dutzende von Werken für Konzertsaal und Bühne, darunter Kantaten, Kammermusik, Konzerte und Musik für Solostimme. Die sollen jetzt zugänglich gemacht werden, den Orchesterplanern Anreize geben, unbekannten Musik eines ungemein populären Komponisten zu programmieren.

Dafür muss natürlich gutes Aufführungsmaterial vorliegen. Das gilt aber auch für die Filmmusiken, die oft für den Alltagsgebrauch von fremder Hand orchestriert und zusammengestellt wurden. In dem RSB-Konzert konnte man freilich einen überwältigenden Eindruck gewinnen, wie gut, originell und vielschichtig der komplette Morricone komponierte, der Meister der Leinwand-Atmosphäre, aber auch der versatile Gestalter neuer packender Musik. Ein Anfang scheint also für das Erste gemacht.

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