Während im deutschsprachigen Raum noch nach einem allseits akzeptierten Pronomen jenseits von sie und er für transsexuelle oder nicht-binäre Menschen gesucht wird, schien sich in den USA das als genderneutraler Singular verwendete they durchgesetzt zu haben. Sein Gebrauch stieg augenscheinlich unaufhaltsam an. Dabei half, dass es sich nicht um eine reine aktivistische Kopfgeburt handelte. In der Einzahl gebrauchtes they taucht schon in den Werken William Shakespeares auf, wie der Linguist John McWhorter in seinem Buch „Pronoun Trouble“ dargelegt hat.
Ebendieser McWhorter hat nun die große Pronomen-Revolution schon wieder für beendet erklärt. Und das tut er als Sprachwissenschaftler nicht ex cathedra, sondern auf der Basis von Fakten, Zahlen, Belegen und Statistiken. In seinem wöchentlichen Newsletter für die „New York Times“ schrieb er: „Als Linguist, der untersucht, wie sich Sprache verändert, nahm ich den zunehmenden Widerstand gegen das binäre System der Geschlechter wahr und ließ mich in das hineinziehen – und war dafür vielleicht sogar voreingenommen –, was ich als eine pronominale Revolution verstand.“
Doch in den vergangenen zwei Jahren hätten Umfragen gezeigt, dass sich immer weniger junge Menschen als nicht-binär – also keinem der beiden biologischen Geschlechter zugehörig – identifizierten: „Binäre Geschlechter sind wieder auf dem Vormarsch, und damit auch die Pronomen, die am engsten mit ihnen verbunden sind.“ Folgerichtig nahm McWhorter he und she in seine Liste der „Wörter und Phrasen 2025“ auf – zusammen mit Groyper (eine Bezeichnung für eine rechtsradikale antisemitische Aktivistengruppe) und der jugendsprachlichen Unsinns-Zahlenkombination 6-7.
Der Linguist verweist unter anderem auf Umfrage-Auswertungen des britisch-kanadischen Politikwissenschaftlers Eric Kaufmann, der konstatiert hatte, der Anteil von Studenten, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren, sei „im freien Fall“. Nach einem Höhepunkt 2023, als sich acht Prozent als nicht-binär bezeichneten, sei die Zahl 2025 wieder auf weniger als zwei Prozent gesunken. Kaufmann, der als Professor an der britischen Privatuniversität Buckingham tätig ist, veröffentlichte einen Bericht mit dem Titel „Der Rückgang trans- und queerer Identität unter jungen Amerikanern“.
Kaufmann wertete dafür Ergebnisse von Studentenbefragungen des amerikanischen Higher Education Research Institute (HERI) und der Foundation for Individual Rights and Expression (FIRE) aus sowie Daten der privaten College-Vorbereitungsschule Phillips Academy Andover in Massachusetts und der Brown University in Providence, Rhode Island. Sein Report ist von vielen Leuten angegriffen worden, die ein Interesse daran haben, die Zahl nicht-binärer Menschen möglichst hoch anzusetzen, um ihrem einschlägigen Aktivismus mehr Gewicht und Dringlichkeit zu geben. Neben methodischen Einwänden lautet eines der Argumente, es sei doch offensichtlich, dass im gegenwärtigen Amerika weniger Menschen den Mut hätten, sich öffentlich als non-binär oder transsexuell zu bekennen.
Doch Kaufmanns Schlüsse werden auch gestützt von Jean M. Twenge, einer Psychologieprofessorin an der San Diego State University. Sie verweist auf eine jährliche Studie der Tufts-Universität, die auf wesentlich breiterer Datenbasis beruht als die Umfragen, die Kaufmann herangezogen hatte. Diese Cooperative Election Study (CES) zeige, laut Twenge: „Bei den 18- bis 22-Jährigen ging die Identifikation als ‚trans‘ von 2022 bis 2024 um nahezu die Hälfte zurück. Die Identifikation als nicht-binär sank zwischen 2023 und 2024 um mehr als die Hälfte.“
Das Infragestellen der biologischen Geschlechtszugehörigkeit scheint demnach ein Gen-Z-Phänomen gewesen zu sein. Twenge schreibt, Amerikaner, die in den frühen 2000er-Jahren geboren wurden, seien eher geneigt, sich als transgender oder nicht-binär zu identifizieren, als Menschen, die vor oder nach ihnen geboren wurden.
Daraus ergeben sich Fragen, die auch für Deutschland relevant sind. War Nicht-binär- oder Transsexuell-sein womöglich doch zumindest teilweise eine Psycho-Mode, wie Skeptiker immer behauptet haben? Welche Auswirkungen haben die US-Trends auf Europa? Bei der gesamten Identitätspolitik handelt es sich ja um an amerikanischen Universitäten entwickelte Konstrukte, die jenseits des Atlantiks bereitwillig übernommen wurden – einschließlich der englischen Terminologie. Als Kandidaten für ein genderneutrales Pronomen im Deutschen ist auch die einfache Adaption von they beziehungsweise dessen lautliche Eindeutschung dey propagiert worden.
Antworten aus den USA sind möglicherweise nur begrenzt zu erwarten. Die Psychologin Twenge weist darauf hin, dass die CES-Umfrage teilweise mit staatlichen Geldern gefördert wird. Und die Trump-Administration hat Empfänger solcher Fördermittel angewiesen, geschlechtliche Identitäten nicht mehr abzufragen. Sollte dies in der zu erwartenden CES-Umfrage für 2025 nicht geschehen sein, wäre die Anweisung ein klassisches Eigentor: Ein Trend, der Trump & Co durchaus gelegen käme, ließe sich nicht mehr durch belastbare Zahlen untermauern.
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