Nun also auch noch der Whisky! Die Nachrichten über Absatzprobleme beim deutschen Wein, über brachliegende Weinberge und Ramschpreise für Champagner haben deutlich gemacht, dass Alkoholproduktion längst zur Krisenbranche geworden ist. Jetzt verkündete die Südstaatenmarke Jim Beam, dass ihre Stammdestillerie in Clermont, Kentucky, das gesamte Jahr 2026 geschlossen bleibt – mindestens.

Nach Jahren des Booms sitzen die Produzenten auf allzu vielen vollen Fässern; das Zeug wird ja nicht schlecht. Die Absatzkrise hatte sich angedeutet. Während der Corona-Pandemie stieg der Verkauf von Prozentigem und Hochprozentigem kontinuierlich. Die Leute hockten daheim, fürchteten sich vor Krankheit und Lockdown gleichermaßen.

Der Dichter Wilhelm Busch erkannte bereits: Wer Sorgen hat, hat auch Likör. Demzufolge begann ab 2019 global ein wildes Einkaufen und Sammeln seltener oder bewährter Marken für die Hausbar. Im Internet wurden rare Tropfen versteigert, teure Abfüllungen wechselten die Besitzer – und es wurde nicht zu knapp gebechert gegen Virus, Dunkelheit, Einsamkeit und Zukunftsangst. Und wie das nach jedem Rausch so geht: Es folgt der Kater. Nationalökonomisch gesprochen, redimensioniert sich die Schnaps- und Weinproduktion gerade wieder auf Normalmaß.

Geschüttelt, aber nicht gerührt

Doch was ist heute noch normal? Soziologen sehen eine tiefer greifende Abkehr vom Alkohol. Es gab einmal die fidelen Trinker aus der Generation des Nachkriegs und des Babybooms, als der Griff zu Biertulpe, Weinglas und Schnäpschen zur Geselligkeit dazugehörten. Diese Kohorte gibt gerade den Staffelstab weiter, prostet aus dem Jenseits oder leidet an allerhand Altersmalaisen, die das Trinken untersagen. In nachfolgenden Generationen, vor allem bei den derzeit ins Erwachsenenleben drängenden Kindern des neuen Jahrtausends, kommt dagegen – brachial gesprochen – das Saufen aus der Mode.

Die Gründe sind vielfältig. Alkohol hat viele Kalorien und steht dem Schlankheitsideal entgegen. Alkohol, so sagen die Ärzte heute, ist selbst in kleinen Mengen keine Medizin. Auch in der Kneipe zu sitzen und den Mitmenschen zuzuprosten, ist schlicht nicht mehr cool, wenn die Masse lieber mit einem Matcha-Chai-Latte nüchtern durch die sozialen Medien scrollt. Sonderbarerweise sind Rauchen, Kiffen, Pillen oder Pilze bei Jüngeren erheblich weniger von der Krise betroffen als das Trinken, obwohl letztlich jede Droge ihren gesundheitlichen Preis verlangt. Ob die Abneigung gegen Alkohol vielleicht auch mit der steigenden Zahl muslimischer Konsumenten zu tun hat, denen ihr Prophet das Bechern verbietet?

In Clermont, Kentucky, jedenfalls herrscht jetzt erst mal für lange Kurzarbeit. Offenbar trifft es in Amerika beim Schnaps jedoch vor allem die eingeführten Billigmarken, wohingegen Edelwhiskys ihre Produktion immer noch ausweiten. Beim Trinken in Europa sieht es genau andersherum aus: Feine Lagen und Schampus leiden; Fusel und Discounter-Verschnitt werden vor allem im weniger kultivierten Deutschland weiterhin munter hinter die Binde gekippt.

Deutlich ist, dass dieses Leben ohne Drogen kaum erträglich ist. Schon Ötzi hatte bei seinem Zug über die Alpen magische Pilze im Gepäck. Darum zeugt die Krise von Schnaps und Wein eher von kulturellem Wandel und nicht von aufkommender Prohibition. Wir sind geschüttelt, aber nicht gerührt.

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