Am Anfang war die Liste. Gott hatte wahrscheinlich eine, mit Vorsätzen für jeden Tag, bis zum siebten und letzten. Bridget Jones hat auch eine. „Was ich nicht mehr tun werde“, ist sie überschrieben. So beginnt Helen Fieldings 2001 prominent verfilmter Roman „Bridget Jones’ Tagebuch“ aus dem Jahr 1996.
Auf der Verzichtsliste der Anfang-30-Jährigen stehen Dinge wie „mehr als vierzehn Alkoholeinheiten pro Woche trinken“, „Rauchen“, „ausgefallene Unterwäsche, da sinnlos, weil kein Freund vorhanden“ und „mehr ausgeben, als ich verdiene“. Auf ihrer To-do-Liste versammeln sich Stichpunkte wie: „Beruflich aussteigen und neuen, ausbaufähigen Job suchen“, „selbstsicherer sein“, „alle Klamotten, die ich zwei Jahre oder länger nicht getragen habe, für Obdachlose spenden“ und „mehr Hülsenfrüchte essen“.
Der erste Tagebucheintrag ist auf „Sonntag, 1. Januar“ datiert. Und kaum hat das neue Jahr begonnen – „Ich hasse das neue Jahr. Ich hasse alle“ –, hat die Londonerin bereits ihre ersten Vorsätze gebrochen. „Erster Tag im neuen Jahr war Tag des Grauens“, notiert Jones und gibt zu bedenken, dass man es doch eigentlich nicht von einem erwarten könne, dass die Neujahrsvorsätze gleich am ersten Tag des Januars umgesetzt würden. „Ich denke, es wäre wesentlich vernünftiger, mit den guten Vorsätzen immer erst am 2. Januar anzufangen.“ Schließlich gehöre die Hälfte des 1. Januars noch zur Silvesterfeier, wo es zu viel verlangt sei, das Sektglas pünktlich um Mitternacht wegzukippen und die Zigarette auszutreten, außerdem brauche man am nächsten Morgen das ausgiebige Katerfrühstück mehr als sonst.
Die sympathisch immer wieder an ihren eigenen Ansprüchen Scheiternde macht von Tagebuch, Listen und Vorsätzen Gebrauch, um durch Selbstreflexion der zunehmenden gesellschaftlichen Auflösung vorgegebener Strukturen entgegenzuwirken. Wo alles erlaubt ist, muss sich das Individuum seine eigenen Regeln aufstellen, um sich selbst nicht zu verlieren. Es muss selbst entscheiden, wie es leben will. Statt etablierte Rollen auszufüllen, erfindet es neue. Mit oder ohne Alkohol, mit oder ohne Ehemann, mit oder ohne Karriere.
Damit ist Bridget Jones eine typische Vertreterin der bis heute gegenwärtigen Mentalität der Selbstoptimierung, die einem Regime der Selbstbeobachtung, -disziplin und -organisation unterliegt. Mit ihrer „so offensichtlichen Last des Selbstmanagements“ gilt Jones außerdem als Sinnbild postfeministischer Überforderung, wie sie die britische Soziologin Angela McRobbie beschrieben hat und wie sie, fast dreißig Jahre nach Veröffentlichung des Kultromans, noch immer präsent ist.
Das sich überwachende und kontrollierende Selbst zückt heute vielleicht nicht mehr ganz so häufig Stift und Notizbuch, aber lässt dafür den Daumen über das Smartphone gleiten, um dort seine Gefolgschaft an den eigenen Plänen teilhaben zu lassen. Immerhin ein Punkt auf Jones’ Liste – „Mich zu Hause gehen lassen; werde mir stattdessen vorstellen, beobachtet zu werden“ – ist im digitalen Zeitalter wesentlich einfacher umzusetzen.
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